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Geheimlehre - sithre thora - Geheimnisse der Thora - Talmud | Talmud

Geheimlehre - sithre thora - Geheimnisse der Thora - Talmud

Posted 2 mos ago

Geheimlehre, sithre thora, Ge­heimnisse der Thora, auch kurzweg: Choch-ma, Weisheit, Theosophie; par-des, Paradies, Wonnegarten, Ort der abgeschiedenen Seelen, Stätte des reinen Gottschauens; spezieller: das Schöp­fungswerk: maase bereschith, For­schungen über die Schöpfung und: das Werk des Gotteswagens, auch nur: der Gotteswagen, merkaba, Forschungen über Gott und die Himmelswesen.

I. Name und Bedeutung. Eine Ge­heimlehre im Sinne von geheim zu hal­tenden und nur einzelnen, etwa be­stimmten auserwählten Männern, mitzuteilenden Lehren über Gott, Welt und Menschen, kennt die Bibel nicht. Die Offenbarung ihrer Wahrheiten ist für alle und an alle, bildet daher kein Geheimnis. Was sie als für den Men­schen unerkennbar verschwiegen, da­von hat sie auch einen Moses ausge­schlossen. »Du kannst mein Antlitz nicht schauen, denn mich sieht kein Mensch und bleibt am Leben«, war die Antwort auf das Verlangen Moses, die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Auch das Prophetentum sollte keinen abge­schlossenen Kreis von Geweihten bil­den. »Wollte Gott«, entgegnete Moses, als ihm die Weissagung des Eldad und Medad gemeldet wurde, »dass das ganze Volk des Herrn Propheten wäre! « »Ich schütte meinen Geist über alles Fleisch aus, es weissagen eure Söhne und Töchter«, ist eine der Zu­kunftsverheißungen. Die Bibel hat da­her keine Bezeichnung für »Geheim­lehre«, ihr fehlt jeder Ausdruck dafür. Erst die Schriften der Juden aus dem zweiten jüdischen Staatsleben und nach demselben sprechen von geheimen Lehren und haben bestimmte Benen­nungen für dieselben. Der feindliche Zusammenstoß des Griechentums mit dem Judentum mit seinen verhängnis­vollen Folgen der Verhöhnung der jü­dischen Lehren und Anschauungen rie­fen die Bewegung der Chassidäer hervor, deren Werk unter andern auch die Geheimhaltung der jüdischen Leh­ren war. Wir kennen den Bund der Es­säer, der aus den Chassidäern hervor­gegangen, und die Geheimhaltung der Gott-, Geister- und Engellehre zu einer seiner Hauptbestimmung machte. Eine Tradition erzählt uns von dem Unwil­len der Frommen gegen die griechische Übersetzung der Bibel, Septuaginta, die deren Anfertigung gleich dem Abfalle Israels am goldenen Kalbe in der Wüste hielten und einen Festtag ihretwegen einsetzten. Eine andere Tradition be­richt, dass vom Todestage des Hohen­priesters Simon des Gerechten die Brüder desselben den heiligen Gottesnamen, Te­tragammaton, aus Furcht vor Missdeu­tung` desselben nicht mehr im Priesterse­gen aussprachen. Eine Dritte endlich sagt: »Erst überlieferte man die Aus­sprache des heiligen Gottesnamens nur den Frommen des Priestertums und diese verschluckten ihn bei Erteilung des Priestersegens in die Melodie ihrer Brüder, der Priester.« Diese so der Öf­fentlichkeit entzogene jüdische Theo­sophie kommt im talmudischen Schrift­tum unter verschiedenen Namen vor: a. Chochmah, Weisheit, Theosophie, von der man die griechische Philoso­phie unterschied, die »Griechische Weisheit«, hieß; b. Pardes, Paradies, eine uneigentliche, mehr entlehnte Be­nennung für Geheimlehre, die auch bei den Kabbalisten vorkommt; c. Maase bereschith, Schöpfungswerk, Forschun­gen über die Schöpfung und d. Maase mercaba, oder nur: Mercaba, das Werk des göttlichen Thronwagens, For­schungen über die Gotteserscheinung in Ezechiel z. und Jesaja 6. als Bezeich­nung der Lehren von Gott und den Himmelswesen, so dass die zwei Letz­ten die Benennung für die Forschungen über das Sichtbare und Unsichtbare sind. Der eigentliche bestimmte Name Geheimlehre findet sich erst in den Aussprüchen der Lehrer des 3. Jahrh. n., er lautet: Sithre Thora, Geheimnisse der Thora. Ihr Wesen, wie es sich in den abgeschlossenen Kreisen der Chassidäer und darauf in denen der Gesetzeslehrer bis zum Schluss des Talmud (am Ende des 5. Jahrh. n.) entwickelt hat, bestand:

a. aus Lehren über Gott, dessen Wesen, Namen, Eigenschaften, Offenbarung, die Geisterwelt und die damit in Verbindung stehende Geisterbeschwörung, Geister­austreibung, Wahrsagerei und Heilung der Kranken durch Einflüstern von Got­tes- und Engelnamen sowie die Fürbitte, die Anfertigung von Amuletten zum Schutz vor bösen Geistern u. a. m.;

b. ferner aus Lehren und Betrachtungen über die Weltschöpfung und Weltregierung, den Menschen, die Völker, Israel, das Gesetz, die Propheten, die Schriftdeu­tung, die Sünde, die Erbsünde, das Op­fer, die Vergebung, die Erlösung, den Messias, das Messiasreich, das himmli­sche Jerusalem, den himmlischen Tem­pel, die Seele, den Tod, die Hölle, den Himmel, das Jenseits, die Auferste­hung, das jüngste Gericht, die zukünf­tige Welt, das Himmelreich u. a. m. Von dieser alten Geheimlehre haben wir die jüngere, die Kabbala, zu unterscheiden, deren Anhänger in unserer Zeit sich ebenfalls Chassidäer nennen und die unverkennbar in ihren ersten Anfängen aus dieser Geheimlehre hervorgegan­gen und an ihre Lehren angeknüpft hat, aber im Laufe der Zeit durch Auf­nahme fremder Elemente zu einer ganz andern sich entwickelt hat.

II. Wesen, Teile, Prinzipien, Lehren, Macht und Einfluss. Die Geheimlehre im talmudischen Schrifttum hat, wie wir in dem geschichtlichen Teile dieses Artikels nachgewiesen haben, nur ge­ringe Reste von der eigentlich alten, in den abgeschlossenen Kreisen der Chas­siäder gepflegten Theosophie, sie ist vielmehr eine neue im Gegensatze zu den Ausartungen derselben in dem letz­ten Jahrhundert des jüdischen Staatsle­bens in Palästina sich gebildete Ge­heimlehre, die an die überkommenen, von bewährten Lehrern geprüften Tra­ditionen angeknüpft und sie weiter ent­wickelt hat. Man hielt sie geheim, um sie vor Missdeutungen und Profanisie­rung zu schützen gegenüber der unter der Macht und dem Einflusse des Hel­lenismus sich bildenden Anschauungen der Juden Palästinas. Zwei Gegen­stände regten besonders zu tieferem Denken an: a. der Schöpfungsbericht im 1. B. Moses 1. und b. die Gottes-und Geisteroffenbarung in Ezechiel 1. und Jesaja 6; ersteres wegen seiner Ein­fachheit und Kürze und letzteres, weil es von diesem entgegengesetzt zu rätsel­ haft und mysteriös gehalten ist. Man hoffte in beiden durch tieferes Eindrin­gen die Lösung so vieler Fragen ange­deutet zu finden. So baute sich aus ih­nen die Geheimlehre im Talmud auf. Das Sichtbare und Unsichtbare, das Weltliche und Überweltliche wurde in den Kreis ihrer Betrachtung gezogen, dieses mit Beziehung auf Ezechiel 1. und Jesaja 6. und jenes in Verbindung mit 1. M. 1. und 2. Es waren dies die zwei Hauptteile, denen sich alles andere unterordnete. Wir bringen erst ihre Lehren über das Schöpfungswerk.

A. Das Schöpfungswerk oder die Schöpfungsgeschichte, maase bere­schith. Die Annahme von einer Urmate­rie oder von Urstoffen bei der Welt­schöpfung, nach der Gott nicht freier Schöpfer, sondern nur Bildner ist, war im heidnischen Altertum weit verbreitet und fand besonders in der griechischen Philosophie ihre Vertreter. In welchem Verhältnisse diese Annahme zur bibli­schen Lehre von der Weltschöpfung stehe, die Erörterung dieses Gegenstan­des bildete das Thema der Geheim­lehre. Die Alexan-driner und die helle­nistischen Juden in Palästina sprachen sich für die Annahme von Urstoffen bei der Weltschöpfung aus, Gegner derselben waren die anderen Juden. Diese geteilte Meinung darüber haben wir schon in den Büchern der Apokry­phen. Das zweite Buch der Makkabäer betont entschieden die Schöpfung als aus einem gestaltlosen Urstoffe. In die­sem Sinne hält Philo die Schöpfung aus Nichts für eine Unmöglichkeit. Bei den Gesetzeslehrern in Palästina war das Forschen nach dem Vorweltlichen überhaupt verpönt. Möglich, dass die­ses Verbot gegen das Eindringen frem­der Lehren als z. B. der von den Urstof­fen u. a. m. gerichtet war. Doch es half nichts. Die griechischen Schöpfungs­theorien waren bereits im Schoße des Judentums und die Diskussion über sie war unvermeidlich. So mahnt im 1. Jahrh. n. der Lehrer R. Akiba seine Kollegen: Ben Asai, Ben Soma und Elisa ben Abuja vorsichtig bei ihren ge­heimen Untersuchungen zu sein. »So ihr zu den reinen Marmorsteinen ge­langet«, eine bildliche Bezeichnung des Wassers, als des Urstoffes bei der Schöpfung, »saget nicht: Wasser! Was­ser!«, d. h. hütet euch vor der Annahme des Wassers als Urmaterie. Das »Was­ser« als Urmaterie wurde bekanntlich von dem jonischen Philosophen Thales aufgestellt, kommt als solches in meh­reren Stellen in Homer vor, und war bei den Gnostikern weit verbreitet. Auch in den Schriften des N. T. lesen wir 2 Petri 3. 5.: »Die Erde entstand durch Wasser und mit Wasser.« Von den drei genannten war es letzterer, Elisa ben Abuja, der den Homer gele­sen, und somit mit obiger Annahme bekannt sein konnte. Der Zweite, Ben Soma, von dem erzählt wird, dass er wirre geworden, war es in der Tat, der das Wasser als Urstoff anerkannte und in Folge desselben als außerhalb des Judentums stehend gehalten wurde. Ben Soma, heißt es, teilte dem R. Josua ben Chananja mit: »Ich schaute zwi­schen dem oberen und dem unteren Wasser (dem göttlichen, schaffenden Prinzip und dem unteren Weltstoff) und sah wie zwischen beiden kaum eine Handbreit (nach anderer Leseart drei Finger breit) war.« Noch im 2. Jahrh. n. hatte diese Lehre ihre Anhän­ger unter den Gesetzeslehrern. So lehrte R. Juda ben Pasi: »Erst war die Welt Wasser in Wasser, denn also heißt es: >Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser<, da geschah die Umwand­lung des Wassers in Schnee und des Schnees in Erde.« Andere Lehrer be­zeichnen andere Gegenstände als die Urstoffe der Schöpfung. R. Jose (im 2. Jahrh. n.) nimmt die Luft, den Wind und den Sturm als die Urprinzipien an. Bar Kappara, ein Lehrer am Ende des zweiten und am Anfange des 3. Jahr­hunderts und Rab Huna im 3. Jahrh. n. sagen in Bezug auf 1. M. 1. 2. aus­drücklich: »Man würde es sich kaum zu sagen wagen, wenn nicht ausdrück­lich die Urstoffe genannt wären: Tohu, Bohu und Choschech (Öde, leer und Finsternis). Ein Vierter bemerkt: »Es steht bei der Schöpfung des ersten Ta­ges >es ward Abend<, die Ordnung der Zeiten muss also schon da gewesen sein.« Ein Fünfter endlich nennt das Licht als den Urstoff. R. Samuel ben Jahozadok teilte heimlich dem R. Sa­muel bar Nachmani (im 4. Jahrh. n.) mit, dass Gott sich vor Beginn der Schöpfung in das Licht wie in ein Gewandt gehüllt und dasselbe sandte seine Strahlen der Welt zu (Midr. r. 1. Absch. 3.). Am meisten wurden sie in der Annahme von Urstoffen, die Gott nur als Bildner darstellen, durch den Ausdruck in 1. B. M. 1. 7. »und Gott machte«, bestärkt. Was nicht auf ein Schaffen aus Nichts, sondern auf das Bilden aus einem vorgefundenen Stoff gedeutet wurde. »Gott machte den Himmel«, das ist, heißt es, eine der Bi­belstellen, deretwegen Ben Soma (im 1 Jahrh. n.) die Welt erschütterte, die Schöpfungen sind ja durch das Wort entstanden, denn also heißt es: »Durch das Wort des Ewigen wurden die Him­mel gemacht, durch den Hauch seines Mundes ihr ganzes Heer.« Doch die be­deutendsten Lehrer verwarfen die An­nahme von Urstoffen und lehrten die Schöpfung aus Nichts. Wir nennen: R. Gamliel II., R. Akiba im 1. Jahrh. n.; R. Juda und R. Elasar im 2. Jahrh. n.; Rabh und R. Samuel bar Nachmani, R. Simon ben Lakisch, R. Abbahu u. a. m. im 3. Jahrh. n.; R. Tanchum und R. Be­rechja im 4. Jahrh. n., die sich als Ver­fechter dieser Lehre hervortaten. Ein Philosoph, heißt es, redete einst R. Gamliel II. an: »Euer Gott war ein gro­ßer Bildner, aber er fand auch die Ur­stoffe schon vor: das Tohu und Bohu, die Finsternis, den Wind, das Wasser und die Abgründe, sämtliche existier­ten nach der Bibel schon vor der Schöp­fung.« »Wohl«, antwortete dieser, »kommen sie als solche daselbst vor, aber nicht ohne die sie näher bestimmende Angabe: bara, dass sie geschaf­fen wurden.« Im 3. Jahrh. n. eifert R. Elasar gegen diejenigen, welche sich zur Annahme einer Urmaterie, des Wassers, bei der Schöpfung bekannten und lehrte: »Wer da annimmt, erst sei die Welt Wasser in Wasser gewesen, begeht einen Schmähung gegen Gott, denn Gott braucht nur zu blicken, aber nicht sich zu bemühen.« Denselben Ausspruch wiederholt später R. Ab­bahu, sein Zeitgenosse, der ebenfalls gegen die Annahme von Urstoffen ist, erklärt die Ausdrücke Tohu und Bohu in 1. M. 1. 2. So wurde endlich die aus dem Heidentum ins Judentum einge­drungene Annahme von Urstoffen wie­der hinausgedrängt. Man schien dahin sich vereinigt zu haben, dass man von Urstoffen nur im Sinne von erstge­schaffenen Urelementen sprach, aus denen die Schöpfungswerke hervorge­gangen. Rabh im 3. Jahrh. n. und Rab Juda im vierten Jahrh. n. tragen die Lehre vor: »Zehn Gegenstände wurden am 1. Tag geschaffen: der Himmel, die Erde, das Tohu und Bohu, das Licht, die Finsternis, der Wind, das Wasser, die Tages- und Nachtzeit.« Ein anderer spricht von drei erstgeschaffenen Ure­lementen der Welt: »dem Wasser, dem Geist oder Wind (Luft) und dem Feuer, aus denen drei andere hervorgingen; so aus dem Wasser die neblige Finsternis; aus dem Feuer das Licht; aus dem Geist die Weisheit.« In diesem Sinne spricht ein Lehrer des 3. Jahrh. n., R. Abbahu, von vorweltlichen Zeiten. Anknüpfend an die Schriftworte: »und siehe, es war sehr gut« lehret ersterer: »Gott hat Welten erschaffen und sie zerstört, bis er endlich diese erschaffen hat, die ihm gefiel.« Letztere bezieht sich auf 1. M. 1. 2. »Es ward Abend« und folgert daraus, dass die Zeit früher dagewe­sen. Ebenso stellt schon R. Ismael im 1. Jahrh. n. die Idee von der Präexistenz der Gegenstände auf, dass mit der Schöpfung des Himmels und der Erde die andren Wesen im Keime mitgege­ben waren und später nur hervorgeru­fen zu werden brauchten. Diese Theo­rien, die schon bei Plato vorkommen, und von da später zu Philo und den Gnostikern übergingen, erhielten hier ihre Modifikation, dass sie, wie bereits angegeben, als geschaffen und nicht als unerschaffen präexistierend gedacht wurden. »Nicht durch Arbeit und Mühe schuf Gott, sondern nur durch das Wort, und es war längst da«, denn also heißt es: »Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel gemacht, durch den Hauch seines Mundes ihr ganzes Heer. « Der zweite Gegenstand, der hier zur Erörterung kommt, betrifft die Urideen des Platonismus, die bei Philo zu göttlichen wirkenden Kräften werden, mittels deren die Welt geschaf­fen war. Schon in dem apokryphischen Buche der Weisheit wird die Weisheit als ein Ausfluss des göttlichen Wesens bezeichnet, in der die Güte und Macht Gottes zur Erscheinung kommen, die Gott bei der Weltbildung gleichsam als ein Künstler zur Seite stand. Bei Philo ist sie unter der Bezeichnung »Logos« ein Inbegriff aller göttlichen zur Schöp­fung und Erhaltung der Welt wirken­den aus Gott ausgegangenen Kräfte. Auch das Judentum hat die Lehren von den Urideen, aber nicht als aus Gottes Wesen hervorgegangene, bei der Schöp­fung mitwirkende Wesen, sondern nur als durch Gott geschaffene Musterbil­der, Vorzeichnungen, nach denen die Schöpfung ihr Dasein erhalten hat. Eine alte Boraitha hat darüber: »Sieben Gegenstände wurden vor der Schöp­fung der Welt geschaffen: die Thora, (das Gesetz), die Buße, das Paradies, die Hölle (beide als Ausdrücke der Ver­geltung), der Gottesthron (Vorsehung oder Weltregierung Gottes), der Tem­pel (die Gottesverehrung) und der Name des Messias (Messiasidee).« Deutlicher wird diese Lehre im 2. Jahrh. n. von R. Levi vorgetragen: »Ein Baumeister bedarf zur Ausführung ei­nes Bauwerkes sechs Gegenstände: Wasser, Lehm, Holz, Steine, Rohr und Eisen, so wurde die Thora sechsmal als vor und zur Schöpfung geschaffen er­wähnt.« Noch im 3. Jahrh. n. wird diese Lehre von dem berühmten Aga­disten R. Josua ben Levi wiederholt, ein Beweis von deren Wichtigkeit. Eine völlige Umarbeitung erhielt sie im 4. Jahrh. n., von R. Hosea 1. Derselbe lehrte: »Die Thora spricht: >Ich war das Werkzeug Gottes bei der Welt­schöpfung. Wie der Baumeister einen Palast nur nach einem früher entworfe­nen Plan baut, so schaute Gott in die Thora und schuf die Welt.« Wir haben fast dieselben Sätze auch bei Philo, dem Repräsentanten der jüdischen alexan­drinischen Philosophie (siehe Philo), aber diese Urideen sind, da außerhalb Gottes, selbstständig wirkende Ur­kräfte. So sehen wir hier die im jüdi­schen Hellenismus verarbeiteten Tradi­tionen in ihrer ursprünglichen Gestalt. Auch wirkliche Urideen werden na­mentlich aufgezählt, aber nur als Pro­totypen der Schöpfung und als hypos­tasierte Gotteseigenschaften und nicht als von Gott getrennte selbstständig wirkende Wesen. So lehrt Rabh (im 3. Jahrh. n.): Mit zehn Gegenständen ge­schah die Schöpfung der Welt: mit Weisheit, Einsicht, Erkenntnis, Kraft, Strenge, Macht, Gerechtigkeit, Recht, Gnade und Barmherzigkeit. Deutlicher sind sie in den Allegorien über die Schöpfung des Menschen, wo die Ge­rechtigkeit und das strenge Recht mit der Gnade und Barmherzigkeit über die Schöpfung des Menschen vor dem Gottesthron streiten, ferner in deren Angabe der Eigenschaften des strengen Rechts und der Barmherzigkeit, die in Bezug auf die Weltschöpfung durch Gott vereinigt wurden; ferner die öfte­ren Ausdrücke Schechina, Gottesanwe­senheit, als Inbegriff aller Gotteseigen­schaften; das obere Gottesheer, mit dem sich Gott bei der Schöpfung beriet; die Nennung und Rangstellung des Engels Metatron Akathriel, die auch den Na­men Gottes führen, und an den Logos des Alexandrinismus erinnern. Aber

gegenüber solchen Ausdrücken ver­wahren sie sich ausdrücklich gegen die Annahme einer mittelbaren Schöpfung; immer bleibt Gott der unmittelbare al­leinige Weltschöpfer. Die Engel, auch der Metatron und der Akathriel wer­den als von Gott geschaffene und nicht von ewig her existierende Wesen ge­dacht. »Die Engel«, heißt es, »wurden nicht am ersten Tage geschaffen, damit man nicht sage: ein Michael und ein Gabriel standen Gott bei der Schöp­fung bei.« Ausdrücklich wird von R. Akiba die Partikel את vor dem Worte »Himmel und Erde« als Akkusativzei­chen erklärt in dem ersten Verse des Pentateuchs: »Im Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde«, damit man nicht zur Annahme verleitet werde: »Himmel und Erde« waren gleich Gott (Elohim) Götter bei der Weltschöp­fung. Trotzdem können wir bei einer Zusammenfassung des bisher Vorge­brachten schon jetzt nicht leugnen, dass diese Lehren die jüdischen Grund­steine der philonischen Philosophie ei­nerseits und der späteren Kabbala an­dererseits waren. Beide haben sie von hier geholt und dieselben nach ihrer Weise verarbeitet. Indem wir darüber auf den Artikel: Kabbala verweisen, bemerken wir in Bezug auf die Kabbala schon hier, dass die Sephiroth und ihre Zusammenfassung in eines nichts an­deres sind als die modifizierten oben genannten talmudischen Urideen, die ebenfalls in deren talmudischen Auf­stellung und Angabe der »Thora« oder »Chochma«, »Weisheit«, womit Gott die Welt geschaffen hat, vorkommen. Auch die Vereinigung von je zwei kon­trären Sephiroth durch eine Dritte hat die talmudische Lehre von der Vereini­gung des strengen Rechts und der Barmherzigkeit durch Gott, wie die­selbe sich in den Allegorien über die Schöpfung des ersten Menschen, Adam, ausspricht, zu ihrer Grundlage. Dage­gen ist die Darstellung der Urideen, Se­phiroth, als von Gott und aus Gottes Wesen emanierte, selbstständig wir­kende Urkräfte, mittels deren die Welt geschaffen wurde und diese gleitet wird, dasjenige, womit die Kabbala über die talmudische Geheimlehre von der Weltschöpfung und Weltregierung hinausgeht, oder richtiger, wie wir dies in dem geschichtlichen Teil diese Arti­kels nachgewiesen haben, an die Resul­tate der vortalmudischen jüdischen Theosophie, als z. B. von der Vorwelt­lichkeit des Messias, des heiligen Geis­tes, als eines Gottesgeistes u. s. w., wo­durch der Messias zum Gottessohne wird, was die Idee einer Emunation von Gott voraussetzt, wieder anknüpft und sie weiter entwickelt. Diese alte jü­dische Theosophie wurde in ihren spä­teren Auswüchsen und Ausartungen von den Gesetzeslehrern in Folge der aus ihr hervorgegangen Sektenbildung und Sektenkämpfe (Chassidäer, Essäer, Christentum, Sikarier, Messiasse, Ze­loten) einer Prüfung unterworfen und als minäisch, antijudäisch aus dem Ju­dentum gewiesen, doch behielt sie heimlich manche Anhänger, so dass man da und dort auf Einzelnes dieser ausgewiesenen Theosophie stößt. Ich erinnere an den Ausspruch R. Simons ben Lakisch im 3. Jahrh. n.: »Und der Geist Gottes schwebet über dem Was­ser, das war der Geist des Messias.« Mehr als in Palästina haben sich ihre Lehren unter den Juden in Babylonien erhalten und weiter entwickelt, die eine Zusammenstellung in dem kleinen Midraschim erhielten, und in ganzen Stücken auffallende Ähnlichkeit mit den Lehren des äthiopischen Buches Henoch und dem 4. B. Esra u. a. m. ha­ben. Nur nach der Darstellung der Kabbalisten, welche die Sephiroth in ihrer Zusammenfassung in eine als von Gott geschaffen, nicht aus seinem We­sen hervorgegangene bezeichnet, findet die Kabbala in der talmudischen Ange­ologie als z.B. von Metatron u. a. m. ihre Vorläufer.

B. Gott und die Geisterwelt, oder der Thronwagen, Gotteswagen, mer­kaba, das Werk des Gotteswagens, maase merkaba. Die Forschungen über die Merkaba bildeten den eigentlichen Kern der talmudischen Geheimlehre, wie sie sich im Gegensatz zur alten, aus dem Judentum gewiesenen Theosophie entwickelt hat. Sie erstreckten sich zu­nächst auf die Theophanien in Ezechiel z. und andere damit verwandte Stellen, aber zogen die Traditionen und Philo­sopheme über die Geisterwelt, den Himmel und alles Übersinnliche in ih­ren Kreis und beschäftigten sich speziell mit den Lehren über Gott, sein We­sen, seine Eigenschaften, seine Namen, seine Offenbarung und Weltregierung, die Engel, Dämonen, den Menschen, Israel, das Gesetz, das Böse und Gute, die Sünde, die Heilsstiftung, das Got­tesreich, den Messias, den Tod, die Vergeltung, das Diesseits und Jenseits, die Hölle, das Paradies, die Auferste­hung, das Weltgericht, die zukünftige Welt u. a. m. Von diesem hat uns das talmudische Schrifttum eine nicht un­bedeutende Menge von verschiedenen Lehren und Betrachtungen aufbewahrt, dagegen haben sich über die eigentliche Merkaba nur geringe, unbedeutende Reste erhalten. Die vorhandenen tal­mudischen Notizen sprechen über die Bedeutsamkeit der Merkaba, die Män­ner, die sich in ihr auszeichneten, die Art und Weise ihrer Mitteilung u. a.m., also mehr über ihre Außenseite, ohne uns in ihr inneres Gebiet einzuführen. So heißt die Merkaba: »Der große Ge­genstand«, als dessen erster ausge­zeichneter Lehrer R. Jochanan ben Sa­kai (im 1. Jahrh. n.) genannt wird. Die Mischna hat darüber: »Man erkläre in der Merkaba auch nicht vor einem, wenn er nicht ein Weiser ist, der selbst zu urteilen versteht.« Die Schüler des R. Jochanan ben Sakai, R. Elasar ben Arach, R. Jose Hakohen, R. Simon ben Nathanel werden als die ersten ge­nannt, die über die Merkaba vor ihrem Meister Vorträge hielten und von ihm gelobt wurden. Ebenso war es R. Jo­sua, der vor R. Jochanan ben Sakai seine Forschungen über die Geheim­lehre zur Prüfung vortrug. Ein zweiter Heros der Merkaba war R. Akiba (im Anfange des 2. Jahrh. n.). Auch ihm wurden zur Prüfung die Resultate die­ser Forschungen vorgelegt. Das war die Weise, wie man diesen Zweig der Geheimlehre gepflegt wissen wollte. Ihre Jünger wurden mit den Hauptsa­chen derselben bekannt gemacht, wo­rüber sie selbst nachdenken und die gewonnenen Resultate den Meistern der Geheimlehre zur Prüfung vorlegen. So lautet der Ausspruch R. Chijas, ei­nes Lehrers am Ende des 2. Jahrh. n.: »Man erkläre die Merkaba auch nicht vor einem, aber man überliefere ihm aphoristisch den Inhalt derselben.« Im 3. Jahrh. nahm man es in Palästina noch genauer. R. Seira lehrte: »Man überliefere die Hauptlehren der Mer­kaba nur dem Abbethdin (Stellvertre­ter des Vorsitzenden im Synhedrion) oder dem, dessen Herz sorgsam sie zu verwahren versteht.« So hielt sich R. Elasar, sein Zeitgenosse, nicht würdig genug, sich in der Merkaba von R. Jochanan unterrichten zu lassen und lehnte bescheiden dessen Anerbieten hierzu ab. Ein Galiläer, heißt es, der in Babylonien über die Merkaba Vorträge zu halten im Begriffe war, fiel plötzlich hin und starb. Dieser Tod wurde als Strafe wegen seiner Übertretung des Verbots gehalten. Die Bruchstücke der Merkabaforschungen im talmudischen Schrifttum gehören meistens den Leh­rern des 3. und 4. Jahrh. n. an und haben die Erklärung mehrerer Gegen­stände in derselben. Der Name Chaschmal Ezechiel 1. 27. wird von Rab Juda (im 4. Jahrh. n.) als eine Zu­sammensetzung von Geister, die Feuer sprühen gehalten, und als Bezeichnung eines Feuer sprühenden Engels angege­ben. R. Jose ben Chanina (im 3. Jahrh.) erklärt den Ausdruck: מראה הכזק Ezechiel 1. 14. als Bezeichnung der Lichtfarben, die beim Goldschmelzen zum Vorschein kommen. Ein Dritter, R. Elasar, hält die Angabe אופן אחד בארץ (ein Rad auf der Erde) für den Radengel Sandalphon. Am interessan­testen ist die Symbolisierung der vier Gesichtsgestalten am Thronwagen: des Menschen, des Löwen, des Ochsen und des Adlers als der vier Hauptrepräsen­tanten der Schöpfung, von denen der Adler der König der Vögel, der Ochse der König der Haustiere, der Löwe der König des Wildes und der Mensch der König der ganzen Schöpfung ist. Ihre Stellung am Gotteswagen, merkaba, bezeichnet bildlich ihre Anerkennung Gottes und Unterwerfung unter ihn als den Allerhöchsten der Welten. Diese Darstellung ist von R. Simon ben La­kisch im 3. Jahrh., dem wir eine andere von ihm über die Stelle: (Und die Hände eines Menschen unter ihren Fit­tichen), anreihen, wo er für verbessert »Und seine Hand«, die auf Gott bezo­gen wird und gleich: »und seine (Got­tes) Hand ist zum Menschen von unter den Fittichen, um ihn, wenn er gesün­digt, bußfertig aufzunehmen.« Das Gesicht eines Cherubs in Ezechiel 1. wird nach dem aramä­ischen »Jüngling« als Gesicht eines Jünglings (siehe Cherubim), wel­ches für die Gesichtsgestalt des Che­rubs gehalten wird, erklärt.

III. Geschichte. Die Geheimlehre hat die Bibel zu ihrer Voraussetzung, ihre Normen, Lehren, Dogmen und moralischen Betrachtungen über Gott, Welt und Menschen knüpfen an die bi­blischen Lehren von Gott, Welt und Menschen an, die von ihr in ihrem Sinne erklärt, erweitert und ausgebaut werden. Neben den Abschnitten der Geschichte, der Gesetze und der dog­matischen und ethischen Lehren hat die Schrift auch eine nicht unbeträchtliche Zahl von Stellen über Gottschauen, die Gottes- und Engeloffenbarungen, die Weltschöpfung und Weltregierung u. a. m. Waren auch dieselben keine Be­standteile einer Geheimlehre, da ihre Verkündigung für alle und an alle ge­schah, so bildeten sie doch die Theoso­phie der Israeliten in den verschiedenen Zeiten des biblischen Schrifttums, wel­che nicht die Sache aller, sondern das Studium der geistig begabtesten Män­ner unter ihnen sein konnte. Die Mit­teilung ihrer Lehren wurde noch als kein Geheimnis betrachtet, aber es be­durfte nur in der Folge eines regen An­stoßes, um es zu werden. Dieser kam und machte sich in der ersten Hälfte des zweiten jüdischen Staatslebens gel­tend. Der Kampf des Griechentums ge­gen das Judentum unter der Herrschaft der Seleuciden über Palästina, wie der­selbe eine ganze Umwandlung in der altjüdischen Lebens-, Lehr- und An­schauungsweise des Volkes hervorrief, die bisherigen Lehren von Gott, Welt und Menschen in ihrem Grunde unter­wühlte, das fernere Bestehen des Ge­setzes in Frage stellte, war es, der die Frommen und Nationalgesinnten zu einem Gegenkampf, zum Schutz der Lehre und des Lebens gegen die um sich greifende Hellenisierung derselben ver­einigte. Man verpönte jede nach grie­chischer Weise üblich gewordene theo­sophische Untersuchung und wollte die Fragen und Forschungen solcher Ge­genstände nur nach altjüdischen An­schauungen von bewährt frommen Männern innerhalb eines engen Kreises behandelt wissen. So bringt das Buch Sirach die Warnung vor dem Eindrin­gen in die göttlichen Geheimnisse. Nicht ohne Beziehung darauf ist der von dem Syne-drialsoberhaupt Semaja in der nachmakkabäischen Zeit erhal­tene Satz: »Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Lehren, vielleicht verschul­det ihr einst das Exil und kommt auf einen Ort bösen Wassers (irriger Leh­ren), es trinken dann eure Schüler nach euch mit Durst eure Worte und der Gottesname wird entweiht.« So bildete sich der Essäer-Verein, der aus den Chassidäern hervorging und die Ge­heimhaltung der theosophischen Leh­ren zu einem seiner Hauptgesetze machte. Nach dem Tode Simon des Gerechten hörte auch das Aussprechen des Tetragammaton auf. Eine entge­gengesetzte Richtung schlugen die grie­chisch gebildeten Juden in Alexandrien und Palästina ein. Sie glaubten nichts Besseres zur Rettung des Judentums zu tun als die Veröffentlichung seines Schrifttums durch Übersetzung, Er­klärung und Überarbeitung desselben in griechischer Sprache und nach griechischem Geiste. So entstand die griechische Übersetzung der biblischen Bücher, die Septuaginta, wo das Auf­fallende und Anstößige weggelassen, teils verändert und umgearbeitet wurde. Ihr folgten die Briefe des Aristeas über die Anthopomorphien und Anthropo­pathismen, die Gesetze u. a. m. in der Bibel; ferner der Kommentar des Aristobul zu den Büchern derselben u. a. m. bis auf Philo, den Philosophen, der unter Benutzung der Arbeiten sei­ner Vorgänger die Religion des Juden­tums in allen ihren Lehren, Gesetzen und Trägern im Sinne des Neuplatonis­mus philosophisch bearbeitete und in griechischer Sprache niederschrieb. Welchen Eindruck diese Arbeiten auf die Frommen in Palästina machte, er­zählt eine Tradition, dass sie am Tage, da man die Thora ins Griechische über­setzte, einen Fasttag veranstalteten. Die geheimen Kreise in Palästina, wo die theosophischen Lehren erörtert und vorgetragen wurden, erhielten sich weiter bis ins 3. Jahrh. n. Das talmu­dische Schrifttum hat uns von der Ge­heimlehre aus der Zeit des zweiten jü­dischen Staatslebens bis auf wenige Lehren und Sagen von den ersten Chas­sidäern als z. B. von Choni Maagol u. a. m. nichts aufbewahrt. Dagegen bietet uns das andere jüdische Schrift­tum dieser Zeit: das Buch Daniel, das Buch Henoch, das Buch der Jubiläen, das 4. Buch Esra, in gewisser Bezie­hung auch die Septuaginta, das Sirach­buch, das Buch der Weisheit, die Sybil­linen und die anderen apokryphischen Schriften, ferner die Schriften Philos und des Flavius Josephus — eine reiche Ausbeute. Das Buch Daniel, das sich ganz und gar als ein Buch der Geheim­nisse ausgibt, ist das Erste, welches wir hier in Betracht ziehen. Dasselbe ist in der Zeit der Syrerherrschaft und nach seinem Inhalte und seiner Ausdrucks­weise von einem Chassidäer gegen die Ausbreitung und Ausartung des Helle­nismus als Trost- und Mahnbild zum treuen Ausharren in dem alten Gottes­glauben abgefasst. Wir finden in denselben Bezeichnungen für Gott, Gottesthron, die Engel, den Messias, das Ende, das Weltgericht, die Aufer­stehung u. a. m., die in der Geheimlehre späterer Zeit eine bedeutende Rolle spielen. Der Ausdruck für Gott ist: »der Alte an Tagen«; mit der weitren Bezeichnung: »sein Gewand ist weiß wie Schnee und seine Haupthaare wie reine weiße Wolle.« Der Gottesthron ist da von Feuerflammen mit Rädern von brennendem Feuer. Die Engel sind in ihrer leiblichen Erscheinung Götter­söhnen gleich, die zum Schutz der Ge­rechten da sind. Sie tragen schon bestimmte Namen und haben bestimmte Tätigkeit. Der Engel Gabriel ist der Ausleger der Offenbarung, und Mi­chael ist der Vertreter Israels. Die Klas­sifikation der Engel in den früheren Schriften erscheint da entwickelter. An der Spitze der himmlischen Heerscha­ren stehen Engelsfürsten, die auch Ver­treter der verschiedenen Völker sind. Auch den Feuerstrom, aus dem Engel emporsteigen, kennt das Buch schon. Im Allgemeinen heißen sie: »Heilige Gotteswesen«, deren Wohnung nicht bei den Menschen ist. Auch die Him­melstimme, das spätere »Bathkol«, das Orakel der Geheimlehre, kommt vor. Israels Reich wird das der Ewigkeit sein, und seine Leiden sind die Prü­fungstage zur Tilgung seiner Schuld. Der Messias, dem das Reich übergeben wird, hat die Gestalt eines Menschen­sohnes, der mit den Wolken des Him­mels vor den Alten an Tagen erscheint. Wird auch hier nur, wie richtig von vie­len bemerkt wird, der Gegensatz des Gottesreiches von den früher er­wähnten vier Tierreichen, die aus dem Wasser, der Unterwelt, emporsteigen, ausgedrückt, so war doch diese danie­lische Bezeichnung des Messias als eines himmlischen Wesens, der mit den Wolken einherfährt, auf die sich eine spätere Geheimlehre in ihrer Darstel­lung des Messias als seines überir­dischen Wesens bezog. Ebenso ergeht es uns mit der in diesem Buche angege­benen Zahl zur Bestimmung des Endes der Zeiten und des Eintrittes des neuen Reiches. Die in den Weissagungen Jere­mias 25. 11., 29. 10. angegebenen 70 Jahre, die über die Verödung Jerusa­lems hingehen werden, werden hier zu 70 Jahrsiebenden, Jahrwochen, umge­deutet. Auf einer anderen Stelle spricht er von 3 1/2 Zeiten, Moadim, und wenn die Zerstörung vollendet sein wird oder 1290 Jamim (Tage) von der Zeit der entsetzlichen Gräueltaten und Auf­hören des Opferdienstes, und 1335 Ja-mim (Tage) bis zur Herstellung des Opferdienstes. Man hat richtig in die­sen Zeitangaben die Beziehung auf die Unterdrückung des Judentums unter der Syrerherrschaft und die glückliche Erhebung der Makkabäer gefunden, so dass die 3 1/2 Zeiten = 3 1/2 Jahre = 1290 Tage ausmachen; aber die Männer der Geheimlehre in der talmudischen Zeit und die späteren Mystiker sowie die Kabbalisten im Mittelalter haben in diesen Zahlen die Angaben zur Berech­nung des Eintrittes der messianischen Zeit gesehen. Endlich haben wir noch aus diesem Buche die Erwähnung des jüngsten Gerichts und der allgemeinen Auferstehung der Toten zu demselben zu nennen. Zuletzt bleibt uns noch der Vergeltungsidee desselben zu geden­ken: Die Gerechten werden für das ewige Leben beschieden, wo sie wie die Sterne am Himmel leuchten, aber die Frevler zur ewigen Schmach verdammt. Neben dieser theoretischen Geheim­lehre sind auch hier schon einige An­fänge von der praktischen, wozu wir die Offenbarung göttlicher Geheimnisse durch Engel an Daniel, den Mann, der mit dem heiligen Gottesgeist erfüllt ist. Diese schwachen, bescheidenen Anfänge der Geheimlehre dieses Bu­ches treten gegen Ende des 2. Jahrhun­derts vor im Buche Henoch in viel ent­wickelteren Umrissen vor uns.

a. Gott, Gottesthron. Die obige Zeichnung von Gott und seinem Throne bildet die Grundlage dieser Schilderung, die viel erhabener hier ausgeführt wird. Gott sitzt auf einem erhabenen Thron, sein Aussehen ist wie Reif, um ihn wie leuchtende Son­nen und Cherubsstimmen, unter dem Throne Ströme flammenden Feuers, so dass es unmöglich ist, ihn anzublicken. Das Gottesgewand ist glänzender als die Sonne und weißer als lauterer Schnee, kein Engel konnte hintreten, kein Sterblicher ihn schauen.

b. Engel. Die Engel zerfallen hier in Engelswächter, Engelsfürsten oder En­gelsvorsteher und endlich in sonst Dienst tuende Engel. Die Engelswäch­ter, im Buche Daniel Jrim, sind hier die Cherubim, Seraphim und Ophanim. Die Engelsfürsten, von denen bei Da­niel nur zwei mit Namen vorkommen, werden sechs namentlich angeführt: Uriel, Raphael, Reguel, Michael, Sara­gael und Gabriel. Dieselben werden auch nach ihrer Tätigkeit bezeichnet. So ist Uriel Engel des Donners und Le­bens, Raphael Engel der Menschen­geister; Raguel der der Rache, Michael der Vertreter Israels, Saragael der der Geister, welche die Menschen zur Sünde verführen, Gabriel der über Schlangen, das Paradies und die Cheru­bim. Doch ist Uriel auch der Führer Henochs, ihm geben auch Raphael, Ra­gael und Michael Auskunft. Letzterer ist auch der Buchführer über das Ver­halten heidnischer Könige. Von diesen stehen vier vor Gott zu vier Seiten: Mi­chael, Raphael, Gabriel und Phanael, die auch den Engelabfall vor Gott an­klagen. Die Dienst tuenden Engel sind ohne Zahl.

c. Engelabfall. Zu der im 1. M. 6. 3. erwähnten Vermischung der Bene Elohim mit den Menschentöchtern wird hier erzählt. 200 Engel stiegen vom Himmel auf die Erde unter An­führung der Vorsteher Semaja und Azazel. Dieselben offenbarten dem Menschen die Zauberei und Astrolo­gie. Sie wurden angeklagt und ihre Verurteilung erfolgte: Azazel soll in der Wüste Dadael mit Steinen bedeckt lie­gen bis zum Tag des Gerichts, Semaja und Genossen bleiben unter den Erd­hügeln 70 Geschlechter verborgen, und Gabriel bewirkt den Untergang der Zwitterwesen.

d. Böse Geiser. Dieselben werden den guten Engeln gegen-über aufge­stellt und heißen Satane. Spezieller kennt man von ihnen 7 böse Engel: Je­kum, Asbeel, Gadreel, Penemuel und Kasdeja. Über ihr Entstehen heißt es, dass sie die Seelen der Riesen, der Nachkommen der abgefallenen Engel sind, nachdem sie umgekommen wa­ren.

e. Erbsünde. Der Ursprung des Bö­sen und der Sünde wird auf den Engel­abfall zurückgeführt, eine Erbsünde in Folge der Sünde Adams ist hier noch nicht gekannt.

f. Messias. Im Gegensatze zu Daniel ist der Messias nicht von oben herab­gekommen, sondern wird unter den Israeliten geboren. Er heißt: Auser­wählter, Menschensohn, Weibessohn, Mannessohn, Gerechter, Gesalbter, Namen, die ihn nicht von göttlicher Abkunft, sondern nur als eine hohe ausgezeichnete Persönlichkeit darstel­len. Doch wird auch schon von seiner Präexistenz, Vorweltlichkeit, gespro­chen. Sein Name war schon genannt, ehe etwas da war, auch die Benennung »Sohn Gottes« kommt schon von ihm vor. Auch die anderen Angaben von ihm streifen schon an die Vorstellung des Messias als eines himmlischen We­sens, die in Daniel begonnen und im Christentum und in der Kabbala ihre weitere Ausbildung erhalten. »Er weilt bei dem, der ein Haupt der Tage ist, er sitzt bei Gott auf dem Thron der Herr­lichkeit, und wird von allen angebetet werden und über alles herrschen.« Ebenso wird ihm das Richteramt über Azazel, die gefallenen Engel und die bösen Geister sowie über die Menschen zuerkannt. Man sieht, dass hier zwei verschiedene Vorstellungen vom Mes­sias, von denen die eine ihn als mensch­liches Wesen, die andere als himmli­sches hält, ineinander geworfen sind. Uns genügt, darin den Nachweis von der Existenz dieser Messiasideen schon gefunden zu haben.

g. Weltgericht, Vergeltung. Auch die Schilderung des Weltgerichts ist hier ziemlich vollendet. In Palästina wird ein Gericht über die 70 Hirten (70 Herrscher), die über Israel ge­herrscht haben, wie über die anderen Sünder gehalten. Weiter wird von ewi­gen Höllenstrafen gesprochen sowie von ewiger Seligkeit der Frommen.

h. Auferstehung. Dieselbe ist in die­sem Buche bald für alle zum Gericht, bald nur für die Gerechten.

i. Zukünftige Segens fülle. Zu den Segnungen der Zukunft gehören die Verehrung des wahren Gottes bei allen Völkern, ein tausendfacher Ertrag der Erde, die mit allen Bäumen der Luft bepflanzt sein wird; ein neuer Tempel, auch von einem himmlischen Palästina wird in Kap. 36 — 39 gesprochen u. a. m.

k. Die Zeit des Endes. Die 7o Jahre in Jeremia werden hier als die Zeit der 70 Hirten oder der 70 Herrscherzeiten angegeben, von diesen kommen bis auf die Perserzeit i2 Hirten, die der Perser­herrschaft 23 Hirten usw. Auf einer an­deren Stelle wird der ganze Weltbe­stand in 10 Wochen zu je 7 Geschlechter geteilt, so dass bei Ende der 10. Woche 70 Geschlechter verlaufen, gleich den 70 Jahren bei Jeremia. Am Ende der i. Woche ist die Geburt Henochs; in der Zweiten der Engelabfall; in der Dritten die Geburt Abrahams und Israels; in der Vierten die Gesetzgebung Moses und der Bau der Stiftshütte; in der Fünften der Tempelbau Salomos; in der Sechsten der Abfall Israels und die Bekehrung durch Elijahu; in der Sie­benten Abtrünnigkeit, Auferstehung der Frommen und Auserwählten, Be­lehrung u. a.m; in der achten die Welt­herrschaft der Heiden zerstört, Erbau­ung des Neuen, wahren Gottestempels; in der neunten großes Gericht, Vernich­tung der Frevler und in der Zehnten die Zeit der Zukunft und himmlischen Se­ligkeit. Wir erkennen in diesen Lehren aus dem Buche Henoch die am Ende des 2. Jahrh. v. in den abgeschlossenen jüdischen Kreisen als z.B. in denen der Essäer herrschenden jüdischen mysti­schen Anschauungen, die sich schon damals zu einer Geheimlehre herausge­bildet und uns in ihrer weiteren Ent­wicklung im 4. Buch Esra vorliegt.

Das 4. Buch Esra, das am Anfange der zweiten Hälfte des 1. Jahrh. n. ab­gefasst ist, bringt uns mehrere neue Punkte, die wir noch nicht hatten.

a. Gott. Das Gottschauen ist auch nach ihm unmöglich, dagegen wird das Schauen der Gottesherrlichkeit den Frommen verheißen.

b. Erbsünde. Zum ersten Mal ist dieselbe hier deutlich ausgesprochen. Der böse Samen, heißt es, ist von An­fang in das Herz Adams gesät, wie viel Gottlosigkeit erzeugt er bis zur Ernte. Der Sündenfall Adams hat die Schuld, dass die Wege zur künftigen Welt be­engt und rau sind. Weiter werden die Leiden der Menschen als Folge der Sünde Adams bezeichnet. Doch schim­mert hier noch der alte Hebräismus durch, da hinzugefügt wird, dass der Mensch durch Kampf dennoch den verheißenen Lohn erringen könne (4. Esra 7. 90.), durch die Werke und den Glauben an den Allerhöchsten (das. 9. 7; 19. 23)

c. Messias. Der Messias ist hier halb irdischer, halb himmlischer Natur. Er steigt aus dem Meere und schwebt auf Wolken. Alles zittert vor ihm, alles kämpft gegen ihn, alles zerschmilzt wie Wachs, was seine Stimme hört. Er steigt durch den Hauch seines Mundes, der wie Feuer und Geist aus ihm fährt. Er hält Gericht und die zehn Stämme kehren wieder. 400 Jahre dauert sein Reich, worauf der Tod für ihn und die Seinigen erfolgt.

d. die Vergeltung. Nach dem Tode ziehen die Frommen bald in die Woh­nungen des Lichts, aber die Seelen der Sünder werden zu den Seelen gebracht, die dem Tage des Gerichts entgegen-harren. Die Freude dieser und der Schmerz der andern wird als ein Sie­benfacher geschildert. Neu ist die Nen­nung des Leviathan und Behemoth, die zur Verspeisung für die Gerechten be­stimmt sind.

e. Weltende. Dasselbe wird hier zum ersten Mal nicht nach Jahren und Zeiten, sondern nach Vollbringung von Taten bestimmt. Es heißt hier: Die von Adam in die Menschheit gebrachte Sünde müsse erst ihre Vollreife erhal­ten, dann erfolgt das Weltende, der Weltuntergang. Weiter wird angege­ben: »Wenn die Zahl der Seelen erfüllt ist. Der Behälter der Seelen in der Un­terwelt gleicht einem Mutterleib, der zur bestimmten Zeit seine Frucht ent­lässt.« Beide Angaben kommen auch im Talmud, aber erst von den Lehrern des 2., 3. und 4. Jahrh. n. vor. Auch die anderen Bezeichnungen des Zeitendes sind auffallend denen im Talmud ähn­lich, ein Beweis für diese im jüdischen Volke tief lebenden Anschauungen. Die Menschen werden von Furcht ergrif­fen, der Weg der Wahrheit ist verbor­gen, die Gegend des Glaubens un­fruchtbar. Die dritte Posaune ertönt. Die Erde wird verschüttet, die Sonne leuchtet bei Nacht, der Mond bei Tag usw. Nächst diesem nennen wir das Buch der Jubiläen, das der Zeit 30 bis 60 n. anzugehören und diesen Abriss der Geheimlehre zu ergänzen scheint. In dem wir von seiner Gottesdarstel­lung nichts Nennenswertes, was hier­her gehört, vorzubringen haben, so beginnen wir bei seiner Engellehre. In Bezug auf die Engelsfürsten als Führer und Vertreter der Völker heißt es hier, dass über Israel weder Engel noch Geister gesetzt sind, da Gott selbst sein Führer ist, eine Annahme, die aller­dings mit Daniel in Widerspruch steht, aber ebenso in der Septuaginta gelehrt wird. Das Zweite, was hierher gehört, ist seine Lehre, dass jedes einzelne Ele­ment einen Geist erhält und dieser ei­nen Engel. So spricht er von Engel des Feuergeistes, des Windgeistes, der Wolkengeister, der Geister der Kälte und Hitze, des Winters, des Herbstes usw. Diese Engel gehören der untersten Stufe an. Die zweite höhere Klasse sind die Dienstengel, die Gott lobpreisen. Als die der höchsten Stufe sind die En­gel des Angesichts (vor Gottes Ange­sicht). Sämtliche Engel werden als er­schaffen und zwar am ersten Tage beschrieben. Als Gegensatz von diesen sind auch hier die bösen Engel oder die bösen Geister, welche die Menschen verführen und ihnen schaden. Geringer sind die Bestandteile der Geheimlehre in den Traditionen, die in dem andren Schrifttum verarbeitet wurden, von de­nen wir nur die der Septuaginta, als die Älteste nennen. Die Engellehre erhält in der Notiz zu 5. M. 32. 8. eine Berei­cherung, wo von 7o Engelsfürsten für die 70 Völker gesprochen wird. Auch die messianischen Lehren sind nicht ohne Bedeutung und zeigen viele neue Seiten. Zu 1. M. 49. 10. wird der Mes­sias als der Völker- und Weltbeglücker geschildert; er stiftet ein Völkerreich und die Völker erkennen ihn an. In 4. M. 24. 7. 17. 23. ist die Andeutung des Kampfes gegen Gog Magog, der der Ankunft des wahren Messias voraus­gehen soll. In Bezug auf die Lehre von Gott heben wir die Übersetzung des Tetragammaton durch (griech.) »Herr« = dem palästinensischen Adonai und des Elohim durch (griech.) »Gott«, ganz nach der Tradition, dass jenes Gott in der Eigenschaft seiner Barm­herzigkeit, und dieses ihn nach seiner streng richterlichen Seite darstellt. Ebenso ist die mystische Deutung von 1. M. 5. 4. der Entrückung und Verset­zung Chanochs (Henochs) in das Para­dies, die im Schrifttum des Christen­tums und der mystischen Agada so sehr ausgebeutet wurde, schon ganz da. Vergleicht man hierzu noch ihre andren Lehren als z. B. ihre Auffassung des biblischen Gottschauens mit dem damit in Verbindung stehenden »Khe­bod Adonai« (Herrlichkeit Gottes) als einer sinnlich wahrnehmbaren Aus­strahlung Gottes, ferner ihre Darstel­lung des heiligen Geister, der Schechina als einer von Gott emauierten, zweiten Gottheit u. a. m., so haben wir in dem Schrifttum aus dieser Zeit schon die Geheimlehre in ihren Hauptzügen vor uns, wie sie später in der mystischen Midraschliteratur der nachtalmudi­schen Zeit zum Vorschein kommt und die Grundlage der Kabbala des Sohar bildete. Aber dies so in den abge­schlossenen Kreisen des Chassidäis­mus und des aus ihm hervorgegangen Essäismus sich entwickelte Geheim­lehre im Zusammenhange mit dem Treiben ihrer Jünger, die sich als Wun­dermänner gebärdeten, Weissagungen, Geisterbeschwörungen, Geisteraus­treibungen, Krankenheilungen durch Herflüstern von Gottesnamen u. a. m. für ihre geheime Kunst in Anspruch nahmen, hat den alten reinen und ein­fachen Gottesglauben der Bibel so sehr versinnlicht und fast bis zur Un­kenntlichkeit entstellt, dass ein ganz anderer an dessen Stelle getreten zu sein scheint. Es war eine Ausschreitung nach rechts, wie die des Hellenismus die nach links gewesen; eine Überflu­tung von fantastischen Grübeleien, die den Kerninhalt der althebräischen Got­teslehre gleich einem Lavastrom über­schüttete und ihn ganz zu ersticken drohte. Aber noch zur Zeit ermannten sich von ihr unberührt gebliebene Ge­setzeslehrer, sie erkannten die Gefahr, in der das Judentum schwebte, und traten in starker Opposition gegen diese Überschreitungen der Geheim­lehre auf. Besonders waren es die Leh­ren von der Teilung und Scheidung Gottes in ein allerhöchstes Wesen und in der von im ausgestrahlten Schechina (des biblischen Khebod Adonai) und dem heiligen Geist sowie die vom Mes­sias, als einem Gotteswesen, Gottes­sohn von ewig her, der mit Gott die Herrschaft teile, gleich Gott von allen verehrt und angebetet wird, die Sünden aus eigener Kraft vergeben kann und als die von Gott ausgestrahlte zu Fleisch gewordene Schechina zu be­trachten ist, mit dem mit ihm in Ver­bindung stehenden Zukunftsverhei­ßungen einer neuen Welt, eines neuen Jerusalems und eines himmlischen Tempels, die von oben auf die Erde niedersteigen werden, gegen welche sie sich mit ganzer Entschiedenheit erho­ben und sie als Irrlehren aus dem Kreise des jüdischen Gottesglaubens verwie­sen. Blieben sie ja nicht nur Theorien, wie sie anfangs schienen, naive Gehirngespinste, unschuldige Fantasiegebilde von Einsiedlern, sondern wurden zu Gegenständen tiefpraktischer Bedeu­tung, die in das Leben mit eingriffen, die Gemüter des Volkes in dem letzten Jahrhundert des jüdischen Staatslebens so sehr erhitzten, Männer von nicht unbedeutendem Geiste so sehr verwirr­ten und verirrten, dass aus ihrer Mitte bald die falschen abenteuerlichen Mes­siasse hervorgingen, die das Volk zu den tollkühnsten Streichen verleiteten, es in verschiedene Sekten teilten und den Untergang des Staates allzu rasch beschleunigten. In den Artikeln: »Chas­sidäer« sprachen wir bereits von der sehr frühen mächtigen Opposition un­ter den Gesetzeslehrern gegen das Trei­ben der Chassidäer als Wundermänner. Simon ben Schetach, der Synedrialprä­sident gegen 5o vor droht dem Wun­dermann Choni Maagol mit dem Bann, wenn er nicht ablasse in seinen Gebe­ten, um dem Regen gleich einem Him­melsstürmer zu erscheinen. Bekannt sind die Anklagen und Beurteilungen Jesu, weil er für sich die in dieser Ge­heimlehre bezeichneten Eigenschaften des Messias als eines Gottessohnes in Anspruch nahm. Die Maßregel, die sie gegen die Geheimlehre ergriffen, waren die Reinigungen derselben von ihren Auswüchsen, von ihren Lehren nur die anzuerkennen, die mit der Bibel nicht im Widerspruch standen, ihren Jünger-kreis zu beschränken, und ihre For­schungen allein innerhalb gewisser Grenzen zuzulassen. Wir lesen darüber in der Mischna: »Man forsche nicht in der Schöpfungsgeschichte vor zweien, in der Merkaba (Ezechiel I.) vor einem, wenn sie nicht weise sind und selbst zu finden verstehen. Wer über vier Gegen­stände nachforscht, sollte nicht gebo­ren worden sein: über das, was oben (über dem Himmel), was unten (unter­halb der Erde sei), was früher war und später sein werde. Wer nicht der Ehre seines Schöpfers eingedenk ist, sollte nicht auf die Welt gekommen sein.« Hiermit war eine völlige Revision und Zensur der Geheimlehre ausgespro­chen, die eine Umgestaltung derselben zur Folge haben musste. So trat eine neue Epoche für die Geheimlehre ein, die der Reform, die alles Antijudäische von ihr ausschied, und sie nur inner­halb der ihr vorgestreckten Grenzen sich entwickeln ließ. Es trat hier das­selbe ein, was bei der Halacha statt­fand; die neue Geheimlehre siegte über die alte, und letztere wurde als sektie­rerisch, minäisch, verdammt. Doch konnte sie nicht ganz aus dem Juden­tum gewiesen werden. Bei den Juden in den babylonischen Ländern, die von den Sektenbildungen und den Sekten­kämpfern verschont geblieben, erhielt sich die alte Geheimlehre noch Jahr­hunderte lang, die wir in dem kleinen Midraschim des 8. bis 10. Jahrhun­derts unter verschiedenen Modifikati­onen vorfinden. Der Erste, der in dieser Umgestaltung der Geheimlehre tätig war, war ein Jünger Hillels, R. Jocha­nan ben Sakai, und ihr erster Zweig, der einer Revision unterworfen wurde, war die Merkaba. Die Forschungen über die Schöpfungsgeschichte ließ man noch im 1. Jahrh. n. frei. Erst R. Akiba bewirkte gegen die Einsprache R. Ismaels, der für die weitere Freige­bung dieses Teils der Geheimlehre warm das Wort redete, ihre Beschrän­kung. R. Jochanan b. Sakai, dem wir in Disputen mit den Anhängern verschie­dener Sekten begegnen, der gegen die Überhandnahme der symbolischen Ge­setzesdeutung bei den hellenistischen und alexandrinischen Juden, die zur Unterlassung der Gesetzesvollziehung führte, den Grundsatz aufstellte: »Ein Gesetze Gottes ist es, nach dessen Grund und Bedeutung wir nicht weiter forschen dürfen«, war als Kenner der Geheimlehre, auch gegen die Aus­schreitungen derselben aufgetreten. Er wies entschieden das an ihn gestellte Verlangen zurück, Vorträge über die Merkaba auch nur vor einem zu hal­ten, er wollte somit das Studium der Geheimlehre höchst beschränkt haben. Andererseits wurde er als die Autorität betrachtet, dem man die Forschungen der Geheimlehre zur Prüfung vorlegte. So waren es R. Elasar ben Arach, R. Elieser, R. Jose Hakohen und R. Josua, die ihm ihre Forschungen aus der Mer­kaba vorlegten und darüber gelobt wurden. Nach dem Tode des R. Jocha­nan ben Sakai war es R. Josua, der Stellvertreter des Vorsitzenden im Syn­hedrion unter dem Patriarchen R. Gamliel II. (im 2. Jahrh. n.), den man als Autorität hierzu anerkannte. Von R. Akiba wird ausdrücklich erzählt, dass er vor ihm die Geheimlehre ord­nete. Nach dem Tode R. Josuas wurde R. Akiba mit dieser Würde betraut. R. Chanina ben Chachina zitierte vor ihm die Resultate seiner Forschungen in der Geheimlehre. Von da ab, setzt der Be­richterstatter hinzu, war es wieder mit der Lauterkeit der Gesinnung zu Ende. Wir verstehen diesen Zusatz, es trat der barkochbaische Aufstand dazwi­schen, der eine lange Unterbrechung in diese Arbeiten brachte, die erst von dem Patriarchen R. Juda I., seinen Kol­legen und Schülern wieder aufgenom­men und fortgesetzt wurden. Doch wir haben diese Tätigkeit der Gesetzesleh­rer in der vorbarkochbaischen Zeit kaum berührt, wir wollen jetzt versu­chen, auf dieselben näher einzugehen. Aus der Zeit des R. Jochanan ben Sa­kai sind uns weiter keine Lehren in die­sem Fache bekannt. Man hatte genug mit dem Wegräumen der Regierung der alten Geheimlehre zu tun und war den neuen Forschungen abhold. Dage­gen haben wir von den Lehrern der fol­genden Epoche desto mehr zu ver­zeichne. Akiba, Pappus, R. Jose Haglili, R. Josua, Simon ben Asai, Simon ben Somo, Elisa ben Abuja (Acher) u. a. m. teilen sich gegenseitig ihre Forschungen in der Geheimlehre mit und lassen sichs gefallen, wenn der eine den anderen auf Verirrungen und Abweichungen aufmerksam macht. So erklärt R. Akiba die in Daniel 7. 9. genannten Gottesthrone, dass der eine für Gott und der andere für den Daviden (Messias) bestimmt sei, worauf ihm R. Jose Haglili mahnend zuruft: »Wie lange, Akiba, profanierst du die Gott­heit (Schechina).« Vergleicht man hier­mit obige Lehren der Geheimlehre von dem Messias als Himmelswesen, Got­tessohn, der mit Gott die Herrschaft teile und dem später die Regierung übergeben wird, so versteht man die­sen Zuruf, der den Akiba auf sein Ein­lenken in die Irrtümer der alten geäch­teten Geheimlehre aufmerksam machte. Er nahm daher die von R. Jose gege­bene Erklärung dieser Stelle, dass der eine Thron für die strenge Gerechtig­keit und der andre für die Milde sei, an. Ein anderes Mal deutet er obige Stelle von den Gottesthronen in diesem Sinne, wie Gott bald als strenger Rich­ter, bald als barmherziger Vater er­scheine. Aber auch diese Deutung, die Anklänge an einer Teilung der Gottheit in zwei Personen enthält, zieht ihm den Verweis seines Kollegen R. Elieser ben Asaria zu: »Was hast du, Akiba, bei der Hagada, gehe zu den Satzungen der Negaim (Aussatz) und Ohaloth (Reinheitsgesetze)! « Doch bald war es Akiba selbst, der gegen die Verirrungen in der Geheimlehre seiner Kollegen auftrat. Auf die Bemerkung seines Freundes Pappus in Bezug auf 1. M. 3. 22" »Siehe der Mensch ist alsdann wie einer von uns«, d. h. wie einer der En­gel, entgegnet Akiba: »Genug, Pappus, die Gottähnlichkeit hier ist des Menschen freie Wahl zum Guten und Bö­sen.« Gegen die Annahme, dass die Gesetzesoffenbarung an Moses mittels eines Engels geschah, bemerkte er mit Hinweisung auf die Worte: »Er redete zu ihm«, d. h. zu ihm, Moses, aber nicht zu den Engeln. »Eine Stimme ging von Gott aus und drang in das Ohr Moses.« In Bezug auf das Gott-schauen, welches R. Dosa den Seelen und Geistern zugesteht, lehrte R. Akiba, dass auch die Engel, die den Gottesthron tragen, Gott nicht schauen können, wodurch jede Annahme von einer Wesensverwandtschaft der Engel mit Gott als eine Ausstrahlung von ihm oder jede Versinnlichung Gottes ne­giert werden soll. Auch von einer ge­meinschaftlich unternommenen Unter­suchung über Themata der geheimen Theosophie wird berichtet, die zu ver­schiedenen entgegengesetzten Resulta­ten führte und die Hoffnung auf ein einheitliches Zusammenwirken ver­nichtete. Vier, so heißt es, zogen in den Pardes, das Paradies (Stätte des Gott­schauens, Garten der geistigen Pflan­zungen, Kunstausdruck für die Ge­heimlehre und ihre Forschungen) ein: Ben Asai, Ben Soma, Elisa ben Abuja (Acher) und R. Akiba. Beim Eintritt mahnte letzterer seine Kollegen, nicht voreilig den Schein für Wirklichkeit zu halten oder wörtlich: »So ihr zu den reinen weißen Marmorsteinen gelan­get, sprechet nicht: >Wasser, Wasser!<, denn also heißt es: >Wer Lügen redet, bleibt nicht vor meinen Augen.< Aber das Resultat war ein trauriges: Ben Asai schaute und starb, von ihm hieß es: »Teuer ist in den Augen des Ewigen der Tod seiner Frommen«; Ben Soma schaute und ward wirre, von ihm hieß es: »Hast du Honig gefunden, iss nur soviel wie du vertragen kannst, damit du nicht übersättigt, ihn ausspeien musst.« Acher (Elisa ben Abuja) rich­tete Verwüstungen an den Pflanzen an, von ihm hieß es: »Gib nicht zu, dass dein Mund dein Fleisch versündige«; nur R. Akiba war es, der in Frieden ein- und auszog, und über ihn hieß es: »Ziehe mich dir nach, lasset uns eilen.« Worin die Abweichung der zwei Ersten und die Verwirrung der Dritten be­stand, darüber werden uns mehrere von ihnen erhaltene Notizen von ihren Lehren und ihrem Leben einigen Auf­schluss geben. Von ersterem, Ben Asai, kennen wir die Lehre, dass er mit Ben Soma die Stimme Gottes an Moses für den Engel Metatron hielt. Bekanntlich ist der Engel Metatron in der talmudi­schen Geheimlehre, was der Logos in der philonischen Philosophie gilt; Ben Asai nahm also Anstand an der penta­teuchischen Darstellung einer unmit­telbaren Gesetzesmitteilung an Moses und ließ dieselbe mittels des Metatron vor sich gehen, eine Annahme, gegen die ausdrücklich, wie bereits oben mit­geteilt, Akiba Protest erhob und die unmittelbare Gesetzesmitteilung be­hauptete. Der Aszetismus war eine na­türliche Folge dieser Glaubensrichtung; das Fleisch oder das Leibliche ist ein unreines Gefäß, mit dem das Göttliche nicht in Berührung kommen kann, was auch wirklich von Ben Asai erzahl wird. Er gehörte den Chassidim an, der gleich den Essäern ehelos lebte, wenn er auch die Ehe den anderen, Nichtchas­sidäern, mit Nachdruck empfahl und die Enthaltsamkeit von derselben einer Verringerung des göttlichen Ebenbildes gleichhielt. Auch über diese Abwei­chung seiner Lebensweise von der Lehre des Judentums hörte er den Vor­wurf: »Du predigst schön, aber du er­füllst es nicht!« Dass er diesen Meta­tron nicht wie sein Kollege Acher als einen zweiten Gott, sondern nur als ein Gott untergeordnetes Wesen annahm, entnehmen wir aus seiner Lehre: »Über die Israeliten wurde nicht eher das Exil verhängt, bis sie die Einheit Gottes leugneten.« Der Tod, von dem die Bo­raitha spricht, der über Ben Asai in­folge seiner abweichenden Forschungen eintraf, war der Tod der Ehelosigkeit, des Aszetismus, das Aussterben ohne Nachkommen. Ausführlicheres haben wir über die abweichenden For­schungen des Zweiten, des Ben Soma. »Gott machte die Ausdehnung«, dieser Ausdruck: »Gott machte«, heißt es, der Gott nicht als Schöpfer, sondern als Bildner darstellt, war eine der Bibel­stellen, mit denen Ben Soma die Welt (die Anschauungen, den Glauben der jüdischen Welt) erschütterte. Die Schöpfung ist ja durch das Wort ent­standen, den also heißt es: »Durch des Herren Wort wurden die Himmel gemacht, durch den Hauch seines Mun­des ihr ganzes Heer.« Eine zweite Stelle, durch die diese klarer hervortritt, er­zählt uns von Ben Soma, dass er R. Jo­sua das Resultat seiner Forschungen über die Schöpfungsgeschichte mit­teilte: »Ich schaute zwischen den obe­ren und den unteren Wassern und be­merkte, dass zwischen beiden kaum eine Handbreit sei.« »Wir haben si­cherlich hier an die Annahme des Was­sers als des Urstoffes bei der Schöpfung zu denken, wie sich dieselbe auch noch bei den späteren Gesetzeslehrern wie­derholt. Unter den »oberen Wassern« haben wir das schaffende belebende göttliche Prinzip zu verstehen, womit Spätere den Ausdruck: »und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser« dentifizieren, und die Bezeichnung »untere Wasser« bedeutet den unteren Weltstoff. Es war dies eine Abweichung von dem bisherigen Glauben, zu dem sich Akiba, R. Josua ben Chananja und R. Gamliel II. bekannten, infolge deren Ben Soma als außerhalb des Judentums stehend, den seine Forschungen wirre gemacht hatten, betrachtet wurde. Am genauesten werden die Gründe und die Weise des Abfalls Achers, des bis dahin berühmten Lehrers Elisa ben Abuja be­schrieben. Man merkt es den Bericht­erstattern an, wie auffallend ihnen die Apostasie dieses Mannes vorkam und wie tief sie dieselbe bedauerten. Es ge­reicht den Gesetzeslehrern nur zur Ehre, dass sie die Gesetzesdeutungen dieses Apostaten, auch nachdem er aus dem Judentume getreten war, ja gegen dasselbe feindlich agiert hatte, noch beibehielten und ihnen einen Platz in den Gesetzessammlungen ließen. Der Grund des Abfalls war die Annahme des Engels Metatron und die ihm zuge­schriebene Macht und Stellung; Israel stehe unter ihm, er überwache sein Tun und Lassen und verzeichne seine Tu­genden. In dieser Darstellung erschien ihm Metatron gleich einem zweiten Gott, dessen Willkür alles anheim ge­stellt sei. Das erschütterte seinen bibli­schen Gottesglauben von einem um die Welt sich kümmernden gerechten und barmherzigen höchsten Wesen, das al­lein die Welt regiert, Lohn und Strafe austeilt. »So gibt es oben zwei Gewal­ten, zwei Gottheiten! «, rief er und fiel vom Judentume ab. Eine Bestätigung dieser Richtung fand er in seiner trau­rigen Gegenwart. Er sah das tragische Ende seines Freundes, des frommen Märtyrers R. Chuzpith, und dies brachte ihn zur Leugnung der Existenz einer gerechten göttlichen Vergeltung. Die Folge dieser neuen Überzeugung war, dass er sich ganz von dem Gesetze lossagte und sich einer völlig schran­kenlosen Lebensweise hingab. Dieser unerwartete Ausgang führte zu neuen Beschränkungen. Elisa ben Abuja, er­kannte man nun, verfiel in Folge seiner Vertiefung in die Bücher der Minin (Sektierer) den Irrlehren; es wurden daher mehrere Maßregeln zur Entfer­nung dieses Schrifttums beschlossen. R. Akiba war der Erste, der darin seinen Kollegen voranging und erklärte: »Wer in den Externen Schriften liest, hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt.« Ihm folgte darin sein Zeitge­nosse R. Tarphon, der den Ausspruch tut: »Kämen mir die Bücher der Minin (Sektierer) in die Hände, ich würde sie mit den Gottesnamen in ihnen verbren­nen.« »Sollte jemand von einem Mör­der oder einer Schlange verfolgt wer­den, flüchte er sich lieber in das Haus eines Heiden, aber nicht in das der Mi­nin (Sektierer), denn jene erkennen nicht, aber diese erkennen und leug­nen.« Von R. Ismael ist bekannt, dass er bei einem Bücherabschreiber Nach­forschungen nach minäischen Schriften halten ließ, dass jener aus Angst solche Schriftstücke ins Wasser warf. Ein Vierter endlich, Samuel der Jüngere, stellte eine Gebetsformel gegen die Mi­nin wieder her. Auch eine Revision der biblischen Schriften wurde vorgenom­men, von denen die Bücher Ezechiel, das Hohelied und Koheleth bekannt als diejenigen, an welche die jüdische Theosophie damaliger Zeit anknüpfte, heftige Debatten hervorriefen. Eine weitere Beschränkung betraf den ande­ren Teil der jüdischen Theosophie, der von der Genesis der Schöpfung handelt und unter dem Namen »Maase Bere­schith« bekannt ist. Diese Vorträge der Forschung aus ihm waren bis dahin noch unbeschränkt; sie durften öffent­lich gehalten werden. Die Verirrungen obiger Lehrer auf diesem Gebiete (man sprach von zwei höchsten Gewalten und einem Urstoffe) bestimmten Akiba auch die Forschungen über die Schöp­fungsgeschichte der Öffentlichkeit zu entziehen und sie nur auf den engen Kreis der Eingeweihten zu verweisen. So entstand das in der Mischna Cha­giga 2. 1. erwähnte Verbot: »In der Schöpfungsgeschichte nicht vor zweien vorzutragen.« Gegen dasselbe trat al­lerdings R. Ismael auf, der die fernere Freilassung dieses Teils der Theosophie befürwortete. Doch erhielt in der spä­teren Halachapraxis die Anordnung R. Akibas die gesetzliche Gültigkeit. Die dritte Anstrengung gegen die Irrlehren in diesem Teile der Theosophie war, dass sämtliche Schriftstellen, die nach Angabe der Minäer Andeutungen auf zwei Gottheiten, zwei Schöpfer, auf Urstoffe usw. enthalten, erklärt wur­den. Gegen die Annahme, dass die Par­tikel את im Sinne des griechischen »mit« im 1. B. M. K. 1. V. 1. Gott schuf den Himmel (eth haschamajim) und die Erde (we eth haarez), auf helfende Gottheiten oder auf Urstoffe deute, gleichsam als wenn es stände: »Gott schuf mit dem Himmel und mit der Erde«, d. h. mit Hilfe des Himmels und der Erde als helfende Mächte bezeich­net werden, erklärt R. Akiba dem R. Ismael, dass die Partikel את hier nur den Akkusativ der Sache ausdrücke, also: Himmel und Erde sind keine Sub­jekte, sondern Objekte, die Elohim ge­schaffen hat. Von anderen wird die Silbe »ב« in dem Worte bereschith, desselben Verses, die wir durch »im«, die aber im 1. Jahrh. n. durch »mit« als: »Mit dem Anfange« übersetzt wurde, was ebenfalls auf eine Mithilfe bei der Schöpfung gedeutet wurde, wird dahin erklärt, dass das hebräische Wort für »Anfang«, Reschith, hierorts die Thora, die Lehre, die Weisheit, die Idee, den Plan und Abriss der Schöp­fung bedeute, also mit oder nach der Thora, dem Schöpfungsplan schuf Gott die Welt. Auch in Bezug auf die Aufei­nanderfolge der Wortstellung des ers­ten Verses des Schöpfungsberichts »Im Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde« und nicht: »Gott schuf im Anfange den Himmel und die Erde«, was jeder Missdeutung oder sonstiger Annahme vom Schöpfershelfer vorge­beugt hätte — bemerkt Ben Asai (im 2. Jahrh. n.), »dass die Schrift, ehe sie den Schöpfer nennt, erst sein Werk bekannt macht, als Gegensatz zur Sitte der Menschen, die erst ihren Namen und später ihr Werk angeben.« Die Dritten erklären die Pluralform des Wortes נעשה in 1. M. 1. 26. »Wir wollen den Menschen machen« als Ausdruck der Beratung (er beriet sich mit seinem Himmelsheere), und weisen auf die Singularform des Zeitwortes ויברא, »er schuf« in Vers 27 hin. Wie sie die Nachweise von Andeutungen über Ur­stoffe in der Bibel zurückwiesen, haben wir bereits oben in dem Teile von der Schöpfung gebracht. Einen Abschluss in diesen gegenseitigen Reibungen, so­wie überhaupt in den Forschungen der Geheimlehre brachten der verunglückte barkochbaische Aufstand und die har­ten hadrianischen Verfolgungsedikte. Die bedeutendsten Männer waren teils als Opfer des Aufstandes gefallen, teils wurden sie nach verschiedenen Weltge­genden zersprengt. Es trat ein völliger Stillstand in allen Fächern des jüdi­schen Wissens ein, die eingetreten Lei­den ließen keine ruhige Kontemplation zu. Diese Abspannung beherrschte die Lehrer noch lange nach der Aufhebung der hadrianischen Verfolgungsedikte die ganze Zeit des Patriarchats von R. Simon ben Gamliel II. bis 164 n. Wir haben daher von den Lehrern dieses Zeitraums nur wenig zu berichten, es sind Lehren und Betrachtungen, die kaum als Nachklänge jener geschwun­denen, großen Zeit eines R. Akiba gel­ten können. R. Mair, der Schüler R. Akibas tritt als Apologet des Juden­tums auf und weist mit voller Entschie­denheit jede falsche Schriftdeutung und jeden Angriff auf die Lehre des Juden­tums zurück. Ein Sektierer macht den Glauben an die Gottesoffenbarung lä­cherlich: »Ist es möglich«, sagt er, »dass Gott, von dem die Schrift aus­sagt: >Himmel und Erde vermögen ihn nicht zu fassen<, mit Mose von den Cherubim gesprochen haben soll? « Dieser ließ ihm als Antwort große und kleine Spiegel vorbringen mit der Auf­forderung, in dieselben sich anzusehen und darauf zu achten, ob nicht der kleine Spiegel ebenso gut wie der große seine Gestalt wiedergebe. »So ist es, fügte er hinzu, mit der Gottesoffenbarung an der Bundeslade!« Ein anderer Disput mit ihm hat das jüdische Schöp­fungsprinzip »die oberen Wasser« zum Gegenstande. »Der Gottesquell ist voll Wasser«, singt der Psalmist, »aber sollte er seit dem Tage der Schöpfung nicht abgenommen haben?« »Wenn du badest (in den heißen Wassern von Ti­berias) verlierst du etwa an Gewicht in Folge des von dir ausgeflossenen Schweißes, gewiss nicht! So ist es mit dem Quell Gottes, der immer voll bleibt.« Wir haben hier zum ersten Mal das Belebungsprinzip der Welt als eine Emanation von Gott dargestellt, was auf die Bekanntschaft mit der alexan­drinischen Emanationslehre hinweist, die bis jetzt noch nicht erwähnt wurde. Übrigens ist von R. Mair noch eine an­dere Lehre der Alexandriner bekannt: »In der Thora (dem Pentateuch-Exem­plar) des R. Mair stand am Rande: »Röcke aus Licht«, statt »Röcke aus Fellen«. Nehmen wir hierzu seine obi­gen Lehren von der Offenbarung als einer Abspiegelung Gottes, also mehr in symbolischem Sinne; ferner seine Annahme des Schöpfungsprinzips als einer Emanation von Gott, so ist der Einfluss des Alexandrinismus unbe­streitbar. Auch ein anderer Lehrer die­ser Zeit, R. Jose, will die Offenbarung Gottes auf Sinai ganz im Sinne der Ale­xandriner nur als Bild gelten lassen; er tut den merkwürdigen Ausspruch: »Nie ist die Schechina herabgekommen und nie stieg Moses nach oben (in den Himmel).« Auch die Annahme eines Urlichtes zum Unterschiede von dem der Himmelslichter hat ihre Vertretung in einem Ausspruche von R. Jizchak, einem Zeitgenosse der beiden Obigen. Dieses plötzliche Einschleppen des Ale­xandrinismus werden wir natürlich finden, wenn wir bedenken, dass R. Mair der Schüler Achers (Elisa ben Ab­ujas) war, der griechische Schriften las, ferner dass R. Mair Reisen nach ver­schiedenen Hafenstädten machte, die von jüdischen Hellenisten bewohnt waren, die kein anderes Schrifttum als das jüdisch-griechische kannten. Doch gab es auch unter den Lehrern der al­ten Richtung dieser Zeit manche An­hänger. So werden R. Simon ben Me­nasj a und R. Jose ben hamschulam als die Häupter einer heiligen Gemeinde genannt, von denen erzählt wird, dass sie von der Tageszeit 1/3 zu Gebet, 1/3 zu Gesetzesstudium und 1/3 für ihren Unterhalt verwendeten. Ein anderer, R. Jizchak, polemisiert gegen die An­nahme von zwei Gottheiten und be­merkt ebenfalls, dass die Hinweisung auf die Schriftstellen, die etwa diese Annahme andeuten sollen, falsch sei, da an solchen Stellen das Verb nur in der Singularform vorkommt. Reichhal­tiger dagegen war die Geheimlehre in der darauf folgenden Periode von 146 ab unter dem Patriarchat R. Juda I.. Sie bemächtigt sich wieder fast aller be­deutenden Männer dieser Zeit. Der un­ter dem Patriarchat R. Gamliel II. be­gonnene Streit zwischen R. Akiba und R. Ismael, ob man die Forschungen über Schöpfungsgeschichte, maase ber­eschith, öffentlich vortragen dürfe, er­wacht hier wieder in seiner ganzen Schärfe. Bar Kappara und R. Juda ben Pasi halten öffentliche Vorträge über die Schöpfungsgeschichte, was R. Levi für unzulässig erklärt. »Gottes Ehre ist die Sache zu verbergen, aber des Kö­nigs Ehre die Sache zu erforschen, d. h. von dem Schöpfungsanfange bis zur Vollendung des sechsten Schöpfungsta­geswerks halte heimlich, aber von da ab forsche nach.« R. Chija, ebenfalls ein Zeitgenosse, tut einen, wie es scheint, vermittelnden Ausspruch; er hält das Verbot R. Akibas aufrecht, aber erklärt, dass man aphoristisch in kurzen Sätzen die Forschungen über die Schöpfungsgeschichte mitteilen könne. Bar Kappara gehört auch in an­derer Beziehung der freien Richtung an, er hält die in Vers 2. genannten Tohu we Bohu für Urstoffe der Schöp­fung. Auch gegen diese Annahme scheint R. Levi seine Lehre aufgestellt zu haben, die Thora war der Urstoff der Schöpfung. In ähnlichem Sinne spricht sich ein anderer Zeitgenosse aus: »Nicht in Mühe und Arbeit, son­dern durch das Wort schuf Gott die Welt«, denn also heißt es: »Durch das Wort des Ewigen wurden die Himmel gemacht.« Dagegen wurde das Verbot der Vorträge über die Merkaba unbe­stritten aufrechterhalten. Gleich R. Jochanan ben Sakai und R. Akiba war die Autorität in dieser Zeit der Patri­arch R. Juda I., dem man die Forschungen über die Merkaba zur Prüfung vor­legte. Ein Bericht von R. Jochanan erzählt, dass der Patriarch einen ausge­zeichneten Schüler hatte, der ihm seine Forschungen in der Merkaba vortrug, denen er nicht seine Zustimmung er­teilte. Von diesem Patriarchen wird auch der Vers 15. in Ezechiel als die Grenze angegeben, bis wohin sich die eigentliche Merkaba, deren Forschungen verboten sind, erstreckt. Ein anderer Lehrer seiner Zeit, R. Jiz­chak, dehnt sie bis auf den Vers 27 da­selbst aus. In den darauf folgenden Zeiten bemerken wir mehr Überein­stimmung in den Lehren. Die Annahme von Urstoffen und überhaupt die Pro­teste gegen das Verbot der Vorträge über die Schöpfungsgeschichte werden nicht mehr wiederholt. R. Elasar zitiert den Vers aus dem Sirachbuch, der vor dem Eindringen in die Geheimnisse Gottes warnt. R. Abba, Rabh, in Baby­lonien spricht sogar einen Fluch gegen diejenigen aus, die gegen dieses Verbot handeln. R. Elasar hält sich zu schwach und zu jung für derartige Forschungen und lehnt das Anerbieten R. Jocha­nans, ihn in der Merkaba zu unterrich­ten, bescheiden ab, was später auch von seinem Kollegen Rab Assi ge­schieht. Neues aus dieser Zeit ist die eine Lehre von Rabh, der die in Vers 2. genannten Tohu und Bohu als Urstoffe, aber als von Gott erschaffene, erklärt, und die andere von der Aufzählung der 10 Urideen, ähnlich den späteren zehn Sephiroth der Kabbalisten, aus denen die Schöpfung hervorgegangen. Die­selbe lautete: »Mit zehn Gegenständen schuf Gott die Welt: mit Weisheit, Ein­sicht, Erkenntnis, Kraft, Energie oder Drohung, Macht, Gerechtigkeit, Recht, Liebe und Barmherzigkeit. Die Energie oder Drohung wird von R. Simon ben Lakisch im 2.. Jahrh. als die Kraft er­klärt, die jedes Schöpfungswerk nach bestimmtem Maß entstehen ließ, dass das eine das andre nicht zerstöre. Als Beispiel wird erzählt: Gott schuf das Meer, aber dieses drohte seine Gewäs­ser über alles zu ergießen, bis es die Drohung vernommen und in seine Grenze zurücktrat. Auch die Kunst der Buchstabenzusammensetzung, die die Gottesnamen enthalten, mittels deren man Wunderwerke zu vollziehen ver­meinte, eine Handhabe der späteren praktischen Kabbala, ist von den Leh­rern des 3. Jahrh., R. Abbahu und Rabh, gekannt. Ebenso häufen sich in diesem und dem 4. Jahrh. die Aussprü­che über Engel, Geister, Gespenster, Geisterbeschwörung u. a. m., Gegen­stände, die von den Lehrern des 1. und 2.. Jahrh. nur selten und höchst vor­sichtig zur Sprache kamen. Noch war­nen die Lehrer vor den Ausschreitun­gen in der Geheimlehre. R. Elasar mahnt, dass die Worte in Daniel 7. »und zu verhüllen den Alten an Tagen« von dem erfüllt werden, welcher die Gegenstände verheimlicht, die der Alte an Tagen (Gott) verhüllt hat, nämlich die Geheimnisse der Thora. Im 4. Jahrh. bestimmt R. Ami: »Man überliefere nur dem die Geheimnisse der Thora, der ein Vorgesetzter, Angesehe­ner, ein Rat, ausgezeichneter Weiser und Verständiger ist.« Aber es half nichts: Es scheint vielmehr, dass die von den Gesetzeslehrern der alten Zeit aus dem Kreise des Judentums bekann­ten Besprechungen der Geisterwelt, von der wir oben gesprochen, bei den Juden in Babylonien, die keine Ahnung von der Verwüstung und dem Sekten­kampf hatten, den dieselbe unter den Juden in Palästina angerichtet hat, Ein­gang gefunden und eifrige Anhänger gewann. Die alte Zeit mit ihren nüch­ternen, sorgfältig geprüften und vor­sichtig vorgetragenen Theosophien ist abgelaufen, die letzten Jahrhunderte, das 3., 4. und 5. bereiten einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Ge­heimlehre vor, bilden den Übergang zu demselben: Es entwickelt sich die in den kleinen Midraschim aus dem 7., 8. und 9. Jahrh. niedergelegte, reich aus­gebildete Mystik als Vorläuferin der Kabbala des Mittelalters.