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Geschichte - Talmud | Talmud

Geschichte - Talmud

Posted 4 mos ago

Geschichte, Tat. Geschehenes; Er­eignisse; Geschichtserzählung. Der Drang nach Geschichte, Denkwür­diges, große Vorgänge der Mit- und Nachwelt mitteilen und aufbewahren zu wollen, entsteht bei einem Volke, wenn es durch außerordentliche Vor­gänge gleichsam aus seinem Schlum­mer gerissen und zu einem höheren Bewusstsein gelangt ist, oder sich durch eigene bedeutende politische Werke eine hervorragende Stellung unter an­dern Nationen errungen und so die Be­wunderung der Welt auf sich gezogen hat. Auf dieser höheren Stufe seines Lebens angelangt, erzählt es gern von dem Geschichtsgang seines Steigens und sucht ihn durch Denkmäler, die gewöhnlich nach jeder außerordent­lichen Tat, bei jedem vollbrachten großen Werk, um sie der Vergessenheit zu entreißen, oft noch im Gange der Ereignisse errichtet werden. Es sind die Bausteine der Geschichtsschreibung. Eine spätere Zeit, wo das Volk in Ruhe sich seiner Errungenschaften freuen kann, als die Tage der Muße, ist für die eigentliche Geschichtsabfassung. Die zerstreuten Bausteine werden gesam­melt und mit Hilfe des Gedächtnisses und einer ruhigeren Reflexion zu einem Ganzen verarbeitet. Denselben Gang hat auch die jüdische Geschichtsauf­zeichnung durchgemacht. Wir haben auch hier erst die Denkmäler, die Bau­steine, und später die eigentliche Ge­schichtsschreibung. Die Denkmäler als die Bausteine der Geschichte des israe­litischen Volkes in der Bibel sind: Denksteine, Altäre, Bäume, Bauwerke, Namen, Geburts-, Stamm- und Ge­schlechtsregister, Lieder, Sprüche, Feste, Gesetze, Institutionen, Sagen, Erzählungen, kurze Aufzeichnungen, Chroniken u. a. m. Als die Ersten und Ältesten nennen wir die Denksteine. Dieselben haben ein hohes Alter und waren in der Zeit der Patriarchen üb­lich. Josephus spricht von vorsündflut­lichen Denksäulen und in der Erzäh­lung vom Turmbau zu Babel ist der Grund des Baues: »Dass wir uns einen Namen machen.« In der Patriarchen-zeit ist es Jakob, der auf dem ihm durch den Traum bedeutsam gewordenen Ort einen Denkstein setzt, ebenso soll ein Stein das Denkmal des zwischen ihm und Laban geschlossenen Bundes bil­den, auch später soll ein Denkstein von ihm das Grab seiner auf der Reise in Kanaan gestorbenen Rahel bezeichnen. (1. M. 48. 7.) Andere Erinnerungen knüpften sich an die Salzsäule am to­ten Meere. Solche Geschichtsdenkmä­ler sind noch in der nachmosaischen Zeit im Gebrauch. Josua lässt zum An­denken des glücklichen Überganges über den Jordan bei dem Eintritte in Palästina 12 Steine zu Gilga, und wie­der andere 12 Steine, wo das ganze Kriegsheer vor ihm vorüberzog, errich­ten. Er erneuert mit Israel den Gottes­bund und lässt zur Erinnerung dessen einen großen Stein aufrichten. Noch Samuel errichtet nach einem erfochte­nen Sieg einen Denkstein, den er »Stein der Hilfe« nennt; andere Denkmäler ließen Saul und David setzen. Von die­sen hatten auch welche eingegrabene Schrift als z. B. die auf dem Berg Ebal errichteten Steine. Altäre, welche an geschichtliche Tatsachen erinnern soll­ten, waren der von Josua jenseits des Jordan als Zeichen der Zusammenge­hörigkeit der israelitischen Stämme jenseits des Jordan mit denen diesseits desselben; ferner der von Elia über die Zurückführung des israelitischen Vol­kes zu seinem alten Gottesglauben u. a. m. Von Bäumen als den geschicht­lichen Denkmälern, nennen wir die Träneneiche am Grabe Rahels, die Palme Deboras, wo sie Volksversamm­lungen gehalten und Israel gerichtet hat. Bauwerke als Zeugen geschichtli­cher Tatschen waren: die aus späterer, insbesondere der davidischen und salomonischen Zeit: der Städte, Festungs­werke, Tempel und Paläste. Die Namen der Menschen, Städte und anderer Ort­schaften wurden fast durchgängig an irgendein geschichtliches Ereignis an­gelehnt und ihm entnommen. So erin­nern die Namen: Abraham, dass er der Stammvater vieler Völker ist, Jizchak »man wird lachen« an seine Geburt im späten Alter seiner Mutter; Benjamin, früher Benoni, Sohn meiner Trauer —an den Sterbetag Rahels, seiner Mutter, der zugleich sein Geburtstag war; Mo­ses, aus dem Wasser Gezogener — an seine Rettung; Josua, Gottes Beistand, an seine Gottestreue in seiner Sendung als Kundschafter u. a. m. Eine bedeu­tende Rolle spielen in der jüdischen Geschichtsschreibung die Genealogien, die Verzeichnisse der Geburts-, Stamm­und Geschlechtsregister. Die Bibel hat die Geschlechtsregister zu einer Uni­versalgeschichte der ganzen Mensch­heit, den Urstammbaum aller Völker. Der historische Gesichtskreis dehnt sich über die ganze damals bekannte Erde aus. Das geschichtliche Verhältnis Israels zu ihnen, seine Sendung und Be­rufung für sie soll dadurch klarer her­vortreten. Solche Genealogien wurden traditionell von Vater auf Sohn ver­pflanzt und erhielten später ihre Auf­zeichnungen. Von bedeutend fortge­schrittenem Standpunkte sind historische Ereignisse in Liedern und Sprüchen zu verewigen. Das Lied ist der dichteri­sche Aufschwung einer erregten Ge­mütsbestimmung bei freudigen oder traurigen Ereignissen, es setzt schon ei­nen höheren Bildungsgrad des Volkes voraus. Solche historischen Lieder sind wegen ihrer anmutigen Form und weil sie leicht fasslich sind, am geeignetsten geschichtliche Taten von Generation auf Generation in Erinnerung zu be­halten. Von den Geschichtsliedern in der Bibel nennen wir: das Lied über den Durchzug Israels durch das Meer, das Lied vom Auffinden des Brunnens, das Lied Deboras, das Leid der Frauen von der Verherrlichung Davids Sieg über die Philister, die Elegie Davids über den Tod Sauls und Jonathans u.a.m. Sprüche von geschichtlichen Ereignissen haben wir in 1. S. 10. 12; 19. 24; 2. S. 5. 8. Auch Feste, Gesetze und Institutionen sind treue Aufbewahrer der Geschichte, Zeugen geschichtlicher Vorgänge. Hier­her gehören: das Pessachfest und das Pessachopfer, die Feier des Shabbaths, die Ablieferung oder Auslösung der Erstgeburten u. a. m. zur Erinnerung an die Befreiung Israels aus Ägypten; ferner das Laubhüttenfest zum Andenken des Zuges der Israeliten durch die Wüste u. a. m. Am ausgeprägtesten, aber auch schon verarbeitet und umgestaltet, des­halb weniger zuverlässig und mit der größeren Vorsicht zu gebrauchen, ist das, was die Sage und Legende von der Geschichte aufbewahrt hat. Die Sage in­dividualisiert und personifiziert jede Tat­sache; sie scheidet Einheitliches, trennt chronologisch Zusammengehöriges und bringt zeitlich Entferntes zusammen. Wir erinnern an die Erzählungen von der Wanderung Abrahams und Lots, welche die Wanderung des ganzen Zweiges der abrahamitischen Familie nach Ägypten andeutet; ferner an die gleichen Geschicke Abrahams und Isaaks mit ihren Frauen bei dem Kö­nige von Gerar u. a. m. Endlich waren es kurze Aufzeichnungen von Ge­schichtstaten, denen bald die Anlegung von Hofchroniken folgte. Der Penta­teuch nennt als dergleichen Quellen seiner Geschichte das Buch der Kriege des Herrn; das Josuabuch kennt das Buch Jaschar usw. Von den Hofchroni­ken sind bekannt: die Geschichte Salo­mos, die Chronik der Könige Israels, die Chronik der Könige Judas u. a. m. Aus diesen Bausteinen heben wir die in den Büchern der heiligen Schrift bear­beitete Geschichte des israelitischen Volkes hervor. Die Bücher mit vorwie­gend historischem Charakter sind: das z. und z. Buch Moses; das Buch Josua, das der Richter, das z. und z. Buch Sa­muel, die Bücher der Könige; die z Bü­cher der Chronik; die Bücher Esra und Nehemia; das Buch Esther und das Buch Daniel. Dagegen haben die andern Bü­cher das Historische untermischt mit den anderen Gegenständen als z. B. mit den Gesetzen und Institutionen im 3., 4. und 5. Buch Moses; in Weissagungen und prophetischen Reden in Jesaja, den zwölf kleinen Prophetenbüchern, im Buch Jeremia und Jecheskel; in Ge­beten und Psalmen in den 5 Psalmbü­chern. Von dem Gebrauch der Schrift in der nachmosaischen Zeit sind die verschiedenen Kriegs- und Siegeslieder, da die Dichter zugleich Geschichts­schreiber waren. Doch beginnt die ei­gentliche Geschichtsschreibung unter Saul und David, die sich unter den son­nigen Tagen der Regierung Salomos zu einer gewissen Vollständigkeit entwi­ckelt hat. Es waren Männer als Reichs­annalisten eigens angestellt. Nach der Zeit Salomos hat die Zerrissenheit und Zerrüttung des Reiches der ruhigen parteilosen Geschichtsschreibung sehr geschadet. Die Objektivität der Tat musste oft der Subjektivität des Histo­rikers weichen. Besser steht es schon wieder mit den Büchern aus der nach­exilischen Zeit, seit der Rückkehr der Exulanten und der Wiederbegründung des neuen Staatslebens in Palästina. Fragen wir nach dem Charakteristi­schen dieser israelitischen Geschichte in der Bibel, so ist es nicht, wie viele angeben, das Partikularistische, son­dern grade entgegengesetzt die Idee des Universellen, der Blick auf die Hin-und Zusammengehörigkeit zur Ge­samtheit der Menschheit, was sie cha­rakterisiert. Sie beginnt mit der Urgeschichte der Völker, sucht dort ih­ren Ursprung auf, nimmt von da ihren eigenen Lauf, aber nicht um so getrennt zu enden, sondern um nach vollbrach­ter Aufgabe in die Universalgeschichte der ganzen Menschheit wieder einzu­laufen. Ihrer Aufgabe und ihre Arbei­ten waren die Bildung Israels zu Trä­gern der Gottesidee für alle Völker. Der Grundzug ihrer Darstellung und Schreibart ist nicht der menschliche dürre Pragmatismus, sondern die Zeich­nung der menschlichen Tat, getragen von dem Schwunge der religiösen Idee, eines höheren sie durchdringenden Gottesbewusstseins. In dieser Gestalt sinkt sie zu keiner bloßen Kriegs­schlachten-, Hof- und Königsgeschichte herab, sondern erhebt sich zu einer wahren Kulturgeschichte der Mensch­heit, sie berichtet von ihren Fort- und Rückschritten unter den Völkern, teilt Tadel und Lob, Lohn und Strafe aus, und wird so zur zweiten Verkünderin der höchsten Wahrheiten; eine Zeugin, ein Beweis des durch die religiöse Idee der Menschheit Verkündeten. Ge­schichte zu kennen, von Geschichte im Familienkreise zu sprechen, in die Ge­schichte die Jugend einzuführen, sie da heimisch zu machen — war daher eine den Israeliten zu jeder Zeit heilige Sache, die Erfüllung eines religiösen Gebotes. Eine Unterbrechung in der Geschichtsschreibung tritt nach der Wiederbegründung des zweiten jü­dischen Staatslebens bis in die Makka­bäerzeit ein; kein Geschichtsbuch exis­tiert aus diesem 200 Jahre langen Zeitraum; nur da und dort sind einige Notizen über denselben in dem spätern Schrifttum aufzufinden. Erst durch die Berührung des Judentums mit dem Griechentum und in Folge der aus der­selben sich entwickelnden gegensei­tigen Reibungen und Kämpfe wird der Sinn für das Geschichtliche geweckt, und die jüdische Geschichte hat wieder ihre Pfleger. Ein Schrifttum in grie­chischer Sprache entsteht, das die großen Taten der Freiheitskämpfe un­ter den Makkabäern mit der ihnen vor­ausgegangenen Geschichte erzählt. Es gehören hierher die Bücher der Mak­kabäer, das Aristeasbuch u. a. m. sowie die aus der Zeit der Zerstörung des jü­dischen Staates von Josephus verfasste Geschichte der jüdischen Kriege und die Bücher der jüdischen Altertümer. Das talmudische Schrifttum, worunter wir die Mischna, die Bücher Sifra und Sifri, die Tosephta, die Traktate der ba­bylonischen und hierosolymischen Ge­mara, den Midrasch Rabba, Midrasch Tanchuma, die Pesikta u. a. m. sowie die späteren anderen kleinen Midra­schim verstehen, hat kein einziges grö­ßeres Geschichtsbuch. Die Schriften: Fastenrolle, Megillath Taanith; Rolle des Hasmonäerhauses, Megillath beth Chaschmonaim, die Rolle vom Tempel­bau, Megillath binjan habajith, das Buch Serubabel, das Megillath Antio­chus sowie endlich das Seder olam Sutta und Seder olam rabba u. a. m. —sind die Einzigen, die dafür gelten könnten, aber ihr Historisches ist mit Ausnahme des Ersten mit Sagen ver­setzt, dass eine Sonderung des Wahren von der Dichtung keine leichte Sache ist. Dagegen haben die Bücher des oben genannten älteren talmudischen Schrift­tums einen fast unerschöpflichen Schatz von Sprüchen, Notizen, Daten, Schilde­rungen, Erzählungen für die jüdische Geschichte. So geben uns die Lehrsprüche der Mischna in dem Traktat Aboth das Bild der verschiedenen Zeiten der Gesetzeslehrer in der vor- und nach­makkabäischen Zeit bis zur Zerstörung des Tempels. Es ist hier nicht der Raum, dieses alles durch Belege nachzuwei­sen.