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Elieser ben Hyrkanos - auch Rabbi Elieser der Große | Talmud

Elieser ben Hyrkanos - auch Rabbi Elieser der Große

Posted 2 mos ago

Elieser ben Hyrkanos, auch R. Elieser der Große, sonst auch nur R. Elieser. Gesetzes- und Volkslehrer; Tana, eine der bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten im z. Jahrh. n., der Schwager des Patriarchen R. Gamliel II., dessen Schwester Aima Salome er zur Frau hatte. Sein Lehrer war R. Jochanan ben Sakai und zu seinen Kol­legen zählte er die bedeutendsten Män­ner: R. Josua ben Chananja, R. Jose Hakohen, R. Simon ben Nathanel, R. Elasar ben Arach. Über seine Bildung und Lebensgeschichte haben spätere Schriften mehrere Berichte, von denen wir das Hauptsächliche hier zusam­menstellen. R. Elieser war der Sohn eines reichen Landmannes, Names Hyrkanos, der ihn für die Landwirt­schaft bestimmte. Aber er war nicht für dieselbe beschaffen, sein lebhafter Geist trieb ihn aus der ländlichen Stille in die geräuschvollen Hallen der Ge­setzeslehrer. Im zz. Jahre verließ er ge­gen den Willen seines Vaters das El­ternhaus und ging nach Jerusalem, um ein Jünger des berühmten Lehrers R. Jochanan ben Sakai zu werden. Der Vater war darüber höchst entrüstet und nahm sich vor, ihn zu enterben. Nach wenigen Jahren reiste er nach Je­rusalem in der Absicht, mit der Enter­bung seines Sohnes Ernst zu machen. Aber da traf er diesen schon als einen allgemein gefeierten Gelehrten, der öf­fentliche Vorträge hielt, welche die be­deutendsten Männer zu ihren Zuhö­rern zählten. Der Vater war erstaunt, so seinen Sohn wiederzusehen, söhnte sich bald mit ihm aus, und wollte wie­der nur ihn zum alleinigen Erben seines Besitzes einsetzen. Der Sohn, R. Elie­ser, freute sich über diese Gesinnungs­änderung seines Vaters gegen ihn, aber lehnte entschieden jeden Vorzug gegen seine anderen Geschwister ab und sprach: »Ich will nicht mehr als sie ha­ben.« Nicht geringer war die Gunst, in der er bei seinem Lehrer R. Jochanan b. Sakai stand. Derselbe schätzte ihn wegen seines Riesengedächtnisses und seines umfassenden Wissens sehr hoch und stellte ihn über seine anderen Schüler. Bei der Aufzählung der eigen­tümlichen Geistesbeschaffenheit jedes seiner Schüler sprach er von R. Elieser: »Das ist eine verkalkte Zisterne, die kei­nen Tropfen verliert! « Ferner: »Wenn man alle Weisen Israels in eine Waag­schale legte und R. Elieser in die andere, würde letzterer sie sämtlich aufwiegen.« Nach der Zerstörung Jerusalems folgte er mit anderen Gelehrten seinem Leh­rer nach Jamnia ( Jabne), doch hatte er in Lydda (Lod) im Süden Judäas ein ei­genes Lehrhaus, das gleich den anderen berühmt und sehr besucht war. Hier sah man ihn in einer früheren Renn­bahn auf einem Steine sitzen und einem großen Schülerkreise seine Vorträge halten. Später wohnte er auch in Cäsa­rea. Von seiner weiteren Tätigkeit wis­sen wir, dass er mit R. Josua und R. Gamliel in einer politischen Sendung wahrscheinlich wegen falscher An­schuldigungen oder in Folge gewisser Edikte gegen Juden, die unter Trajan und Hadrian nicht selten waren, nach Rom reiste. Jamnia blieb ferner der Sitz des Synhedrions, das unter dem Vorsitz des Patriarchen R. Gamliel II. Ha­lachasammlungen veranstaltete und über streitige Traditionen nach Stim­menmehrheit entschied. Derjenige, der sich solchen Majoritätsbeschlüssen nicht fügte, wurde mit dem Bann be­legt. Da traf es sich, dass R. Elieser trotz eines solchen Mehrheitsbe­schlusses von seiner Tradition nicht abgehen wollte, er wurde verbannt. R. Gamliel, sein eigener Schwager musste den Bann über ihn verhängen und R. Akiba, sein bester Schüler, ihm densel­ben ankündigen. R. Elieser zog sich nun von Jamnia ganz zurück, lebte teils in Lydda, teils in Cäsarea, wo die Zahl seiner Schüler bedeutend abnahm. Nur sein Schüler R. Ilaa besuchte ihn weiter und hörte auf seine Lehren. Auch R. Elieser aus Damaskus besuchte ihn, bei dem er sich nach den neuen Vorträgen im Lehrhause zu Jamnia erkundigte. Von Cäsarea aus hatte er Gelegenheit mit Judenchristen zusammen zu kommen. Er wurde mit einem Jakobus aus Kesar Samio, der sich einen Jünger Jesu nannte, bekannt; dieser teilte ihm eine Lehre mit, die ganz seinen Beifall hatte. In Folge dieses Verkehrs wurde er selbst in der Christenverfolgung unter Trajan für einen Christen gehalten und vor Gericht gebracht. Noch zur Zeit verstand er es, sich von solchem Ver­dachte zu reinigen und wurde frei ge­sprochen. R. Akiba war über diesen Vorfall außer sich, er betrachtete denselben als göttliche Strafe an ihn wegen seiner Freude an den Lehren der Sektierer und dem Umgange mit ihnen. R. Elieser wurde krank und sah nach langer Zeit seine Kollegen R. Josua, R. Elasar ben Asaria und R. Akiba vor seinem Krankenlager versammelt. Da erwachte in ihm noch einmal die frühere Lust zum Lehren. Schwere Vor­würfe machte er Akiba, dass er ihn so vernachlässigt habe, es gehe mit ihm eine Menge Traditionslehren verloren, die er ihm hätte gern mitgeteilt. Es war Freitag, kurz vor Abend, da bat der Sohn Hyrkanos seinen kranken Vater, doch die Phylakterien, die er auch in der Krankheit anlegte, wegen des Shab­batheintrittes abzulegen. Er weigerte sich und der Sohn sah die Lehrer an: »Ist meines Vaters Geist zerrüttet?« »Das ist er nicht!« entgegnete der Kranke, aber du bist es, da du das An­zünden des Lichts, ein Gesetz in der Thora, vernachlässigst, während du mich von der Übertretung einer rabbi­nischen Satzung retten willst. « Erst darauf begann die Unterhaltung seiner Kollegen mit ihm. Die halachischen Bestimmungen über »rein und unrein« waren sein Lieblingsstudium. Sie knüpften an dasselbe an, gingen von einer Halacha zur andern über, bis der Kranke plötzlich zusammensank und mit dem Worte: »rein« auf den Lippen sein Leben aushauchte. Dieser merk­würdige Lebensschluss R. Eliesers machte einen tiefen Eindruck auf seine anwesenden Kollegen. Sie hielten ihn als göttliches Zeichen für seine Un­schuld, Größe und Würdigkeit und zerrissen in Trauer um ihren teuren Verblichenen ihre Kleider. R. Josua, der damals, nach dem Tode des R. Gamliel II. Vorsitzender des Synhedri­ons war, umfasste den Leichnam, küsste ihn, nahm ihm die Phylakterien ab und löste den über ihn verhängte nBann. Weinend sprach er: »Mein Leh­rer! Mein Lehrer! Das Gelübde (der Bann) ist gelöst! Mein Lehrer, Wagen Israels und seine Reiterei! « Nach Shab­bathausgang wurde die Leiche unter feierlicher Begleitung, der sich die höchsten Persönlichkeiten der Stadt anschlossen, von Cäsarea nach Lydda geschafft. R. Akiba begegnete dem Zuge und konnte sich vor Schmerz nicht fassen; er schlug sich wund und hielt über ihn in Lydda eine tief er­schütternde Leichenrede. R. Elasar ben Asaria veranstaltete über ihn eine feier­liche Trauer. Tief fühlte man den Ver­lust dieses Mannes, allgemein hieß es: »Mit dem Tode R. Eliesers wurde das Buch der Weisheit vergraben.« Nach seinem Tode trat die verhängnisvolle Zeit der trajanischen und hadriani­schen Herrschaft über Palästina ein, deren Bedrückung zur allgemeinen Er­hebung der Juden gegen Rom, zu dem großen barkochbaischen Aufstande führten. Ein weites Gebiet seiner Leh­ren der Halacha und Agada hat das talmudische Schrifttum von ihm uns erhalten, das wir kurz, so weit es die Eigentümlichkeit seiner Lehr- und Denkweise beleuchtet, zu charakteri­sieren versuchen.

I. Lehren der Halacha. Die Halacha ist es zunächst, in der wir ihn in seiner vollen Originalität, als einen Mann im ganzen Umfange einer ungewöhnlichen Erscheinung sehen. Die Tradition war durch die Zerstörung des Tempels und Auflösung des jüdischen Staates in ein neues Stadium ihrer Entwicklung ge­langt. Die Bekämpfer derselben, die Sadducäer, verschwinden ganz und gar aus den Lehrhäusern, es existieren nur Traditionsgläubige. So tritt für das Ge­setzesstudium eine andere Zeit ein, man sucht den überkommenen Traditi­onsstoff zu sammeln, zu prüfen, zu ordnen und ihn biblisch zu begründen oder wenigstens für ihn Andeutungen, Anknüpfungspunkte etc. im schriftli­chen Gesetze aufzufinden. R. Gamliel II. mit seinem Synhedrion unterzogen sich dieser schweren Arbeit. R. Josua, R. Tarphon, R. Elieser, R. Akiba, R. Elasar ben Avaria u. a. m. waren die hervorragenden Mitglieder derselben, von denen jeder nach seiner Lehrweise an dieser großen Aufgabe arbeitete. Als Mann tiefer Originalität entwickelte R. Elieser hier seine Lehrtätigkeit. Den Bibelvers fasste er nach seinem natürli­chen Inhalte und im gewöhnlichen Wortsinne auf, er trat damit in Kampf mit der alten sadducäischen Richtung, die das schriftliche Gesetz nur wörtlich gelten ließ, und mit der neuen halachi­schen Exegese eines Nahum aus Gimso, R. Josua, R. Akiba, R. Ismael, R. Jose Haglili u. a. m., die jede Partikel zu Gunsten der Tradition gedeutet und nur nach ihr die Bibelstellen erklärt wissen wollten. Die Tradition soll, nach ihm, an sich, ohne ihre jedesma­lige Begründung im Schriftvers, als mündliches Gesetz gelten. Die neuen Fälle, die zur Entscheidung kommen, und für welche in der alten Halacha noch keine Normen vorliegen, sollen mittels der logischen Schlüsse als z. B. des Schlusses von dem Minderwichti­gen auf das Wichtigere u. a. m. aus den alten überkommenen Traditionen eru­iert werden. Andererseits strebte er die verschiedenen einzelnen traditionellen Gesetze auf ein Prinzip zurückzuführen und nach diesem ihre weitere Anwend­barkeit zu bestimmen. Wo dies untun­lich schien, antwortete er: »Das weiß ich nicht, ich habe es nicht von meinen Lehrern vernommen.« Auf das Drän­gen seiner Kollegen erklärte er, dass er sich nur an die von seinen Lehrern empfangenen Traditionen halte und nur das angeben werde, was er von ihnen gehört habe. Mit diesem Grund­satz war er gegen die Folgerungen neuer Halachoth aus dem Schriftworte, also gegen die Lehrtätigkeit seiner Kol­legen in der Bildung neuer Halachoth. Dieser Protest gegen die neuen Hala­choth obiger Lehrer, der Hilleliten, be­wog viele, ihn für einen Repräsentan­ten der Samaiten und Fortsetzer des starren, stabilen Systems der Sadducäer zu halten. Bestärkt wurden sie in ihrer Annahme durch einen Ausspruch im Talmud Jeruschalmi, der den R. Elieser »Schemuthi,« »Verbannter« nennt, weil er zu den Samaiten gehöre. Ich glaube nicht, dass R. Elieser ein Sa­maite war, da zwischen seinen Hala­choth und denen der Samaiten auffal­lende Gegensätze vorhanden sind. Hinzu kommt, wie richtig Frankel be­merkt, dass er in einem großen Teil sei­ner Halachoth Gegenstände behan­delte, die von den Samaiten gar nicht berührt wurden, er dieselben also von den Samaiten nicht empfangen haben konnte. Aber das behindert uns nicht, die Opposition R. Eliesers gegen die Halachothfolgerungen seiner Kollegen gleich der der Sadducäer gegen die alte Tradition und der der Samaiten gegen die Hilleliten zu halten. Es sind Erschei­nungen, Geistesströmungen, die von Zeit zu Zeit wiederkehren, ohne dass die eine mit der anderen im Zusammen­hange zu stehen, oder gar eine aus der anderen hervorzugehen braucht. Dass R. Elieser kein Samaite, kein Repräsen­tant der alten Schule, des starren stabilen Systems, oder gar des Sadducäismus ist, wie man gerne annehmen möchte, sondern ganz und gar als ein Mann der neuen Schule, der neuen Halacharich­tung, natürlich mit seiner ihn kenn­zeichnenden Lehr- und Denkweise, auf­tritt, beweisen seine Halachoth, in denen er gegenüber seinen Kollegen als ein Erleichterer der Gesetzespraxis er­scheint. Wir nennen von denselben die des Shabbathgesetzes. Er erlaubt am Shabbath frei das Messer zur Beschnei­dung von einem Orte zum anderen zu bringen, Holz zu fällen, um die Kohlen usw. am Shabbath zur Beschneidung zu bereiten; sowie überhaupt jede Vorbe­reitungsarbeit zum Backen und Dar­bringen der zwei Brote am Wochenfeste, für den Schofar am Neujahrsfeste, für die Laubhütte, den Palmstrauß, Lulab, am Laubhüttenfeste u. a. m. Auf gleiche Weise wollte er nicht erst die zehnte, wie eigentlich gesetzlich war, sondern schon die dritte Generation des Mamser (des in Blutschande Geborenen) für »rein«, d. h. aufnahmefähig in die Ge­meinde erklären. Das strenge Gesetz ge­gen die zum Götzendienst verführte Stadt kann nach ihm nicht zur Anwen­dung kommen, wenn es nur ein Haus in derselben gibt, das eine Mesusa, Zei­chen des Gottesglaubens des Judentums, an seinen Türpfosten hat. Von seinen anderen Halachoth bringen wir die über den Selbstmord, dessen Verbot er aus den Schriftworten: » Jedoch euer Blut von euren Personen werde ich ahnden« herleitet. In Bezug auf die Trauer um einen Toten lehrt er: »Wer über einen To­ten allzu viel trauert, übertritt das Ver­bot: Du sollst nicht verderben.« Sein eigenes Fachstudium, in dem er einzig dastand, waren die Gesetze über »rein und unrein« und die Opferbestimmun­gen. Auch hierin zeigte er sich, beson­ders in den Gesetzen betreffend die Ver­brennung der toten Kuh und die Bereitung der Entsündigungsasche, als ein Erleichterer der Gesetzespraxis. Seine Gegner in diesen Halachoth wa­ren: R. Josua, R. Gamliel, R. Akiba, R. Zadok und R. Jochanan ben Nuri.

II. Lehren der Agada.

a. Gott, Gottesverehrung und Gott­vertrauen. »Gott« in seinem Verhältnis zur Welt ist ihm ein Wesen voll Barm­herzigkeit. »Auch in seinem Zorne, lehrt er, gedenkt Gott der Barmherzig­keit.« Die Gottesverehrung kennt er in ihrer höchsten Stufe, der Aufopferung für Gott. »Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen, wozu diese aus­drücklichen Benennungen Herz, Seele und Vermögen? Weil es Menschen gibt, denen das Leben lieber ist als das Geld; andere wieder, die das Geld höher als das Leben achten. Die Liebe gegen Gott fordert das Teuerste des Menschen zu ihrem Unterpfande. « Das Gottver­trauen in seiner wahren Gestalt charak­terisiert er in dem schönen Satz: »Wer Brot im Korbe hat und spricht: >Was werde ich morgen essen<, gehört zu den Kleingläubigen.«

b. Böses und Gutes, Sünde, Strafe, Buße und Jenseits. In der Darstellung des Bösen und Guten wird mit Nach­druck die reine Bibellehre, wahrschein­lich als Gegensatz gegen die Auffassung des Bösen und Guten im Heidentum und Christentum, hervorgehoben. »Von der Stunde, da der Ausspruch ge­schah: >Siehe, ich lege dir vor das Le­ben und das Gute, den Tod und das Böse, wähle das Leben!< kommt von Gott weder das Gute, noch das Böse. Das Gute folgt auf gute und das Böse auf schlechte Taten.« Das Böse und Gute sind Folgen unserer Werke, sind keine Geschöpfe Gottes, sondern Schöpfungen des Menschen. Auch in seiner Lehre von der Sühne der Sünde spricht sich der Gegensatz zum Chris­tentum aus, das nur durch die Gnade die Sühne der Sünden vollziehen lässt. »Gott lässt die Sünder ungeahndet, die in Buße ihn wieder aufsuchen, aber er lässt die nicht ungestraft, die keine Buße tun.« Über die Zeit zur Buße lau­tet seine Lehre: »Bekehre dich einen Tag vor deinem Tode.« Und als ihn die Schüler fragen: »Aber weiß denn der Mensch im Voraus seinen Todestag?«, antwortete er: »Da müsset ihr täglich Buße tun.«

c. Nebenmensch, Familie, Heiden, Völker. Über die Achtung des Neben­menschen war sein Spruch: »Es sei dir die Ehre deines Nächsten so lieb wie die deinige. « Familiengründung emp­fahl er als eine der heiligsten Pflichten. »Wer keine Familie gründen will, be­ geht gleichsam einen Mord.« Die El­ternverehrung lehrt er in der weitesten Ausdehnung, wenn dieselbe auch Opfer fordere. Als Beispiel führte er einen Heiden zu Askalon an, der bei Verlust eines großen Gewinnes seinen Vater nicht vom Schlafe wecken wollte. Bei der Erziehung und Bildung der Kinder war er dagegen, dass man die Mädchen dem Gesetzesstudium widme. Die Ver­heiratung derselben soll nur an Männer gleichen Alters geschehen. Warnend lautet darüber seine Lehre: »Entweihe nicht deine Tochter, sie der Unzucht hinzugeben, gegen dieses Verbot han­delt der, welcher seine Tochter mit ei­nem alten Manne verheiratet.« Gegen die Heiden hatte er eine tiefe Abnei­gung, er sprach ihnen jedes menschli­che Mitgefühl ab. »Wohl tun erhebt das Volk«, d. i. Israel; »Das Liebeswerk der Völker ist Sünde«, das sind die Heiden, deren Wohltätigkeit nur Sünde ist. Versöhnender war seine Lehre in Bezug auf die gesamte Menschheit. »Alle werden sie Proselyten, Bekenner des Gottesglaubens, in der Zukunft sein, denn also heißt es: Denn alsdann wende ich den Völkern eine geläuterte Sprache zu, sie rufen allesamt im Na­men des Ewigen und dienen ihm ein­mütig.« So erklärt er die Darbringung der siebzig Stiere am Laubhüttenfeste als Opfer für die siebzig Völker.

d. Sekten, Volksklassen, Proselyten, Exil und Messias. Von den Sekten ver­kehrte er mit den Judenchristen, Mi­nin, am freundlichsten, deren Lehren und Gesetzeserläuterung er anhörte und dieselben oft beifällig aufnahm, so dass er, wie bereits erwähnt, von der römischen Behörde zur Zeit der Chris­tenverfolgung unter Trajan für einen Christen gehalten und hingerichtet werden sollte, hätte er nicht diesen Verdacht geschickt von sich abzuwäl­zen verstanden. Von den Samaritanern berichtet er, dass sie in ihrem Inneren dem Götzendienste anhängen. Er nennt sie das Volk, das Gottes vergisst, und verbot den Genuss ihres Brotes. Die Kluft zwischen der niedrigen jüdischen Volksklasse, die unter dem Namen »Am-Haarez«, Landvolk, im talmu­dischen Schrifttum oft vorkommt, und dem gebildeten Stande, den Gesetzes­lehrern, muss zu seiner Zeit eine schrecklich große gewesen sein, da auf beiden Seiten eine unversöhnliche Ge­reiztheit herrschte. R. Elieser klagt: »Brauchten sie unser nicht, sie würden uns töten.« Für einen Am-Haarez (zum Landvolk gehörig) hielt er den, der morgens und abends nicht das Schema, Bekenntnis des einen Gottes, liest. Als Proselyten wollte er nur den besseren Teil der Heiden ins Judentum aufneh­men, und von diesem wieder nur die, welche sich aus innerem Drange dem Judentume zu-wenden; er war also ein Gegner jeder Proselytenmacherei. So wies er eine Heidin zurück, die bis da­hin einen unsittlichen Lebenswandel geführt hatte. In einem Vortrage sprach er: »Warum werden die Proselyten von Schmerz heimgesucht? Weil sie nicht aus Liebe zum Judentume Proselyten werden.« Dagegen hing er mit inniger Hochachtung an dem Proselyten Aky­les, Aquila, dem er den Schriftvers: »Gott liebt den Fremden, Proselyten, ihm Brot und Gewand zu geben«, alle­gorisch erklärte: »Brot« d. i. die Thora, die Gotteslehre; »Gewand«, das sind die guten Werke, die Vollziehung der Gottesgebote. Er und R. Josua waren es, für die Aquila eine griechische Übersetzung der Bibel anfertigte, die wegen ihrer wörtlichen Wiedergabe des hebräischen Textes von ihnen sehr gelobt wurde. Gegen seinen Kollegen R. Josua behauptete er, dass nicht das Tauchbad, sondern die Beschneidung die unerlässliche Bedingung des Ein­trittes der Proselyten ins Judentum sei. Über das Exil hat er den schönen Spruch: »Israel ist unter die Völker ge­kommen, damit es an Proselyten zu­nehme.« Einen tiefen Eindruck machen auf uns seine Messiashoffnungen, die dem großen Aufstand unter Barkochba vorausgingen und ihn befördern hal­fen. »Die Tage des Messias (zur Er­scheinung des Messias) sind 4o Jahre.« »Tut Israel Buße, wird es erlöst wer­den, wo nicht, so hat es auf keine Erlö­sung zu hoffen.« »In Folge von fünf Gegenständen: der Bedrückung, der Leiden, des Gebets, der Buße usw. er­hielten unsere Väter die Erlösung in Ägypten, so wird sie auch diesem Volke in der Zukunft werden.«

e. Kultus, Gebet, Feste. Den Kultus will er als Ausdruck der inneren Gesinnung vollzogen haben. Das Gebet soll eine Strömung des Herzens sein, mit Andacht verrichtet werden und wo dies nicht möglich ist, möchte es lieber ganz wegbleiben. »Auf der Reise soll der Mensch, auch 3 Tage lang, gar nicht beten.« Er ist gegen alles Festste­hende im Gebete, gegen unabänderli­che Gebetsstücke usw. »Wer sein Gebet als etwas Bestimmtes verrichtet, dessen Gebet ist nicht mit Andacht.« Für Rei­sende auf gefahrvollen Wegen verfasste er ein kurzes Gebet, das sich durch sei­nen kernigen Inhalt auszeichnet. Das­selbe lautet: »Gott, vollführe deinen Willen im Himmel oben, gib Freude (heiteren Sinn) deinen Verehrern unten, und was dir wohl gefällt, tue. Geprie­sen seiest du Ewiger, Erhörer des Gebe­tes.« Die Feste, lehrte er, sollen im Kreise der Familie, im Hause gefeiert werden. »Ich lobe die Trägen, die ihr Haus am Feste nicht verlassen.« An denselben können wir uns entweder dem Gesetzesstudium oder den freudi­gen Genüssen hingeben. Der Opfer­dienst, der durch die Zerstörung des Tempels unmöglich geworden, ist er­setzbar durch andere Zeremonien. So am Laubhüttenfeste durch den Palmen­strauß, Lulab, in seiner Pflanzenzusam­menstellung. Ein großes Gewicht legt er auf das Gebot der Phylakterien (Te­philin), die er bekanntlich noch in der Krankheit anlegte. »Denn der Name Gottes wird über dich genannt«, das sind die Phylakterien, Tephilin, am Kopfe.

f. Gesetzesstudium, Exegese. Beim Studium des Gesetzes hält er den Ver­kehr mit den Lehrern als unerlässlich. »Wer Bibel gelesen, die Mischna stu­diert und keinen Umgang mit Weisen, Gesetzeslehrern, gepflogen hat, ist ein Am-Haarez, Unwissender.« Zu seiner Exegese, besonders in Volksvorträgen, gebrauchte er die allegorische Ausle­gung. So erklärte er den Schriftvers M. 4o. 1o: »Und an dem Weinstock waren drei Reben, es war, als wenn er grünte, Blüten trieb und seine Reben-kämme zu Trauben reiften.« »Der Weinstock«, das ist die Welt; »die drei Reben«, das sind die drei Stammväter Abraham, Isaak und Jakob; »er grünte und trieb Blüten«, das sind die Stamm­mütter«; »seine Rebenkämme reiften zu Trauben«, das sind die Stämme Is­raels. Auch das mnemotechnische No­tarikon, mittelst dessen jeder Buch­stabe in einem Satze ein Wort andeutet, kannte er und brachte es zur Anwen­dung. Die Würdigung dieses Lehrers war trotz seiner Eigentümlichkeiten eine bedeutende und allgemeine. Von R. Josua, seinem Gegner, wird erzählt, dass er den Stein, auf dem R. Elieser bei seinen Vorträgen gesessen, geküsst und gesprochen habe: »Das ist der Berg Sinai und der Mann, der auf ihm geses­sen, gleicht der Bundeslade Gottes.« Bei Aufzählung der Lehranstalten in Palästina ist seine Schule die erste, wel­che genannt wird. Über seine Verban­nung hat die Sage das Volksurteil ver­zeichnet, indem sie erzählt, dass an demselben Tage der Boden Palästinas den dritten Teil seiner Früchte verloren habe, und R. Gamliel auf einer Seereise durch heftige Stürme in Lebensgefahr gekommen sei, so dass er ausgerufen haben soll: »Herr der Welt! Dir ist es offenbar, dass ich es (die Verbannung R. Elieser) nicht wegen meiner Ehre, noch wegen der Ehre meines Vaterhau­ses getan habe, sondern deiner Ehre wegen, damit die Streitigkeiten in Is­rael nicht zunehmen.« Sein eigener Spruch darüber war: »Die Ehre deines Nächsten sei dir wie die deinige, sei nicht leicht zu erzürnen, bekehre dich einen Tag vor deinem Tode, wärme dich an dem Feuer der Weisen, aber nimm dich vor ihren Kohlen in Acht, dass du sie nicht auslöschest, denn ihr Biss ist der Biss eines Schakals, ihr Stich das Stechen eines Skorpions, ihr Zi­schen das Zischen der Schlange Seraph, und alle ihre Worte sind wie Feuerkoh­len.«