Gamliel II. - Talmud

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Gamliel II. Gamliel, Rabban, auch (zum Unterschiede von seinem Großvater Gamliel I.) R. Gamliel von Jabne, Jamnia. Gesetzes- und Volkslehrer, Tana, der nach dem Tode R. Jochanan b. Sakai das Patriarchat erhielt und das Präsi­dium des Synhedrion (von 80 bis 118 n.) führte.

I. Geburt, Herkunft, Bildung, Kennt­nisse, Familien- und Privatverhältnisse, Hauswesen, Eigenschaften und Lebens­weise. Seine Geburt und Herkunft ha­ben eine Reihe großer Ahnen zu ihrer Verherrlichung, die ihre Abkunft bis auf das davidische Königshaus hinauf­führen. Unser Gamliel war ein Urenkel Hillels, ein Enkel Gamliels I. und der Sohn des R. Simon ben Gamliel, sämt­lich Männer, die dem Volke als Ge­setzes- und Volkslehrer und dem Syn­hedrion als Präsidenten vorstanden und so die Stützen und Zierden des Ju­dentums waren. In Jerusalem (gegen 10 n.) geboren, erhielt er in dem edeln Hause seines Vaters eine sorgfältige Er­ziehung. Sein Großvater Gamaliel I. lebte noch und verwaltete das Präsi­dium des Synhedrions. Oft erinnerte sich Gamliel II. in seiner späteren Amt­stätigkeit der Richtersprüche seines Großvaters, die er stets mit viel Pietät erwähnt. Früh erlangte er die Reife eines Gesetzeslehrers, so dass er noch während der Lebenszeit R. Jochanan ben Sakais, des Synedrialoberhauptes in den ersten Jahren nach der Zerstö­rung des Tempels, Gesetzesentschei­dungen traf. Seine Jugend fiel in die stürmischen Jahre des verzweiflungs­vollen Nationalkampfes gegen die Be­drückungen der römischen Herrschaft in Palästina. Auch sein Vater R. Simon ben Gamliel wurde von der Kriegsbe­wegung fortgerissen, er schloss sich den Aufständischen an und feuerte zum Krieg gegen Rom an. Das kostete ihn das Leben, er wurde nach dem un­glücklichen Ausgange des Krieges hin­gerichtet. Mit Mühe entrann sein Sohn, unser Gamliel II einem gleichen Schick­sal. R. Jochanan ben Sakai, das Haupt der Friedenspartei, verwendete sich für ihn bei Titus und rettete sein Leben. Diesem folgte nun der Gerettete nach Jamnia, wo ihm die Besitzungen seines Vaters wiedergegeben wurden. Er hatte große Ländereien, die er zur Bearbeitung Freigärtnern für einen bestimmten Teil vom Bodenertrag überließ. Hier führte er einen gebildeten Hausstand, der an Glanz dem seiner Ahnen nicht nachgab. Man befleißigte sich der griechischen Sprache und Kunst und beschäftigte sich mit verschiedenen Wissensfächern. Im Volke herrschte damals in Folge der Ge­walttaten der römischen Landpfleger eine tiefe Abneigung gegen alles Fremd­artige, Griechische und Römische, aber man verübelte diese Ausnahme dem Hause R. Gamliels nicht, weil es oft mit den Spitzen der römischen Herrschaft in Berührung kam und die einzige Vertretung der Juden bei denselben bildete. In seinen späteren Gesetzesbestimmungen benutzte er diese sich angeeigneten Kenntnisse in den verschiedenen Wissensfächern. Geometrische Kenntnisse wendete er zur Ermittlung der Ortsentfernung der Höhen und Tiefen an; er ließ sich hierzu eigens ein Fernrohr anfertigen, mittels dessen er 2000 Ellen nach jeder Seite hin übersehen konnte. Ebenso hatte er zur Prüfung der Zeugenaussa­gen über den sichtbar gewordenen Neumond eine Tafel mit den Zeich­nungen der verschiedenen Neumonds­phasen. An leiblicher Beschaffenheit war er schwächlich und für äußere Zufälle höchst empfindlich, weshalb man ihm die Nichtbeobachtung vieler rabbinischen Bestimmungen nachsah (Berachoth 16 ß). Desto gewissenhaf­ter war er in der Erfüllung des Sitten­gesetzes. Er las das 18. Kapitel in Eze­chiel, wo von Vers 1 bis 10 die Hauptpflichten des Sittengesetzes auf­gezählt werden, die der Mensch, um sich seines Lebens würdig zu zeigen, zu vollziehen habe, und war davon so sehr mitgenommen, dass er unter Trä­nen ausrief: »Ach, erst nach allen die­sen wird der Mensch seines Lebens wert! « R. Akiba, der zugegen war, be­ruhigte ihn und sprach: »Freund! es bedarf oft nur der Ausübung eines die­ser Gebote, um zu leben!« (Sanhedrin 81 a.) Die Werke der Humanität waren daher eine seiner Haupttugenden. Sein Haus stand allen, besonders den Ge­lehrten, gastfrei offen. Letztere bewir­tete er oft selbst bei Gastmählern, was einige als eine Nachahmung Abrahams ansahen, der auch seine Gäste selbst bewirtete oder gar als ein Werk Gottes priesen, der ebenfalls täglich die Winde wehen, die Wolken ziehen, den Regen bringen lasse usw. und so den Tisch für die Menschen bereitet. Gegen Unglück­liche, Witwen und Waisen war er voll Mitgefühl und äußerst wohltätig, so dass man ihn und sein Gericht: »Vater der Weisen« nannte. Er hörte einst des Nachts eine Frau in der Nachbarschaft weinen und wehklagen und wurde da­von so mitgenommen, dass er die ganze Nacht mitweinte. Am Morgen merkten dies seine Hausdiener und bewogen die Frau nach einem andern Stadtteil zu ziehen. So erlaubte er auch die Wieder­verheiratung einer Frau auf die Todes­anzeige eines einzigen Zeugen. Seine Diener wurden gleich Hausgenossen betrachtet und behandelt; man rief den Sklaven nicht anders als mit dem ver­traulichen »Väterchen!« und die Skla­vin »Mütterchen!«. Sein Sklave Tobi erfreute sich der Rechte eines Halb­freien. R. Gamliel gestattete ihm gleich einem Israeliten das Anlegen der Te­philin, rühmte dessen Gesetzeskunde und wollte ihm, als er ihn an seinem Auge schädigte, die volle Freiheit schenken. Über den Tod dieses Sklaven musste man ihn wie um den Dahingang eines seiner lieben Freunde trösten. R. Gamliel war verheiratet, aber hatte das Unglück, dass ihm die Frau früh ge­storben war. Von seinen Kindern kennt man einen Sohn, R. Simon, der ihm in seine Würde als Vorsitzender des Syn­hedrions gefolgt war, und eine Tochter, die er mit seinem Bruder Abba verhei­ratet und mit dem Segen entließ: »Komme nicht in den Fall, das Elternhaus wieder aufsuchen zu müssen«, und noch einen Sohn Abba. In Bezug auf die Beobachtung der religiösen Bräuche war er streng. Er befand sich einst am Laubhüttenfeste auf einer See­reise, wo ihm der Ankauf eines Lulab (Palmenzweig, siehe Laubhüttenfest­strauß) für 1000 Sus nicht zu teuer war. Doch erlaubte er sich für seine Person und sein Haus einige Freiheiten, die man in den gelehrten Kreisen als Ausnahmen für das Haus des Patriar­chen duldete. Man befließ sich, in sei­nem Haus wie schon erwähnt, der grie­chischen Sprache und der griechischen Wissenszweige gegen die Verpönung derselben von Seiten der anderen Kol­legen, er selbst las apokryphische Schriften, eine verbotene Paraphrase, Targum, des Buches Hiob, die er nur auf die ausdrückliche Mahnung des Abba Chalephta, dieselbe sei schon von seinem Großvater Gamaliel I. für apokryph erklärt worden, beseitigte. Ferner nahm er keinen Anstand, in dem Badehaus zu Akko, das mit der Statue der Aphrodite geschmückt war, zu baden. Seinen Kollegen, die darüber erstaunt waren, rief er zu: »Die Aphro­dite ist zur Zierde des Badehauses, aber das Badehaus nicht zur Zierde der Aphrodite da! « Am Todestage seiner Frau nahm er, wie gewöhnlich, ein Bad und verrichtete das Schemagebet gegen die üblichen Trauerbestimungen, de­rentwegen er auch hier seinen Kollegen entgegnete: »Ich höre nicht auf euch, die Verrichtung des Schemagebetes zu unterlassen!« Seine Arbeiter speiste er mit den zweifelhaft verzehnten Früch­ten, demai. Er hielt den von heidni­schen Zeugen unterzeichneten Scheide­brief für rechtskräftig, und erlaubte, wie bereits erwähnt, die Wiederverhei­ratung einer Frau auf die Aussage nur eines einzigen Zeugen. Mit seinem Freunde R. Akiba war er am Laubhüt­tenfeste einst auf einem Schiffe und machte sich über dessen Einfall lustig, auch auf der See von der Pflicht, in Laubhütten zu wohnen, nicht befreit zu sein. R. Akiba richtete wirklich für sich eine Laubhütte auf dem Schiffe, aber kaum stand sie da, wurde sie von einem Sturm weggerissen und ins Meer geschleudert. Natürlich ließ es darauf R. Gamliel nicht an Sticheleien fehlen, er rief ihm zu: »Akiba, wo ist deine Laubhütte?«

II. Amtsantritt, die Zeit, seine Kol­legen und Freunde. In seinem kräftigen Mannesalter erhielt er nach dem Tode R. Jochanan ben Sakai unter dem Kai­ser Domitian die Nassiwürde, die er sich im Jahre 80 von dem römischen Prokurator zu Antiochien in Syrien be­stätigen ließ. So bekleidete er die höchste Stelle im Syndedrion, er wurde dessen Vorsitzender, und musste als solcher sich oft persönlich, wenn er et­was ausrichten wollte, zu dem römi­schen Prokurator verfügen. In wichti­ger Angelegenheit ging er weiter und reiste mit seinen Kollegen mehrere Mal nach Rom. Die Zeit, in der er sein Amt antrat, war für Juda eine sehr zerrüttete und stürmische. Rom ließ den Druck seiner Herrschaft bei jeder Gele­genheit stark fühlen. Es schickte sich an, jedes Andenken früherer nationalen Selbstständigkeit der Juden zu vernich­ten. Domitian, Trajan und Hadrian willigten gern in jeden Verfolgungsan­schlag, der von Seiten der Feinde gegen die Juden ersonnen wurde. Solche Ver­folgungen führten zu den erbittertsten Kämpfen gegen die römische Herr­schaft, aus denen der Riesenkampf des barkochbaischen Aufstandes hervor­ging. Die Juden konnten den Verlust ihrer Selbstständigkeit, die Zerstörung ihres Tempels in Jerusalem nicht ver­schmerzen, ein Zustand, der durch die neuen Religionsverfolgungen von Sei­ten Roms stets frisch erhalten wurde. In dieser Zeit der Not waren es die ei­nen, welche an dem Fortbestand des jüdischen Volkes verzweifelten, sie ka­men überein, keine Ehen mehr zu schließen, keine Kinder zu zeugen und sich die schwersten Enthaltsamkeiten aufzuerlegen, um so selbst an sich das Werk der Vernichtung zu vollziehen. Andere dagegen machten mit den Rö­mern gemeinsame Sache und wurden gefügige Werkzeuge ihrer Henkers Hände. In der Mitte zwischen diesen beiden Strömungen entfaltete R. Ga­miel II. seine Tätigkeit, versuchte er mit seinen um ihn sich scharenden Gleichgesinnten im Volke wieder Be­wusstsein für seine Aufgabe und seine Bestimmung wachzurufen. Klug, edel, jedem Extrem abhold, über jede Parteirichtung erhaben, voll Energie und Tat­kraft, verstand er seine Zeit und begriff die Mittel, die ihrer Heilung nötig wa­ren. Er selbst entwirft uns ein Bild von der Verderbtheit seiner Zeit. »Von dem Tage, da sich falsche Richter mehrten, häuften sich falsche Zeugen; da Ver­leumder zunahmen, nahmen Plünde­rungen überhand; da Frechheit wuchs, schwanden immer mehr Ehre und Würde von den Menschen; da die ge­liebten Söhne (die Israeliten) durch ihre Werke ihren Vater im Himmel kränk­ten, ließ Gott zu ihrer Bestrafung eine frevlerische Regierung erstehen.« Die Männer, die ihn in seinem Vorhaben unterstützten und sich bald zu einem Synhedrion konstituierten, waren: R. Elieser ben Hyrkanos, R. Josua ben Chananja, R. Zadok, R. Tarphon, Sa­muel der Kleine, R. Dosa ben Hyrka­nos, R. Elasar ben Arach, R. Akiba u. a. m. Von diesen waren seine intims­ten Freunde und Gesinnungsgenossen: Zadok und Elasar, dessen Sohn. Zu sei­nen Unterbeamten hatte er: Sonon und Boehtos, dessen Sohn.

III. Innere Tätigkeit, Streit, Zer­würfnisse, Absetzung, Wiedereinset­zung, weitere Einrichtungen und An­ordnungen. Das Erste, was er vornahm, war das Konstituieren eines starken Synhedrions, wozu die Männer, wie wir sie eben nannten, äußerst befähigt schienen, es waren die bedeutendsten Persönlichkeiten, die das Judentum während der ganzen talmudischen Epoche aufzuweisen hatte. Von diesen saßen in den Synhedrialsitzungen ihm zur Rechten: der fromme greise Zadok und Abba, sein Bruder, zur Linken: R. Josua u. a. m., im Ganzen 70 bis 72 Personen. In Gemeinschaft mit diesen ausgezeichneten Männern nahm er die Revision des bis dahin tradierten mündlichen Gesetzes vor. Dasselbe sollte in allen seinen Teilen, wie es in den verschiedenen Schulen seine Ent­wicklung und Erweiterung erfahren hatte, nochmals geprüft und durch den Majoritätsbeschluss seine Rechtskraft erhalten. Man hatte in diesem Tribunal die Männer der beiden Schulen Samais und Hillels, die über die differierenden Gesetzesauslegungen sich einigen und so die Einheit in der Lehre wieder her­stellen sollten. Die durch die Majorität des Synhedrions festgestellte Gesetzes­bestimmung war unabänderlich, der sich auch die Minorität bei Strafe des Bannes fügen musste. Über die Not­wendigkeit dieser Maßregel, die in der neuesten Zeit sehr verkannt wird, las­sen wir die Zeitstimmen selbst spre­chen. »Herr, dir ist es offenbar, dass ich es nicht zu meiner Ehre getan, noch zur Ehre meines Vaterhauses, sondern nur, damit die Streitigkeiten sich nicht meh­ren in Israel!«, sollen die Worte R. Gamliels gewesen sein, als er sich nach der Verbannung seines Schwagers R. Elieser auf einer Seereise befand und sein Schiff von einem Sturme stark be­droht sah und in der Todesangst mit sich über seine Handlungen abrech­nete. Eine andere Stelle erzählt: »Als die Weisen in den Weinberg (das Syn­hedrion) zu Jabne (Jamnia) einzogen, sprachen sie besorgnisvoll, es könnte eine Zeit kommen, wo man vergeblich Aufschluss über ein Gesetz in der Schrift oder in der Tradition fordern werde, sodass eine Sache nicht der an­dern gleicht.« Man beschloss daher mit den Lehren der Schulen Hillels und Sa­mais den Anfang zu machen. Eine dritte Stelle endlich berichtet: »Drei Jahre lang dauerte der Streit zwischen der Schule Samais und Hillels, jede von denselben behauptete für ihre Bestim­mungen die Gesetzesnorm, bis ein Bathkol verkündete: >Die Bestimmun­gen dieser Schule wie jener sind Worte des lebendigen Gottes, aber die Geset­zesnorm haben nur die der Schule Hil­lels.«< »Wo war diese Entscheidung? Zu Jabne!«, fügte R. Jochanan erklä­rend hinzu. Es handelte sich jetzt mehr um die Läuterung und Erzielung einer Einheit in der Lehre, als um deren Wachstum und Ausbreitung. Und dies führte zu einem zweiten wichtigen Schritte. Bisher war das Lehrhaus für alle geöffnet, die Verhandlungen des Synhedrions waren öffentlich. Da er­heischte die strenge, unabhängige Durchführung obigen Vorhabens von dieser Freiheit abzustehen. Der Kreis, innerhalb dessen die Verhandlungen gepflogen wurden, sollte ein engerer werden, nur aus bekannten charakter­festen Männern bestehen. Wie leicht könnte eine Verkennung der Verhand­lung stattfinden und zur Entstehung neuer Sekten führen. R. Gamliel be­stimmte daher, dass nur die Gelehrten Zutritt zu den Verhandlungen haben, deren Rechtschaffenheit allgemein be­kannt ist, oder wörtlich: deren Inneres sich in ihrem Äußeren abspiegelt. Diese Maßregel, so hart sie auch scheint, war im Grund nicht ganz neu. Schon Samai bestimmte: »Man teile nur Lehren ei­nem würdigen Schüler mit«, freilich gegen den Einspruch von Seiten der Hilleliten. Es war eine Riesenarbeit, die der Patriarch auf seine Schulter ge­laden, und es gehörte dazu die Energie und die Ausdauer eines R. Gamliel, um nicht der Last zu erliegen. Hierzu kom­men Verkennung, Missachtung, Ver­folgung, die auf jede durchgreifende Tätigkeit zu folgen pflegen und auch hier nicht ausblieben. Spätere erzählen, dass in Folge dieser harten Maßregel im Lehrhause mehrere hundert Sitze leer blieben, und R. Gamliel lange nachsann, ob er nicht durch diese Ein­engung des Zuhörerkreises dem Tho­rastudium Schaden zugefügt habe. Doch der Mann wankte nicht, und wir Spätem wissen ihm dafür Dank, er hat das Judentum vor Zersplitterung be­wahrt und seine Einheit erhalten. Na­türlich konnte ein Werk von solch weitreichendem Umfange und tiefein­schneidender Bedeutsamkeit nicht ohne starke Kämpfe und schwere Op­fer vollbracht werden. So eröffnete R. Gamliel die in der jüdischen Geschichte einzig dastehenden Synhedrialsit­zungen, von deren Verhandlungen sich noch die wichtigsten, bei denen es sehr stürmisch herging, erhalten haben. Die Oppositionsmänner hatten die größten damaligen Gelehrten in ihrer Mitte, als z. B.: R. Dosa ben Hyrkanos, R. Josua, R. Elieser, Schwager R. Gamliels, R. Akiba u. a. m. R. Gamliel nahm ihnen gegenüber eine unparteiische Haltung an, aber er machte von dem Grund­satz: »die Minorität habe sich stets den Beschlüssen der Majorität zu fügen, wenn sie nicht der Strafe des Bannes verfallen soll«, ohne Rücksicht und Schonung den vollen Gebrauch. Der Erste, der von der Bannstrafe betroffen wurde, war R. Elieser ben Hyrkanos, der Schwager R. Gamliels. Die Frage über das Reinheitsverhältnis eines Ach­nai-Ofens (eines irdenen Ofens, der zerschnitten, wieder zusammengesetzt werden konnte und dessen Fugen mit Sand ausgefüllt wurden) führte zu ei­ner Differenz der Meinungen zwischen R. Elieser und R. Josua. R. Elieser be­rief sich auf äußere für ihn sprechende Beweise, R. Josua verwarf sie und hatte die Majorität für sich. Da verharrte ersterer starr bei seiner Meinung, was die Verhängung des Bannes über ihn zur Folge hatte. R. Akiba übernahm es, dem Ausgestoßenen die verhängte Bannstrafe auf die schonendste Weise zu verkündigen und R. Gamliel sprach in erregter Stimmung: »Herr der Welt! Dir ist es offenbar, dass ich es nicht für meine Ehre getan, noch für die meines Vaterhauses, sondern nur zu deiner Ehre, damit die Streitigkeiten sich nicht in Israel mehren!« Bald sollte auch R. Josua von der Strenge des Patriarchen betroffen werden. Die Neumondsbe­stimmung wurde damals noch auf Zeugenaussage des Sichtbarwerdens des Neumondes, der ersten Mondsi­chel, bestimmt. Eines Tages traten zwei Zeugen vor das Synhedrion und sagten aus, dass sie den Neumond am 30. Tage gesehen, ohne dass er wirklich an dem Abende vorher sichtbar wurde. R. Gamliel nahm die Zeugen als wahr an und bestimmte darnach den Beginn des neuen Jahres. R. Dosa ben Hyrkanos erklärte sich dagegen und R. Josua stimmte ihm bei. Sofort ließ R. Gamliel zur Aufrechterhaltung seiner Autorität dem R. Josua sagen, dass er sich an dem nach seiner Berechnung stattfin­denden Versöhnungsfeste mit Stab und in Reisekleidern zu ihm verfüge. R. Akiba war es aber auch hier, der R. Jo­sua den strengen Befehl überbrachte. Dieser rief tief erregt: »Lieber läge ich ein Jahr auf dem Krankenlager, dies hätte mir R. Gamliel nicht antun sol­len!« Aber R. Akiba und R. Dosa stimmten ihn nachgiebig, da man auch im Falle des Irrtums dem Nassi bei der Feststellung des Neumondes unbedingt folgen müsse. R. Josua verfügte sich wirklich an dem bestimmten Tage laut Vorschrift zu R. Gamliel. Dieser war von dessen Nachgiebigkeit so gerührt, dass er ihn küssend mit den Worten be­grüßte: »Willkommen mein Lehrer, mein Schüler! Mein Lehrer in Weisheit; mein Schüler, da du meinem Verlangen nachkamst. Heil dem Zeitalter, in dem die Großen auf die Geringen hören!« Leichter kam R. Akiba davon, der einst in Lydda die Neumondszeugen zurück­hielt, um dadurch die Neumondsbe­stimmung um eine Tag zu verzögern. R. Gamliel sandte ihm den Verweis zu: »Akiba, du machst die Zeugen für die Zukunft zu Sündern.« Doch war die dadurch eingetretene gegenseitige Spannung zwischen dem Patriarchen und den Synedrialmitgliedern noch lange nicht beseitigt. In Jericho bewir­tete man eines Tages R. Gamliel und die anderen Synedrialmitglieder mit Datteln. Nach dem Genusse derselben beehrte R. Gamliel den R. Akiba mit der Verrichtung des Nachtischgebetes. Dieser verrichtete dasselbe nicht nach den Anordnungen R. Gamliels, son­dern laut Vorschrift der anderen Ge­lehrten. R. Gamliel war darüber höchst ungehalten und rief ihm zu: »Akiba, wie lange wirst du dich zwischen die Streitenden mischen! « R. Akiba schwieg nicht und antwortete: »Meister, ist es nicht deine eigene Lehre: Überall, wo der Einzelne mit der Majorität im Streite ist, richte man sich nach der Majorität!« So wurde R. Gamliel mit seinen eigenen Waffen bekämpft, doch war dies nur ein Vorgefecht zu bedeu­tend größeren Kämpfen. R. Zadok, ein Aaronide, hatte in seiner Herde eine Erstgeburt, deren Lippen beim Fressen verwundet wurden, so dass sie, wenn der Fehler dem Vieh nicht absichtlich beigebracht wurde, nach dem Gesetz geschlachtet werden durfte. Er wendete sich deshalb an R. Josua, ob man ihm, dem gesetzeskundigen Aaroniden mehr als einem Aaroniden von der Klasse der Idioten, Am-Haarez, das Vertrauen schenke, nicht selbst dem Tiere den Fehler beigebracht zu haben. R. Josua bejahte. Aber die Sache kam nochmals vor R. Gamliel und dieser entschied ge­gen R. Josua. Da wurde dieser Fall in einer Synhedrialsitzung zur Verhand­lung vorgelegt. R. Gamliel trat vor und richtete die Frage an die Gelehrten: »Gibt es einen Unterschied zwischen einem Aaroniden vom Stande der Ge­lehrten und dem von den Idioten?« R. Josua, als Abbethdin, antwortete: »Nein! Wir kennen keinen Unterschied zwischen diesen.« Da redete ihn R. Gamliel hart an: »Stehe auf, dass man gegen dich zeuge!« Er stand auf und antwortete betroffen: »Der Zeuge steht mir lebendig gegenüber, ich gestehe meine andere Entscheidung in dieser Sache ein.« R. Gamliel begnügte sich nicht damit, ließ R. Josua weiter stehen und setzte seinen Vortrag fort. Das war eine öffentliche Beleidigung des so sehr würdigen Mannes. Die Synedristen fin­gen an zu murren und riefen dem Er­läuterer R. Chuzpith zu: »Er möge inne halten! « Es war eine öffentliche Kund­gebung gegen die Übergriffe des Patri­archen, eine Genugtuung für den belei­digten R. Josua, zu mehr kam es diesmal noch nicht. Aber die Opposi­tionsmitglieder schlossen sich durch diesen Vorfall enger aneinander und nahmen eine abwartende Stellung ge­genüber dem Patriarchen ein. Die Ge­legenheit kam bald, wo sie ihn ihre Macht fühlen ließen. Ein Jünger trat vor R. Josua mit der Frage: »Ist die Verrichtung des Abendgebetes eine Pflicht oder nur dem freien Willen des Israeliten überlassen?« »Das Abendge­bet ist eine freie religiöse Handlung«, antwortete R. Josua. Derselbe wendete sich mit dieser Frage auch an R. Gam­liel, der wieder entgegengesetzt ent­schied: »Das Abendgebet ist eine Pflicht!« Da sprach der Fragesteller: »Aber R. Josua hat mir ja das Abend­gebet als keine Pflicht, sondern für ei­nen freie religiöse Handlung erklärt.« »So warte«, antwortete R. Gamliel, »bis die Gelehrten sich versammeln, wir wollen über diese Sache verhan­deln.« In der Synhedrialsitzung trug der Jünger abermals seine Frage vor. R. Gamliel erklärte das Abendgebet als eine Pflichthandlung und fragte, ob je­mand dagegen sei. Der Abbethdin R. Josua trat vor und sagte: »Es erhebt sich keine Stimme dagegen.« Da fing R. Gamliel an: »Aber man hat mir ja in deinem Namen berichtet, dass du das Abendgebet für eine frei religiöse Handlung hältst! Stehe auf, dass man gegen dich zeuge.« Auch hier, wie bei der Verhandlung über die Erstgeburt des R. Zadok, gestand er seine entge­gengesetzte Entscheidung ein, aber es wiederholte sich trotzdem die vorige schmachtvolle Behandlung R. Josuas. Da geboten alle dem Dolmetscher R. Chuzpith zu schweigen, warfen R. Gamliel seine schon zweimalige Anma­ßung gegen R. Josua vor und schritten zur Absetzung desselben. R. Gamliel wurde seiner Würde als Nassi entklei­det und R. Elieser b. A. an seiner Stelle gewählt. Dieser hob sofort die Anord­nungen R. Gamliels auf, erlaubte wie­der allen freien Zutritt zum Lehrhause, sodass dasselbe plötzlich überfüllt wurde. In dieser unglücklichen Wen­dung sehen wir unsern R. Gamliel in seiner ganzen sittlichen Größe. Er be­suchte wie früher das Lehrhaus und wohnte den Verhandlungen bei. Da trat ein ammonitischer Proselyte na­mens Juda in die Versammlung mit der Frage: »Werde ich in die Gemeinde aufgenommen?« Wieder standen sich die Gegner R. Gamliel und R. Josua in ihren Entscheidungen darüber gegen­über. Ersterer berief sich auf das Ver­bot 5. M. 23. »Es komme kein Ammo­niter und kein Moabiter in die Gemeinde des Herrn.« R. Josua ent­gegnete ihm: »Sind denn diese Völker­schaften noch in ihren alten Besitzun­gen, hat sie nicht Sanherib nach Assyrien verpflanzt (Jesaja io)?« Aber heißt es nicht: »Ich bringe nachher die Gefangenschaft der Söhne Ammons zurück (Jeremia 49)?« »Sie sind doch wohl wiedergekommen! «, antwortete R. Gamliel. Jener verwies ihn auf Is­rael, dem auch die Rückkehr verheißen ist, ohne dass sie ganz erfolgt sei. Die Majorität erklärte sich für R. Josua. R. Gamliel widersprach nicht mehr, sondern fügte sich. Er tat noch mehr, er machte sich auf, um R. Josua in seinem eignen Hause aufzusuchen und sich da mit ihm auszusöhnen. R. Josua war ein Nagelschmied und die Wände seiner Wohnung waren von dem Rauch ganz schwarz. R. Gamliel trat in dessen Haus und wunderte sich über die Ge­stalt der Wohnung seines Kollegen. »Deinen Wänden«, sprach er, »sieht man es an, dass du ein Schmied bist!« R. Josua, noch immer in einer gereiz­ten Stimmung, entgegnete ihm: »Wehe dem Geschlechte, dessen Führer du bist! Du kennst nicht die Not der Ge­lehrten, wie sie ihre Nahrung herbei­bringen.« R. Gamliel sprach darauf: »Verzeihe mir, ich habe dir unrecht ge­tan!« Jener schwieg. »Verzeihe mir, aus Rücksicht gegen die Ehre meines Va­ters!«, wiederholte er seine Bitte. R. Josua reichte ihm die Hand und war versöhnt. Bald verbreitete sich die Kunde von diesem Vorfalle, alle waren davon überrascht und tief gerührt. Für R. Gamliel schlugen wieder freundlich die Herzen aller, und er wurde bald wieder in seine Würde als Nassi einge­setzt, die er in Gemeinschaft mit R. Elieser b. A. bekleidete. Es kamen nun noch mehrere Gegenstände zur Ver­handlung, die als Anordnungen R. Gamliels ihre Einführung verdanken. Von diesen nennen wir erst die Bestim­mung der täglichen Gebetspflicht am Morgen, Nachmittag und Abend an der Stelle des täglichen Opferdienstes. R. Gamliel ließ hierzu in einer Synhedrialsitzung von Simon Pekuli das Gebet der 18 Benedeiungen festsetzen, und Samuel der Jüngere übernahm den Auf­trag, gegen jede Sektiererei innerhalb des Judentums das alte Gebetsstück Birchath Haminim aus der Syrerherr­schaft zu redigieren und festzustellen. Hierher gehören die Bestimmungen noch anderer Gebetsstücke: des Tisch­gebets und verschiedenen Benedei­ungen, ferner die Einführung der feier­lichen Seder-Abende am Pessachfeste an der Stelle des Pessachopfers und die Abfassung mehrerer Stücke unserer Pessachhagada. Eine zweite Anord­nung betraf die Gesetze des Erlass­jahres, die auf dem durch die Kriege verarmten Landvolke schwer lasteten und dem Landbau sehr hinderlich wur­den. R. Gamliel mit seinem Synhedrion trugen der Zeit volle Rechnung und hoben ein altes Verbot auf, nach dem man das halbe Jahr vor dem Eintritt des Erlassjahres die Äcker nicht be­bauen durfte. Eine dritte Forderung, die von den Zeitgenossen nicht genug gerühmt werden konnte, bezog sich auf die Leichenbestattung, die bis da­hin mit vielem Luxus und großem Auf­wand üblich war, und in seiner Zeit so sehr das Volk drückte, dass viele aus Furcht vor den Bestattungskosten ihre Leichen unbeerdigt ließen. Gegen die­sen Missbrauch verbot er jeden Luxus bei der Leichenbestattung und führte die einfache Beerdigungsweise ein. Er selbst befahl den Seinigen, ihn nach dem Tode nur in einem leinenen Gewande zu begraben. Das Volk ahmte dem Beispiele des R. Gamliel nach und die einfache Beerdigungsweise wurde bei den Juden allgemein. Eine vierte Verordnung, die er im Synhedrion durchsetze, war zu Gunsten der Hei­den, dass deren Beraubung gleich der der Juden verboten und zu verpönen sei. Ebenso mild ging er gegen die Sad­ducäer vor, er bot ihnen und ihren Ge­sinnungsgenossen, den Baithusäern ,aufs Freundlichste die Hand und be­stimmte, die Sadducäer nicht wie Hei­den anzusehen, sondern sie gleich an­deren Israeliten zu achten, deren Handlungsweise uns Verbote zuziehen könnte. Auf gleiche Weise zeigte er sich gegen die Samaritaner, deren Zeugen­schaft er gleich der eines Israeliten, so­gar auf Scheidungsurkunden für voll­gültig ansah, und deren Früchte er wie die eines Nichtchabers (Am-Haarez) für Demai (zweifelhaft verzehnt) er­klärte. Erst später, nachdem er sich auf seinen Reisen von deren gesetzwid­rigem Leben überzeugt hatte, kam er von obigen Bestimmungen ab und ver­bot von ihrem geschlachteten Vieh Fleisch zu genießen.

IV. Seine Halacha, ihre Gegner, Be­nehmen und endliche Würdigung. In der Halacha war er kein unbedingter Anhänger der Schule Hillels, sondern strebte mehr nach möglicher Bereini­gung der Lehren Samais und Hillels. Er suchte den Grund der Halacha auf, und nahm von jedem Gesetzeslehrer das ihm Einleuchtende gern an. So entschied er oft nach der Schule Samais gegen die Hilleliten in drei Sachen zur Erleichterung und in drei Sachen zur Erschwerung des Shabbathgesetzes. Bei streitigen Fällen zwischen den Lehrern seiner Zeit, als zwischen R. Elieser und R. Josua, schlug er die vermittelnde Richtung ein. Er ließ auch oft die An­sicht seines Gegners zu, und war einer der mehr wusste als er, so wies er den Fragenden an ihn. So tragen eine große Menge von Halachas seinen Namen, die sich über die verschiedenen Teile des Gesetzes erstrecken. Rühmlich von denselben sind die Gesetzesbestim­mungen zu Gunsten des Handwerker­standes, des Landbaues und des Ar­beiterstandes im Allgemeinen. Auch in diesen Halachas stieß er auf Wider­spruch bei den schon oben genannten Kollegen und älteren Freunden: R. Dosa, R. Tarphon, R. Elieser ben Arach, R. Josua u. a. m. Wir heben da­her rühmlich das Benehmen R. Gam­liels gegen diese seine Gegner hervor und verweilen gern bei den Notizen über dasselbe. R. Gamliel, heißt es, »verehrte die Weisen«; »er bekannte die Wahrheit, und sprach oft: Ich habe davon nichts vernommen, ich weiß es nicht.« Er sagte oft zu denen, die Hala­chaentscheidungen von ihm forderten: »Gehet zu den Lehrern, die darin mehr wissen als ich.« Er bestimmte aus­drücklich, dass das erste Zehnt R. Jo­sua, das Zehnt von R. Josua dem R. Akiba und das Zehnt von R. Akiba dem R. Elieser gehöre. Sein freundliches Entgegenkommen gegen R. Josua, als dieser demütig sein Haus aufsuchte, haben wir schon erwähnt. Ein anderes Mal war er mit ihm auf einem Schiffe, wo beide sich das Brot teilten und R. Gamliel gern dem ihm gerühmten Ge­lehrten R. Jochanan b. Gudgeda ein Amt geben wollte. Offen tadelte er jede Übertreibung und Absonderungsge­lüste seiner Kollegen. So warf er R. Tarphon die Verabsäumung der Syne­drialsverhandlungen vor, und als dieser ihm in übertreibender Weise mit Hin­weisung auf die Hebe (Theruma), die er genossen, antwortete: »Den Altar­dienst verrichte ich! «, entgegnete er ihm: »Deine Worte habe nichts als Übertreibung und Aufsehen Erregen­des, gibt es denn gegenwärtig einen Opferdienst!« Gegen die chassidäische Verbindung R. Josuas mit Pappus und u. a. m. rief er erstaunt aus: »Wer ist denn dieser, der sich durch seine Fin­gerbewegung kenntlich macht!« So blieb die endliche Anerkennung und Würdigung R. Gamliels nicht aus. Zum Andenken der Einführung der einfa­chen Leichenbestattung wurde es üb­lich, dass man im Trauerhause einen Becher mehr, also 4 Trostbecher, leerte. Allgemein hieß es: »R. Gamliel schaute im heiligen Geiste! «

V. Weitere Tätigkeit, seine Reisen und Beziehungen zu Rom und den rö­mischen Prokuratoren in Palästina. Von seiner weiteren Tätigkeit nennen wir seine Reisen in Palästina. Er be­reiste mehrere Mal das Land, die Städte und Dörfer Palästinas, um sich selbst von dem Zustande des jüdischen Vol­kes, seiner öffentlichen Institutionen, der Synagogen, der Gerichte und Kin­derschulen u. a. m. zu überzeugen. So finden wir ihn im Verein mit mehreren Synedristen in Jericho, Akko, Khesib, Tiberias, Emmaus, dem Dorf Uthnai, Lydda, u. a. m. Auch samaritanische Städte suchte er auf, um sich von ihren religiösen Handlungen zu überzeugen. Auf diesen Reisen hielt er Lehrvor­träge, wurde um Entscheidungen ange­gangen, ordnete das Schulwesen u. a. m. Der Besuch der samaritanischen Städte und Ortschaften überzeugte ihn bald von dem heidnischen Wesen, das sich bei ihnen eingeschlichen, und von mancher widergesetzlichen Handlung in ihrer Mitte, so dass er sich bewogen fühlte, von den milden Bestimmungen, die er zu ihren Gunsten getroffen, wie­der abzusehen. Von geschichtlicher Be­deutsamkeit war seine zweimalige Reise nach Rom, die er unter den Kai­sern Domitian und Nerva in Begleitung der Synedrialmitglieder: R. Josua, R. Elieser und R. Akiba unternommen hatte. Nichtjüdische Quellen, Sueton und Dio Cassius, berichten von der Grausamkeit, wie Domitian die Straf­gelder des jüdischen Fiskus eintreiben ließ, und von dem Hass, den er gegen jeden fremden Kultus, besonders gegen den der Juden hatte, so dass er seine eigenen Blutsverwandten, den Konsul Flavius Clemens und dessen Frau Fla­via Domitilla, die wegen des Atheismus, d. h. wegen Hinneigung zum Ju­dentum angeklagt waren, bestrafen ließ, den Clemens mit dem Tode und die Domitilla mit der Verbannung nach der Insel Pandataria. Auch das talmu­dische Schrifttum hat darüber verschie­dene Berichte. Die schwere Steuer, wel­che die Juden im ganzen römischen Reiche unter Domitian nach Rom ent­richten mussten, der jüdische Fiskus bei Sueton, kommt mehrere Mal unter den Namen סוסיפ = fiscus und אימיו vor, und gab schon R. Jochanan ben Sakai die Veranlassung zu der Klage: »Für den Tempel habt ihr die Kopf­steuer, Beka, verweigert, nun muss je­der 15 Schekalim unter der Herrschaft der Feinde geben.« Sie traf das Herz des Judentums, da sie auch von den Heiden, die sich zum Judentum be­kannten, entrichtet werden musste; was der Ausbreitung des Judentums, die damals eine nicht geringe Dimen­sion annahm, sehr hinderlich wurde. Andererseits gab es viele unter den Ju­den, die sich, um der drückenden Steuer zu entgehen, durch Operation die Beschneidung künstlich unkennt­lich machten. Andere Stellen erzählen von einer Verfolgung, die Domitian mit dem römischen Senat über die Ju­den verhängte, welche ihre völlige Ver­nichtung zum Ziele hatte. Zugleich be­richten dieselben Quellen von den Freunden und Anhängern der Juden und des Judentums in Rom, selbst un­ter den Senatoren und der nächsten Umgebung des Kaisers. Der Patriarch R. Gamliel erhielt von diesem Senats­beschluss zur rechten Zeit Nachricht, und macht sich sofort mit seinen Kolle­gen nach Rom. Die Sache war so eilig, dass er in der ungünstigen Jahreszeit, im Monat Tischri (Oktober) diese Reise zur See unternahm. Auf dem Schiffe feierten sie das Laubhüttenfest. R. Gamliel erhielt nicht ohne Anstren­gung für vieles Geld einen Palmenzweig (Lulab), und R. Akiba baute eine Laub­hütte, die der Sturm bald wegriss und ins Meer schleuderte, über welche sich R. Gamilel später lustig machte. Die Seereise verlief nicht ohne Gefahr und Verzögerung, sie dauerte ungewöhn­lich lange. R. Gamliel ging der Mund­vorrat aus und er war froh, von R. Jo­sua aufgefordert zu werden, mit ihm sein einfaches Mahl zu teilen. Jetzt hatte er Gelegenheit die Weisheit dieses Mannes kennen zu lernen. R. Gamliel wunderte sich über dessen Vorsicht, da sagte er ihm, dass er nach astronomi­scher Berechnung die Erscheinung des Kometen erwartete, der je 70 Jahre sichtbar wird und die Seefahrer irre lei­tet. Endlich landeten sie in Brundisium, dem berühmten Hafenplatz der apuli­schen Küste. Von der Ferne machte der Anblick Roms und das geräuschvolle Treiben auf dem Kapitol auf sie einen niederschlagenden Eindruck. Sie ver­glichen damit die öde Stille auf dem Tempelberg in Jerusalem und vergos­sen darüber Tränen tiefen Schmerzes. »Den Heiden«, sprachen sie, »die Göt­zen verehren, ist solches Glück bestimmt, aber unser Tempel musste vom Feuer zerstört werden! « R. Akiba war der Einzige, der nicht diese Niederge­schlagenheit seiner Kollegen teilte, son­dern ihnen tröstend zurief: »Geht es also den Sündern, so wird es sicherlich den Gottesverehrern noch viel besser ergehen! « In Rom hatten sie mehrere gelehrten Unterredungen religiösen In­halts mit verschiedenen Weisen, auch mit den Anhängern des jungen Chris­tentums dieser Stadt. Eine überra­schende Freude war für sie ihre freund­liche Aufnahme bei den höchsten Persönlichkeiten aus der Umgebung des Kaisers, von denen ein Senator auf Zureden seiner Frau sich freiwillig zu Gunsten der Juden, damit der erwähnte Senatsbeschluss zur Verfolgung nicht sofort zur Ausführung komme, den Tod gab. Nach dieser edlen Tat teilte ihnen dessen Frau mit, dass er sich heimlich längst zum Judentum bekannt habe, worauf diese ihr die ewige Seelig­keit ihres Gemahls versicherten mit den Worten: »Die Edlen des Volkes werden eingesammelt, das Volk des Gottes Abrahams! « Der Senatsbe­schluss zur Verfolgung der Juden kam nicht zur Ausführung und R. Gamliel mit seinen Gefährten konnte Rückreise mit Befriedigung, etwas ausgerichtet zu haben, antreten. Die zweite Reise R. Gamliels nach Rom war beim Regie­rungsantritt des Nachfolgers Domiti­ans, des edeln Nerva, zur Aufhebung der drückenden Judensteuern. Er war so glücklich die Abschaffung derselben durchzusetzen. Ein Dekret dieses edeln Kaisers hob diese Steuern auf, und das­selbe machte ein solch großes Aufse­hen, dass man Münzen zur Verewigung dieser Tat prägen ließ, die zur Auf­schrift hatten: »Columnia fisci Judaici oblata.« Über seine ferneren Beziehun­gen zu Rom und den römischen Proku­ratoren heben wir den Berichte hervor, der uns von der Absendung zweier rö­mischen Gesandten an den Patriarchen erzählt, die er mit dem Inhalt des jüdi­schen Gesetzes bekannt machen sollte. Aus den Aussetzungen derselben gegen das jüdische Gesetz ersehen wir, dass Angeberei und Verleumdungen, die in dieser Zeit nicht selten waren, der Grund dieser Gesandtschaftsabsen­dung gewesen. Man wollte sich einmal von der Richtigkeit solcher Angebe­reien überzeugen. R. Gamliel muss nicht wenig bei den römischen Behör­den im Ansehen gestanden haben, da man in ihn das Vertrauen setzte, er werde ihnen unverfälscht die Gesetze mitteilen. Diese Aufstellungen werden verschieden angegeben. Nach der An­gabe in Sifri § 344 betrafen sie den Raub von den Heiden, der als erlaubt gehalten wurde. R. Gamliel hat sofort die Beraubung der Heiden als gesetz­lich verboten festgestellt. Erst unter der Regierung des Kaisers Hadrian, als in Folge der Zurückziehung seines Ver­sprechens die Juden eine drohende Haltung annahmen und in kleinen Aufständen ihren Unwillen kund ga­ben, änderte sich plötzlich die Stellung R. Gamliels zu Rom. Er wurde mit den anderen Volksführern Julianus und Pappus zum Tode verurteilt. Aber noch hatte er auch in der engen Umgebung des Prokurators seine Freunde, von de­nen einer eiligst in das Lehrhaus in Jamnia zu R. Gamliel kam und ihm heimlich die ihm drohende Gefahr ent­deckte. R. Gamliel entfernte sich mit ihm und der Römer rettete ihn mit der Gefahr seines eigenen Lebens, nachdem er ihm die ewige Seligkeit verheißen hatte.

VI. Agadalehren, Kontroverse u.a.m. Dieselben, soweit sie uns in ih­rer bruchstückweisen Gestalt erhalten sind, erstrecken sich über Gott, Gottes­eigenschaften, Götzendienst, die Schöp­fung und deren Urstoffe, die Bildung des ersten Menschenpaares, die Offen­barung, Israel, Heiden, das Gesetz, Shabbath, Feste, Gewerbe, Christen, Auferstehung und Zukunftswelt.

a. Gott und Gotteseigenschaften. Darüber haben wir zwei Kontroversen mit Minäern, wahrscheinlich Gnosti­kern oder Leuten, welche die biblische Gotteslehre verwarfen. Ein solcher Min (in unserer Talmudausgabe: Leug­ner, רפוכ) spricht R. Gamliel in Bezug auf die Unerforschbarkeit Gottes nach der Bibel mit den Worten an: »Ich weiß, was euer Gott tut und wo er ist.« Da seufzte dieser auf und erzählte ihm, wie er um seinen Sohn in einer der See­städte besorgt sei, ich bitte, schloss er, sage mir, wie er sich befinde. »Aber weiß ich denn, wo er ist!«, entgegnete jener. Da rief ihm R. Gamliel lächelnd zu: »Das, was auf der Erde vorgeht, weißt du nicht, nun willst du das im Himmel kennen?« Wieder kam er in einer Kontroverse mit einem Min über die im Psalm 147 Gott beigelegte Ei­genschaft: »Er bringt nach der Zahl die Sterne hervor« zur Sprache. »Ich kann ebenfalls die Sterne zählen! «, behaup­tete dieser. Da brachte R. Gamliel eine Siebe mit Quitten und rief ihm zu, in­dem er dieselbe fortwährend bewegte, Zähle die Quitten! « »Halte still, wenn ich sie zählen soll! «, antwortete er ihm. »So ist ja das Himmelsheer in fortwäh­render Bewegung, und du behauptest, die Sterne zählen zu können! «, entgeg­nete er triumphierend.

b. Götzendienst. Das Wesen des Götzendienstes, das in der Bibel so sehr bekämpft wird, war das gewöhnliche Thema zwischen den gebildeten Hei­den und den Juden. So fragte ein Philo­soph den R. Gamliel: »Warum eifert euer Gott so sehr gegen die Götzendie­ner und nicht gegen die Götzen selbst?« Er antwortete ihm durch folgendes Gleichnis. »Ein König hatte einen ein­zigen Sohn. Aber dieser Sohn hatte ei­nen Hund, den er sich aufgezogen und nach seinem Vater genannt hat. Daher kam es, dass er bei einem Schwur stets ausrief: >Beim Leben meines Hundes, meines Vaters!< Über wenn soll nun der Vater zürnen, über den Hund oder über den Sohn? Über letzteren sicher­lich!« »Aber, wiederholte dieser, an dem Götzen muss doch etwas sein, denn in unserer Stadt brach einst Feuer aus, die ganze Stadt brannte nieder mit Ausnahme des einen Gebäudes, des Tempels mit seinen Götzen.« Ironisch erwiderte er: »Wenn ein König Krieg führt, so führt er diesen mit den Leben­den oder mit den Toten? « Nun kam er mit der Hauptfrage: »Warum vernich­tet Gott nicht die Götzen?« »Weil sie aus Gegenständen bestehen, die die Welt nicht entbehren könne: Sonne, Mond, Sterne u. a. m. Soll die Welt we­gen dieser Narren untergehen?« »Da soll er die anderen Götzen vernichten!« »Auch diese nicht, damit man nicht von diesen den Schluss auf die Wahr­haftigkeit der anderen Götzen ziehe, die von der Vernichtung verschont ge­blieben.« Ein anderes Mal war es ein Heerführer Agrippa, der dieselbe Frage über das Eifern der Bibel gegen den Götzendienst vorbrachte: »Es eifert nur ein Weiser gegen einen Weisen, ein Held gegen einen Helden, aber nicht ein Großer gegen einen Niedrigen.« Er antwortete: »So ein Mann zu seiner ersten Frau eine zweite heiratet, so wird erstere gewiss nur gegen die Zweite eifern, nicht wenn sie vornehm, sondern wenn sie niedriger ist.«

c. Die Schöpfung und deren Ur­stoffe. Die Annahme von Urstoffen bei der Weltschöpfung wurde den Juden durch ihre Berührung mit dem griechi­schen Schrifttume bekannt. Dieselbe fand unter ihnen ihre Anhänger, aber auch ihre Gegner. Beide suchten ihre Beweise in der Bibel auf, so entstanden mehrere Kontroverse über diesen Ge­genstand. So redete ein Philosoph R. Gamliel an: »Euer Gott war ein großer Bildner, aber er fand auch gute Urstoffe vor: das Tohu und Bohu, die Finster­nis, den Wind, das Wasser und die Ab­gründe, sämtliche Gegenstände exis­tierten nach der Bibel schon vor der Schöpfung.« »Wohl«, antwortete die­ser, »sind sie so in der Schrift angege­ben, aber stets mit der sie näher be­stimmenden Angabe: bara, dass sie geschaffen wurden.« Ein anderer, wahrscheinlich ein Anhänger des Par­sismus mit seiner Lehre von zwei ver­schiedenen Schöpfern: dem Ormuzd, Gott des Lichtes, und dem Ahriman, Gott der Finsternis, fragte R. Gamliel: »Auch nach der Bibel ist der Gott, der die Berge geschaffen, nicht der, der den Wind hervorgebracht, denn also heißt es: Er bildet die Berge und schafft den Wind, also zwei verschiedene Ausdrü­cke: schaffen und bilden, die auf zwei Schöpfer hindeuten.« Aber dieselben Ausdrücke kommen auch bei der Schöpfung des Menschen vor: 1 M. 2. 7. »er bildete« und 1 M. 5. 1. »erschaffen«. »So ist es«, entgeg­nete dieser, »auch bei dessen Schöpfung waren zwei Götter tätig.« »Aber«, er­widerte R. Gamliel, »woher die Über­einstimmung dieser Götter beim Tode des Menschen, - dass nicht ein Schöp­fungsteil dieses Gottes noch lebendig bleibt, wenn der andere tot ist! «

d. Schöpfung des ersten Menschen­paares. Von derselben haben wir das scherzende Wort eines Heiden an R. Gamliel über die Schöpfung des Wei­bes aus der Rippe des Mannes, die ihm im Schlafe ohne sein Wissen genom­men wurde: »Euer Gott ist ja ein Dieb!« »Ein Dieb«, entgegnete dessen Tochter, »der anstatt eines silbernen Leuchters einen goldenen gab, für ein Stück Fleisch ein lebendiges Wesen zur Gehilfin ihm zugesellte.«

e. Offenbarung. Auch hier haben wir einige Kontroverse zwischen R. Gamliel und einem Heiden, dem die erste Offenbarung Gottes an Moses in dem brennenden Dornbusch auffallend erschien: »Warum gerade im Dornbu­sche?«, fragte er. »Als Lehre, dass keine Stelle, auch nicht der geringfügige Dornbusch, von der Anwesenheit Got­tes leer sei«, war die Antwort.

f. Israel. Die geschichtliche Bestim­mung Israels bildete nach der Zerstö­rung des Tempels einen Gegenstand des Disputs zwischen Juden und Hei­den und den ersten Christen. Letztere folgerten aus der Verfolgung der Juden und der völligen Zerstörung des jüdi­schen Staates den Schluss auf die Ver­nichtung ihres früheren Berufes. So rief einst ein Min, wahrscheinlich ein Christ, R. Gamliel zu: »Ihr seid ein Volk, von dem sich der Herr entfernt hat, denn also heißt es: Mit ihren Scha­fen und Rindern gehen sie Gott aufzu­suchen, aber sie finden ihn nicht, er hat sich von ihnen entfernt.« »Es heißt ja nicht: Er hat an ihnen die Trennung vollzogen! «, war seine Antwort.

g. Gesetz. Die Erklärungsweise des Gesetzes war rationell. Als Beispiel bringen wir seine Erklärung des Opfers der des Ehebruchs verdächtigten Frau, das auch aus Gerstenmehl bestand, und eine Versinnlichung ihrer Tat sein sollte. Er sagt darüber: »Wie ihre Tat viehisch war, so auch ihre Speise (das Speiseop­fer). « Von den anderen Erklärungsarten gebrauchte er die des Notarikon, die darin bestand, dass jedes Wort in seine Buchstaben zerlegt wurde, von denen jeder zur Andeutung eines Wortes ver­wendet wurde (s. Exegese).

h. Shabbath und Fest. Das Shabba­thgebot hat bei den Griechen und Rö­mern, besonders seitdem dasselbe in Rom viele Anhänger gefunden, viele Anfeindungen erfahren. Die strenge Beobachtung des Shabbaths, wie ein Teil der Juden, die Chassidäer, in den Kämpfen mit den Syrern und später wieder in dem Kriege gegen die Römer am Shabbath bei der größten Lebens­gefahr nicht kämpfen wollten und sich lieber vom Feinde niedermetzeln lie­ßen, war den sie umgebenden Heiden ganz unverständlich. R. Gamliel wurde bei seiner Anwesenheit in Rom gefragt: »Ihr behauptet, dass euer Gott hält, was er verheißt, nun er hat die Ruhe am Shabbathtage geboten, warum be­obachtet er dieselbe nicht? « »Die Welt«, antwortete dieser, »in der auch am Shabbath alles in Bewegung ist, gleicht im Bezug auf Gott einem Hof­raum, in dem das Shabbathgesetz die Bewegung von Sachen den Israeliten gestattet.« Im Bezug auf die anderen Festtage lautete sein Grundsatz: »Seit der Tempelzerstörung haben das Neu­jahrsfest und der Versöhnungstag nur die Heiligkeit der drei Wallfahrtsfeste: Pessach, Schebuoth und Sukka.«

i. Christentum. Von den Lehren des Christentums, wie sie in den Evange­lien zusammengestellt sind, hebt er den Widerspruch desselben hervor, wo bald von der völligen Auflösung und Aufhe­bung des Mosaischen Gesetzes gespro­chen wird, bald es aber auch entgegen­gesetzt heißt: »Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen, das Gesetz aufzu­lösen, sondern zu erfüllen.«

k. Auferstehung. Das Dogma der Auferstehung ist eine der Hauptstützen des Christentums, das in den ersten drei Jahrhunderten oft zwischen Juden, Christen und Heiden diskutiert wurde. So wird auch hier von einer Unterre­dung über diesen Gegenstand zwischen R. Gamliel, den Christen und Heiden berichtet. Ein Heide, »Leugner«, heißt es, fragte R. Gamliel: »Ihr behauptet die Toten werden auferstehen, aber sie werden doch zu Staub, kann Staub wiederauferstehen? « Da erbat sich seine Tochter die Erlaubnis dem Fra­genden zu antworten; sie sprach: »Zwei Töpfer gibt es, der eine bringt die Töpfe aus Wasser hervor, der an­dere bildet sie aus Lehm. Welchem ge­hört der Vorzug? ersterem! Nun, wenn Gott die Welt aus Wasser geschaffen, wird er doch wohl den Menschen aus Staub wiederbilden können.« Ein anderes Mal war es ein Christ, der ihn nach den Beweisen des Auferstehungs­dogmas aus den Büchern der Heiligen Schrift fragte. Er brachte ihm dieselben aus den drei Abteilungen der Bibel, aus dem Pentateuch 5. M. 31. 16; dem Propheten Jesaja 26. to. und dem Ha­giographen: Hoheslied 7. 10., aber sie wurden von jenem als unzureichend zurückgewiesen. Endlich führte er die Stelle 5 M. 11. 10. an »Damit ihr lange lebet in dem Lande, das der Ewige eu­ren Vätern zugeschworen, es ihnen zu geben« mit der Angabe, dass die Erfül­lung der Schlussverheißung »es ihnen, den längst Verstorbenen, zu geben, den Akt der Todauferstehung voraussetzt.« Es war dies ein Beweis, ähnlich dem in Matthäi 22. 32. »Ich bin der Gott des Abrahams« und »Gott ist kein Gott der Toten, sondern nur der Lebenden.« und der Christ war mit demselben zu­frieden.

VII. Tod und Würdigung. Gleich nach dem Regierungsantritt Hadrians, als in Folge der Nichterfüllung seines kaiserlichen Versprechens von der Wie­dererbauung des Tempels in Jerusalem Unruhen unter den Juden ausbrachen, wurde, wie über viele andere, auch über R. Gamliel der Tod verhängt. Wir haben bereits oben die wunderbare Weise erwähnt, wie er diesem Verhäng­nisse entkommen war. Doch lebte er daraufhin nur noch einige Jahre; er starb kurz vor dem Ausbruch des bar­kochbaischen Aufstandes. Die Trauer um ihn war eine allgemeine. Akyles, der Proselyt, verbrannte über ihn wie es bei Königen zu geschehen pflegte, Klei­der und Möbel im Werte von 70 Minen und führte zur Rechtfertigung dieser Tat an: »R. Gamliel ist mehr wert als hundert Könige, von denen die Welt nichts hat.« R. Elieser und R. Josua ordneten Trauer für ihre Schüler um den Tod R. Gamliels an. R. Josua trat an seine Stelle und übernahm das Präsi­dium im Synhedrion. Als solcher ver­suchte er mehrere Bestimmungen R. Gamliels wieder aufzuheben, aber die anderen riefen ihm: »Man bekämpft den Löwen nicht nach dem Tode!« »Nach dem Haupte muss sich der üb­rige Leib bewegen! « Allgemein hieß es: »Mit dem Tode R. Gamliels ward die Ehre der Thora vernichtet! «