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Lohn und Strafe - auch Vergeltung | Talmud

Lohn und Strafe - auch Vergeltung

Posted 2 mos ago

I. Name, Begriff, Lehre und Bedeu­tung. Die Vergeltungsidee, die Lehre von Lohn und Strafe durch Gott, ist im Judentum eins seiner Dogmen, bildet eine seiner zu fast allen Zeiten am häu­figsten besprochenen Themata und hat solch verschiedene Darstellungen er­fahren, dass wir nicht umhin können, uns von vorneherein über Namen, Be­griff, Lehre und Bedeutung derselben klar zu machen. Die oben angegebenen hebräischen Namen im biblischen und nachbiblischen Schrifttum für »Vergel­tung« mit den sie begleitenden Aus­sprüchen: »Denn das Tun des Men­schen vergilt er«; »Der Ewige vergelte dein Werk«; »Und er erwidert dem Menschen nach seinem Tun«; »Gib ih­nen nach ihrem Werke«; »Denn nach der Tat seiner Hände wird ihm gesche­hen«; »Deine Vergeltung kommt auf deinen Kopf« geben »Lohn und Strafe« als Folgen des Menschen Tun, für Früchte seiner Werke an. Der Mensch selbst ist es, der Lohn oder Strafe für sich erwirkt; keine äußere Macht ver­mag ohne sein Hinzutun das eine oder das andere über ihn heraufzubeschwö­ren. Wir erkennen schon darin den schroffen Gegensatz der Lehre des Ju­dentums gegen die heidnischen Lehren vom Fatum, Geschick, nach denen ohne des Menschen Verschulden der eine zum Leiden und der andere zur Freude bestimmt wird. So hängt im Ju­dentum die Lehre von der Vergeltung mit der von der menschlichen Freiheit und mit der von der Entstehung des Bösen und Guten eng zusammen, so­dass das »Übel« und das »Heil«, Fol­gen der menschlichen Tat, die verwirk­lichten Gestalten der gewordenen Vergeltung, des Lohnes oder der Strafe sind. Von den vielen Aussprüchen da­rüber in der Bibel bringen wir: »Siehe, ich gebe dir heute das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. Was ich dir heute befehle, den Ewigen, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu wandeln, so wirst du leben und dich ausbreiten, dich wird der Ewige, dein Gott, in dem Lande segnen, in das du ziehst, es in Besitz zu nehmen«; ferner: »So rufe ich Himmel und Erde zu Zeu­gen, das Leben und den Tod lege ich dir vor, den Segen du den Fluch, wähle das Leben, damit und lebest und dein Nachkomme«; ferner: »Siehe, ich lege euch vor den Segen und den Fluch. Den Segen, so ihr höret auf die Gebote des Ewigen, eures Gottes, die ich euch heute befehle. Den Fluch, wenn ihr nicht höret auf die Gebote des Ewigen, eures Gottes, und von dem Wege ab­weichet, den ich euch heute befehle.« Wichtiger noch ist eine zweite Eigen­heit dieser Vergeltungsidee, ihre Lehre von der Aufschiebung oder gar Aufhe­bung der Strafe. Die Buße, die religiös-sittliche Besserung des Menschen ei­nerseits und die göttliche Gnade andererseits sind es, die das eine oder das andere bewirken. »Es sei«, heißt es, »so über dich kommen alle diese Gegenstände, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du über­legst es in deinem Herzen. Du kehrst zum Ewigen, deinem Gotte, zurück und hörst auf seine Stimme. Der Ewige, dein Gott, nimmt sich deiner Gefan­genschaft an, er erbarmt sich deiner und sammelt dich wieder von allen Völkern, wohin er dich zerstreut hat.« Es hängt dies vollständig mit der bibli­schen Zeichnung der Gerechtigkeit Gottes zusammen, als einer zwischen Recht und Liebe die Mitte haltenden Handlung, die sich als Vollziehung des strengen Rechts, aber auch als Werk der Liebe offenbart (Gerechtigkeit Got­tes). Wir haben hier die Auffassung der Vergeltung als Mittel der göttlichen Er­ziehung des Menschen. Der Mensch, seine religiös-sittliche Vollendung, bil­det den Mittelpunkt derselben. Auf des Menschen sündhafte Werke erfolgt die Strafe und bei deren Unterlassung hört sie auf. Ebenso wird von der Aufschie­bung der Vergeltung, als im Plane der göttlichen Erziehung des Menschen ge­sprochen. Lohn und Strafe folgen nicht bald auf die Tat, sondern oft erst spät im Leben, zuweilen erst nach dem Tode, so dass scheinbar der Sünder sich des Glücks erfreut, während der Fromme leidet. Man suchte in dieser Darstellung die Lösung für den Wider­spruch in den Geschicken der Men­schen, des Wohlergehens des Frevlers und des Leidens des Gerechten zu fin­den (s. weiter). Eine dritte Eigenheit der biblischen Vergeltungslehre ist die von der Dauer der Vergeltung, oder die von deren Übertragung und Vererbung von den Eltern auf ihre Nachkommen. Der Ausspruch darüber lautet: »Er ahndet die Sünden der Väter an den Kindern und Enkeln im dritten und vierten Geschlecht bei denen, die mich hassen, aber er zeigt Gnade den Tau­senden (bis ins tausendste Geschlecht), denen, die ihn lieben und seine Gebote beobachten«; eine Lehre, die sich in Je­remia 32. 18 wiederholt: »Der Gnade den Tausenden (Geschlechtern) er­weist, und die Sünde der Väter in den Schoß ihrer Kinder vergilt.. Doch wurde später diese Lehre dahin gedeu­tet, dass die Übertragung der Schuld der Eltern auf ihre Kinder nur in dem Falle stattfindet, wenn diese in den Vä­tersünden beharren, dagegen hört sie bei den Kindern auf, die sich von den­selben losgesagt und einen tugendhaf­ten Wandel angenommen haben. So heißt es in Ezechiel 18. 20: »Die Per­son, welche sündigt, stirbt; der Sohn büße nicht wegen der Sünden des Va­ters und der Vater nicht in Folge der Sünden des Sohnes.« Übrigens stellt schon das fünfte Buch Moses 14. 16 den Grundsatz auf: »Es sollen die Vä­ter nicht der Kinder wegen sterben und die Kinder nicht der Väter wegen getö­tet werden, jeder sterbe in Folge seiner Sünde«; hiermit hat die Deutung obi­ger Stelle von 2. M. 20. 5. 6 in Ezechiel einen viel ältern Ursprung. Gegen den Einwurf, dass obige Stelle vom 5. B. M. 24. 16 nur als Rechtsspruch gelten solle, bemerke ich, dass auch der Tal­mud dieselbe an mehreren Stellen, im Sinne einer göttlichen Vergeltung auf­fasst sowie er überhaupt zum Ausgleich des scheinbaren Widerspruchs obiger zwei Stellen von 2. M. 5 und vom 5. M. 24. 16 den sie erklärenden Satz auf­stellt: »ersteres findet statt, wenn die Kinder an den Werken ihrer Väter fest­halten, aber dieses, wenn sie von den­selben gelassen haben.« Nicht uninter­essant dürfte es sein, wenn ich die hierher gehörende Midraschstelle wörtlich zitiere: »Als Gott dem Moses verkündete: er gedenkt der Sünden der Väter an den Kinder usw., sprach die­ser: >Herr der Welt! Wie viele Frevler gibt es, die Gerechte zu ihren Kindern haben, sollen diese wegen der Sünden ihrer Väter sterben? So war Terach ein Götzendiener, aber sein Sohn Abraham ein Gerechter; Hiskia fromm, aber Ahas, sein Vater, ein Frevler!< Die Ant­wort darauf war: »Bei deinem Leben, ich vernichte meine Worte und bestä­tige die deinigen, denn also heißt es: Es sollen die Väter nicht sterben wegen der Sünden der Kinder, und nicht die Kinder in Folge der Sünden der Vä­ter!<« Doch können wir auch von die­sen Deutungen absehen, da eine der ältesten Stellen im Pentateuch, die in 3. M. 26. 39, denselben Gedanken aus­spricht: »Und die Übrigen unter euch werden wegen ihrer Sünden umkom­men in den Ländern eurer Feinde, auch wegen der Sünden ihrer Väter bei ih­nen werden sie umkommen.. Hier steht es ausdrücklich: »Auch in den Sünden der Väter bei ihnen«, d. h. die bei ihnen geblieben! Ebenso verhält es sich mit der Verheißung der über das Grab hinaus sich erstreckenden Beloh­nung des Guten: »Der Gnade erzeigt den Tausenden (Geschlechtern) bei de­nen, die mich lieben und meine Gebote beobachten«, dass dieselbe den Kin­dern zugute kommt, wenn sie in den Tugenden ihrer Väter fortleben. Dage­gen hört dieselbe für die Kinder auf, wo sie die Tugendbahn der Väter ver­lassen. Ausdrücklich ist diese Lehre in Ezechiel 18. 13 ausgesprochen. Aber auch das 3. B. Moses 26. 41 - 43, wo das Gedenken des Gottesbundes der Väter nur auf innige Reue und Besse­rung verheißen wird, kennt dieselbe schon. Eine vierte Eigenheit der Vergel­tungslehre hier bildet die Lösung ihres Widerspruchs mit der Erscheinung im Leben von dem Glücke des Frevlers und dem Leiden des Frommen, die in den meisten nachexilischen Schriften in dem Hinweis auf das endliche, wenn auch späte Eintreffen der göttlichen Strafe bei dem Frevler des Glückes bei dem Frommen gegeben wird. Andere gehen darin weiter und bezeichnen sol­che Erscheinungen als in dem göttli­chen Erziehungsplan des Menschen liegend, die uns unerforschlich sind. Zu letzteren gehören das Buch Hiob und der talmudische Spruch des Leh­rers R. Janai (im 3. Jahrh. n.): »Wir verstehen weder das Glück des Frev­lers, noch die Leiden der Gerechten!. Hiermit hängt auch die agadische Deu­tung der Bitte Moses zusammen: »Zeige mir doch deine Herrlichkeit!« ,dass er in derselben um Aufschluss über den Vergeltungsglauben und des­sen Widerspruch in der Lebenserschei­nung von dem Glück des Frevlers und den Leiden des Frommen gebeten und darauf zur Antwort erhalten: »Du kannst mein Antlitz nicht schauen, denn mich schaut kein Mensch und lebt!« Es galt daher allgemein: »Gott nimmt nicht früher vom Menschen be­zahlt, bis das Maß seiner Sünden voll ist«; »Gott ist langmütig den Frommen und den Frevlern. « Eine weitere Lehre war, dass die Frommen wegen der Sün­den ihrer Zeit leiden. Neben diesen Lehren suchte sich auch die Annahme immer weiter zu verbreiten, welche nur von einer Vergeltung nach dem Tode im Jenseits oder zur Auferstehungszeit wissen will. »Es gibt keinen Lohn in dieser Welt«; »Heil den Gerechten, die im Diesseits so leiden, als wenn sie Frevlerwerke ausgeübt hätten«; »Wie Gott die Sünder im Jenseits bestraft, so nimmt er auch von den Frommen in dieser Welt bezahlt«; »Gott lässt die Gerechten im Diesseits leiden, damit sie im Jenseits ihre Seligkeit voll ha­ben.«

II. Wesen, Gestalt und Zeit. Die bi­blische Verheißung von Lohn und Strafe, die Vergeltungslehren und de­ren Widerspruch im Leben an dem Wohlergehen des Sünders und dem Leiden des Frommen, hat im nachbib­lischen Schrifttum zur Annahme einer Vergeltung nach dem Tode geführt. Es wird daher in demselben von einer Ver­geltung zu zwei verschiedenen Zeiten gesprochen, von der im diesseitigen Le­ben und von der nach dem Tode. Wir haben es hier mit der ersteren zu. Die diesseitige Vergeltung ist eine das ganze biblische Schrifttum durchziehende Verheißung und bildet in demselben ein vielfach aufgeworfenes und bespro­chenes Thema, dagegen sind die Anga­ben über das Wesen derselben nur all­gemein, als z. B.: »Die (die Gebote und Lehren) der Mensch ausübt, um in ih­nen zu leben«; »Damit sich eure Tage vermehren und die Tage eurer Kinder in dem Lande, das ich euch gebe«; »Denn um dessentwillen wird dich er Ewige segnen.« Deutlicher: »Bei dir, o Herr, ist Gnade, denn du vergiltst dem Manne nach seiner Tat«; »Denn jede Handlung bringt Gott zu Gericht, ob gut oder böse!«; »deine Augen sind of­fen über alle Wege der Menschensöhne, dem Manne nach seinen Wegen zu ge­ben nach der Frucht seiner Werke.« Spezieller: »Dafür, dass du dem Ewi­gen, deinem Gott, nicht gedienet in Freude und mit gutem Herze vor all dem Überflusse, dienst du deinen Fein­den, unter die dich der Ewige gesandt in Hunger und Durst« (5. M. 28. 48); »Denn wie du getan, wird dir getan, die Vergeltung kommt über dein Haupt«; »Er gräbt eine Grube, höhlt sie aus, aber er sinkt in die Gruft, die er sich selbst gemacht. Es kommt sein Unheil über seinen Kopf, auf seinen Scheitel stürzt seine Gewalt nieder. « Ferner: »Wer eine Grube gräbt, stürzt in sie, und wer den Zaun niederreißt, den sticht eine Schlange«; »Wer Redli­che auf bösen Weg führt, fällt in seine eigene Grube; Aufrichtige erben Gu­tes. « Nach den letzten Sprüchen wäre die Gestalt der Vergeltung die so oft im talmudischen Schrifttum häufig vor­kommende Bezeichnung derselben, »Maß gegen Maß«, eine Angabe, auf die wir bald noch zurückkommen wer­den. Spezielle Lohnverheißung auf die Vollziehung des Gesetzes gibt es nur bei zwei Gesetzen, bei dem Gebote der Elternverehrung und bei dem von dem Auffinden eines Vogelnestes und der Freilassung der Vogelmutter: »Damit es dir wohl ergehe und du lange le­best! « Diese biblische Vergeltungslehre hat im Talmud verschiedene Modifika­tionen erfahren. Die Verheißung von irdischen Vergeltungen hat bei dem Eindringen der alexandrinischen Philo­sophie und später des Gnostizismus in jüdische Kreise viele Anfechtungen erfahren. Bald waren es die auf Übertre­tung des Gesetzes angedrohten Strafen, die den Gott der Juden zu einem Gott der Rache machen, bald schienen die irdischen Lohnverheißungen den geis­tigen Gehalt, dessen die mosaische Lehre sich rühmen konnte, herabzu­würdigen. Beiden Angriffen stellten die Volks- und Gesetzeslehrer mehre Aus­sprüche entgegen, die eine weitere Ent­wicklung obigen Vergeltungsglaubens bekunden. Wir heben von denselben, indem wir mehreres darüber in dem Teil III dieses Artikels geben, die Leh­ren der Männer des zweiten und drit­ten Jahrhunderts n. hervor: »Das Maß des Guten ist in der Vergeltungslehre mehr als das des Bösen.. Als Beweise hierzu dienen die Stellen in 2. Mos. 20. 5. 6., wo es heißt, dass die Sünden der Väter bis ins dritte und vierte Ge­schlecht geahndet wurden, dagegen sich der Lohn derjenigen, die Gott lie­ben und seine Gebote beobachten, bis in das tausendste Geschlecht erstreckt; ferner die Parallele von Psalm 78, 22. 23: »Er öffnete die Pfoten des Himmels und ließ das Manna zur Speise reg­nen«, und 1. Mose 7: »Und die Schleu­sen des Himmels wurden (bei der Sündflut) geöffnet«, wo bei Spendung des Guten das Bild von »Pforten des Himmels«, aber bei der Strafe nur das von »Schleusen des Himmels« ge­braucht wird. Hierher rechneten wir ferner den Ausspruch des R. Simon b. Abba: »Gott wacht über die Strafen, wie sie gebracht werden sollen«; »Gott verbindet mit dem Maß des strengen Rechts auch das Maß der Barmherzig­keit.« Wie in diesen Sätzen die Gottes­güte in der Vergeltungslehre gewahrt wird, so sprechen sie in anderen Lehren von einem geistigen Lohne, der auf die Vollziehung des Gesetzes folgt. »Die Sünde«, heißt es, »verstockt des Men­schen Herz«; »Die Gerechten werden von ihrem guten Trieb gerichtet, aber die Frevler von ihrem bösen Trieb«; »Die Gebote sind nur zur Läuterung des Menschen gegeben«; »Der Lohn ei­nes Gebotes ist das Gebot und der Sold der Sünde ist die Sünde«; »Die Gerech­ten haben ihr Herz in ihrer Gewalt, aber die Frevler werden von ihm be­herrscht. « Sonst war ein beliebtes Thema der Volkslehrer in ihren Vorträ­gen über die Vergeltung von: »Maß ge­gen Maß« zu sprechen. Dieselbe wurde als Beweis des göttlichen Waltens in der Welt nicht bloß in der Geschichte der biblischen Zeit, sondern auch in ihren eigenen Erlebnissen und Lebenserfah­rungen aufgesucht und nachgewiesen. »Die Ägypter«, heißt es ferner, »dach­ten die Israeliten durch Wasser zu ver­nichten, da wurden sie durch Wasser vernichtet.« Ferner: »Absalom stahl das Herz der Israeliten (z. S. 16), daher wurde ihm das Herz durchbohrt.« Un­sere Väter wollten nicht nach der Er­bauung des Tempels zählen, nun zählen wir nach seiner Zerstörung; sie wollten nicht nach ihren eigenen Königen zäh­len, so müssen sie heute nach denen der fremden Reiche rechnen. Hieran schließen sich die Lehren von der Gestalt der göttlichen Vergeltung im Jenseits.

III. Geschichte, Einfluss und Bedeu­tung. Die eben gezeichneten Vergel­tungslehren haben in ihrer Bedeutung für das Leben verschiedene Entwick­lungen durchgemacht. Im Pentateuch wird die Vergeltung nächst ihrer Zeich­nung im Sine von »Böses und Gutes« als Folge der menschlichen Handlungs­weise, ganz besonders in der Lehre vorgeführt, dass die verhängte Strafe durch innere Umwandlung und Besse­rung aufgehoben oder verschoben wer­den kann. »Der Ewige, der Ewige ist ein Gott, barmherzig und gnädig, lang­mütig, groß an Huld und Wahrheit, er bewahrt die Huld den Tausenden, ver­gibt Sünde, Abfall und Fehl, aber lässt nichts unbestraft; er ahndet die Sünden der Väter an den Kindern und Enkeln im dritten und vierten Geschlechte! «, wird als der göttliche Ruf an Moses nach dem Abfalle der Israeliten in der Wüste bezeichnet, auf den er sich auch später in seiner Fürbitte für das Volk zur Aufhebung der über dasselbe be­stimmten Strafe bei dem Vergehen der Kundschafter berief. Die Bedingungen zur Aufhebung der Strafen sind in 5. M. 30. 1 — 6 angegeben (siehe oben). Auch die Tatsache einer völligen Auf­hebung kommt 2. M. 32. 14 vor: »Und der Ewige bedachte sich wegen des Bö­sen, das er gegen das Volk auszuführen beschlossen hatte.. Ein zweiter Haupt­punkt in der mosaischen Vergeltungs­lehre ist die Vererbung oder die Übertragung der Strafen von den Eltern auf ihre Kinder. Der Ausspruch darüber lautet: »Er ahndet die Sünden der Vä­ter an den Kindern und Enkeln im drit­ten und vierten Geschlecht bei denen die mich hassen, aber er zeigt Gnade den Tausenden, die ihn lieben und seine Gebote beobachten.. Es ist hier die Vergeltung über das Grab hinaus, aber nicht im Sinne einer jenseitigen, son­dern einer diesseitigen nach dem Tode des Sünders, an dessen Nachkommen. Eine Aufhebung dieser Strafe bei den Kindern erfolgt, sobald dieselben in den Sünden der Väter nicht verharren, sondern sich von ihnen losgesagt ha­ben. Die Vererbung der Strafen auf die Kinder findet daher nur dann statt, wenn die Kinder in den Sünden der Vä­ter fortleben. Wir bemerken schon jetzt, dass hier von keiner Erbsünde oder Erbschuld gleich dem Dogma von der Erbsünde im Christentum die Rede sein kann, da die Erbsünde nicht durch den besseren Wandel der Nachkom­men angehoben werden kann. Eine neue Seite erhält diese Vergeltungslehre bei den Propheten. »Lohn und Strafe«, wie sie im Leben, in den Geschicken der Menschen, zum Vorschein kom­men, werden in Bezug auf die Gerech­tigkeit Gottes, ob sie nicht derselben widersprechen, erörtert. Es ist ein Er­wachen der menschlichen Reflexionen, wo neben dem Buche des Glaubens auch in das Buch des Lebens und der Erfahrung hineingeblickt wird. Die Er­scheinung, dass es dem Sünder oft wohl geht und der Gerechte leiden muss, regte den Zweifel und die Frage über die göttliche Gerechtigkeit in der Ver­geltung an. Die vorexilischen Prophe­ten wissen zwar noch nichts von diesem Zwiespalt in dem Vergeltungsglauben. Bei Jesaja ist derselbe noch in seiner ungeschwächten Kraft; er verkündet ihn noch: »Sprechet vom Gerechten, wie glücklich er ist, denn die Frucht seiner Werke genießt er.« »Wehe dem Frevler, er ist unglücklich, denn nach dem Werke seiner Hände geschieht ihm.. Der Prophet Joel spricht mit starkem Nachdruck von der Aufhe­bung der Strafe nach erfolgter Besse­rung. »Denn gnädig und barmherzig ist der Ewige, langmütig und groß an Huld, der des Bösen sich bedenkt!., ist sein Ruf an Israel am Schluss der Ver­kündigung des Gottesgerichts. Von demselben Glauben ist auch das Buch Jona, es lässt den Propheten ausrufen: »Denn ich weiß, dass du ein Gott bist, gnädig und barmherzig, langmütig und groß an Huld und bedenkst dich des Bösen.. Auch von der Tatsache der er­folgten Strafaufhebung berichtet das­selbe: »Und Gott sah ihre Werke, dass sie von ihrem bösen Wandel zurückge­kehrt waren, da bedachte sich Gott des Bösen, das er über sie verhängt hatte, und vollzog es nicht.« Ebenso versucht es, den Vergeltungslauben vor den An­griffen auf ihn zu verteidigen: »Du hat­test mit dem Kikazon Schonung, mit dem du dich nicht abgemüht, der zwi­schen der einen Nacht entstand und der anderen verging, und ich hätte nicht der großen Stadt Niniveh scho­nen sollen!« Dieselben Lehren wieder­holen sich ebenfalls bei Hosea 14. 2.8. 12; 3. 5; 1. 10 und bei Micha Kap. 4 —5; K. 6 — 7. Es liegt der ganzen Darstel­lung die Lehre von dem erziehenden Gottesplane zu Grunde, dass die Stra­fen nicht die Vernichtung, sondern die Besserung und das Leben des Sünders zum Ziele haben. Anders gestaltete sich diese Lehre bei den exilischen Prophe­ten Habakuk, Jeremias und Jecheskel. Obige Vergeltungslehre nach dem Mo­saismus wird auch da, am schärfsten bei Jeremia 23. 19 angetroffen: »Groß an Rat, reich an Taten, wie deine Au­gen über alle Wege der Menschensöhne geöffnet sind, jedem nach seinem Wan­del zu vergelten, nach der Frucht seiner Werke.« Aber schon haben wir bei al­len dreien die Frage, woher des Frev­lers Glück und des Frommen Leiden? Das endliche Eintreffen des National­unglückes auch über Juda, das mit der Zerstörung des Heiligtums und dem Sieg der Heiden endete, hat diese Frage angeregt und ihr die große Bedeutung gegeben. So ruft Habakuk über das Einrücken der Chaldäer in Juda ver­wundert aus: »Wie lange, Herr, flehe ich und du hörst nicht; schreie ich zu dir ob der Gewalt, und du hilfst nicht! Warum lässt du mich Unrecht sehen? Unheil schauen? Es umringt der Frev­ler den Gerechten, daher kommt ver­drehtes Recht. Du, dessen Augen zu rein sind, um Böses zu schauen; der das Unheil nicht sehen kann, warum schaust du den Räubern zu und schweigst, so der Frevler den Gerech­ten verschling?« Eine Antwort auf diese Fragen ist die Hinweisung auf die Zukunft des Frevlers; sie lautet: »Der Ungerechte könne nie lange bestehen, aber der unterdrückte Gerechte hoffe mit Zuversicht auf das Heil! « Die Ge­waltherrschaft trage in sich den Keim der Zerstörung, die sicher eintreffen und den Sieg den Gottesdienern brin­gen werde. »Auf meiner Warte stehe ich, heißt es bei ihm weiter, ich stellte mich auf die Zinne, und spähe, zu se­hen, was er zu mir reden werde. Siehe aufgeschwollen ist sein (des Frevlers) Inneres, nicht gerade seine Seele, aber der Gerechte lebt in seinem Glauben.« »0, der du aufhäufst, was nicht dein ist, wie lange? O, der du auf dich Schul­denlast häufest. Weil du viele Völker geplündert hast, werden viele Völker dich plündern.« Derselbe Gedanke in gedrängter Kürze spricht sich in den Reden Jeremias aus. So in Kapitel 12. Vers 1 — 8. »Zu gerecht bist du, Ewiger, dass ich mit dir rechten soll, doch möchte ich mit dir über Rechtssachen reden. Warum ist der Weg des Frevlers glücklich? Heilvoll allen Treulosen? « Die Antwort auf diese Frage ist in Vers 5. »So du mit Fußgängern läufst und sie ermüden dich, wie denkst du mit Rossen zu wetteifern? Wirst du müde im ruhigen Lande, was tuest du beim Überfluten des Jordan?« Der Prophet wird zum Ausharren gemahnt, bis ihm in Vers 14 — 16 das endliche Gottesge­richt über die Treulosen geoffenbart wird. Neu ist die weitere Ausführung in Kapitel 17. V. 10 — 13. »Gott schaue in des Menschen Inneres und vergelte darnach, wo alsdann des Menschen Taten in einem andern Lichte erschei­nen.« »Ich, der Ewige«, heißt es, »er­forsche das Herz, prüfe die Nieren, um jedem nach seinem Wandel zu geben, nach der Frucht seiner Werke. Wer Reichtum mit Unrecht zusammen­bringt, in der Hälfte seiner Tage ver­lässt er ihn, dass er zuletzt ein Tor ist. « Am klarsten spricht der Prophet Oba­dja von der Vergeltung. Vers 4. 15. und 16. heißt es bei ihm: »Wenn du dich gleich einem Adler hoch erhebst, du unter die Sterne dein Nest baust, von da stürze ich dich, spricht der Herr! « »Denn nahe ist der Tag des Ewigen über alle Völker, wie du getan, wird dir getan, deine Vergeltung kommt auf dein Haupt. Denn wie ihr auf meinem heiligen Berg getrunken habt, werden alle Völker stets trinken, trinken und taumeln und werden als wären sie nie gewesen.« Eine weitere Entwicklung hat die Vergeltungslehre bei Ezechiel. Der mosaische Ausspruch von der Ver­erbung oder Übertragung der Strafen von den Eltern auf die Kinder in 2. M. 20. 5 erhält hier seine richtige, bisher noch nicht gekannte Deutung, so dass der Rechtsausspruch in 5. M. 24. 26: »Die Väter sollen nicht wegen der Kin­der sterben und die Kinder nicht der Väter wegen, jeder sterbe in seiner Schuld«, auch hier seine volle Anwen­dung hat und nicht mit 2. M. 20. 5 in Widerspruch steht. »Die Person«, sagt er, »welche gesündigt, stirbt; der Sohn büße nicht wegen der Sünde des Vaters, der Vater nicht wegen der Sünde des Sohnes; die Gerechtigkeit des Gerech­ten treffe diesen, aber jenen die Bosheit des Frevlers.. Man hat diesen Aus­spruch Ezechiels als völlig neu und im Widerspruch mit obiger mosaischen Lehre gehalten, doch mit Unrecht, da er nur das Schlusswort in obiger Stelle Art לשנאי, »bei denen, die mich hassen«, klar darlegt und darnach seine Lehre gibt. Eine zweite, weitere Entwicklung der Vergeltungslehre ist die, dass auch bei einem und demselben Menschen die Vergeltung nicht nach seinen Wer­ken in früherer Zeit, sondern nach de­nen am Schlusse seines Lebens eintrifft. »Wer sein Leben über gesündigt, aber zuletzt sich gebessert hat und fromm geworden, wird nicht wegen der Sün­den früherer Jahre bestraft, ebenso soll den, welcher erst fromm gewesen, aber am Ende seines Lebens ein Sünder ge­worden, nicht seine frühere Frömmig­keit von der Strafe der Sünden in den letzten Tagen retten.. Eine Abrundung und fasslichere Darstellung mit einigen neuen Streiflichtern findet die Vergel­tungslehre erst in dem nachexilischen biblischen Schrifttum. Das Buch Ma­leachi, mehrere Psalmen und das Buch Jiob sind es, die ihr diese weitere Voll­endung geben. Das Buch Maleachi 3. 14 — 20 wirft die Frage auf: »Welcher Vorteil, dass seine (Gottes) Macht wir wahren und zerknirscht vor dem Ewi­gen einhergehen? Wir preisen die Über­mütigen glücklich, die Frevel üben, sie werden aufgebaut, und die Gott versu­chen, werden gerettet!« Die Hinwei­sung auf das spätere Gottesgericht ist, wie oben, auch hier die Antwort. »Und ihr werdet zurückkehren und sehen den Unterschied zwischen dem Gerech­ten und dem Frevler, zwischen dem, der Gott dient und dem, der ihm nicht dient.« Reichhaltigeres erfahren wir in den Psalmen. In den verschiedenen und entlegensten Zeiten, wie sie verfasst wurden, beschäftigen sie sich mit obi­ger Frage und gelangen zur folgenden Lösung. Leiden sind nicht immer Stra­fen, sondern Mittel und Wege zur Prü­fung und Läuterung des Menschen, damit er an religiös—sittlicher Vollen­dung zunehme, um im Lichte des Herrn zu wandeln. So heißt es Psalm 66. 10. 13. »Gott, du hast mich geprüft und geläutert wie man Silber läutert. Du ließest Menschen über unser Haupt fahren, wir kamen durch Feuer und Wasser, doch du brachtest uns zum Freudenmahle. So ziehe ich in dein Haus, bezahle alle meine Gelübde.. »Ich danke dir, dass du mich leiden lie­ßest, es ward mir zum Heil!. Das Glück des Frevlers sei nur scheinbar, es wandle sich zuletzt in das Gegenteil um; das göttliche Strafgericht sei nur im Aufschub und Zögern, das zu der von Gott bestimmten Zeit doch ein­treffe. So erzählt Psalm 37. 35 und 36: »Ich sah einen Frevler stark, der wie heimisches Laub emporwuchs. Doch man zog vorüber, er war nicht mehr; ich suchte ihn, wer ward nicht gefun­den. Bewahre Aufrichtigkeit, beachte Redlichkeit, denn das Ende des Man­nes soll Frieden sein. Die Abtrünnigen werden allesamt vertilgt, das Ende des Frevlers ist Vernichtung. « Deutlicher wiederholt sich derselbe Gedanke in Psalm 73: »Denn bald beneide ich die Tobenden, so ich den Frieden der Frev­ler sehe. Siehe, diese Frevler, die Glück­seligen der Welt wachsen an Macht. Ich dachte dieses zu ergründen, Müh­sal schien es meinen Augen. Bis ich ein­zog in Gottes Heiligtum und ihr Ende merkte. Nur auf glatten Höhen setzest du sie, du stürzest sie in den Abgrund. Wie wurden sie im Nu öde, weggerafft, vernichtet, ein Schrecknis. « Eine Er­gänzung hat die Lehre in Psalm 92 in der Angabe daselbst, dass die Verzöge­rung des göttlichen Strafgerichts ge­schehe, um das Maß des Bösen voll werden zu lassen. »Ein Unkundiger weiß es nicht, und ein Tor versteht die­ses nicht. So da sprießen die Frevler wie Gras, und da blühen alle Übeltäter, um sie ewiglich zu vernichten.« Als Gegensatz hierzu heißt es weiter: »Der Gerechte sprosst wie die Palme, gleich der Zeder auf dem Libanon schießt er empor. Noch blühen sie im Greisenal­ter, sind kraftvoll und frisch.. Eine an­dere viel tiefere Lösung gibt uns das Buch Jiob. Die Geschicke des Men­schen, lehrt es, kommen nach einem höheren Endzweck zur Entfaltung. Un­glück und Leiden sind oft Mittel und Wege für unsere religiös—sittliche Voll­endung. Glück und Unglück, Leiden und Freuden sind nicht nur Folgen der menschlichen Werke, sondern haben auch in dem göttlichen Erziehungsplan des Menschen ihren Grund. Hiermit war die Lösung dieses Themas noch nicht beendet. Das nachbiblische Schrifttum auf dem Boden des Juden­tums verstand immer wieder neue Ge­sichtspunke für dieselbe aufzufinden. Von den Apokryphen ist nur das Buch Sirach 36. 1. mit der alten Lehre: »Im Feuer wird das Gold erprobt und die bei Gott beliebten Menschen im Schmelzofen des Leidens.. Aber das Buch der Weisheit geht schon über die­selbe hinaus; es hat die Lehre, dass die wahre Ausgleichung erst nach dem Tode geschieht. »Das Leben hier ist nur eine Vorbereitung für das Jenseits.« Mit dieser Lehre sind wir bereits in die talmudische Zeit gelangt; die Verle­gung der Vergeltung nach dem Tode als eine Ausgleichung der Leiden des Gerechten und des Wohlergehens des Sünders kennt das talmudische Schrifttum als die Lehre der Tanaim des ers­ten und zweiten Jahrhunderts n. Der Talmud und der Midrasch haben die Vergeltungslehre nach ihren verschie­denen Seiten weiter entwickelt und ihre Bedeutung fürs Leben hervorgehoben. Im biblischen Schrifttum ist das Dies­seits der Schauplatz der Vergeltung; es kennt nur, wenn wir von einigen Andeutungen absehen, eine diesseitige Vergeltung. Dagegen spricht der Tal­mud von einer Vergeltung nach dem Tode, und zwar: 1. für die Seele gleich nach ihrem Scheiden aus dem Körper vor ihrem Eintritt zur Stätte der Seli­gen; z. für die Seele und den Körper nach der Auferstehung zum Tag des Gerichts. Gegen diese Annahme, die schon den Lehren der makkabäischen Zeit zugeschrieben wird, und die als eine traditionelle bezeichnet wird, pro­testierten die Sadducäer, welche das Dogma der Auferstehung und mit ihr das von einem Tag des Gerichts und der darauf folgenden »zukünftigen Welt«, olam haba, völlig in Abrede stell­ten, die Unsterblichkeit der Seele annah­men, aber nur an eine diesseitige Vergel­tung, wie die Bibel sie lehrt, glaubten. Diese ganze talmudische Vergeltungs­lehre wollen wir hier nach ihren ver­schiedenen Epochen darzustellen versu­chen. Aus der vormakkabäischen Zeit wird ein Lehrspruch des Lehrers Anti­gonos aus Socho (gegen 198 v.) zitiert: »Seid nicht wie die Diener, die ihrem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen, sondern gleichet den Dienern, die ih­rem Herrn nicht des Lohnes wegen die­nen; es walte die Ehrfurcht des Him­mels (Gottes) über euch.« Dieser Ausspruch führt uns schon in die Mitte der zwei sich stark bekämpfenden reli­giösen Parteien, der Chassidäer und der Hellenisten, von denen die ersteren der göttlichen Vergeltung alles überlie­ßen und letztere dieselbe unter Hinweisung auf die täglichen Erscheinungen im Leben völlig in Abrede stellten; er ist gegen beide gerichtet: gegen die Chassidäer, dass sie nicht die Vergel­tung, sondern die Ehrfurcht vor Gott zur Grundlage ihrer Handlungen ma­chen möchten; gegen die Hellenisten, dass sie sich durch die gegen eine gött­lich Vergeltung hervortretenden Er­scheinungen in dem Glauben an die­selbe nicht beirren lassen sollen, da wir Gott nicht des Lohnes wegen dienen. Von der makkabäischen Zeit hat eine Sage von der Unterredung des Lehrers Jose Sohn Joesers mit seinem Neffen Jakim, dem Haupte der hellenistischen Partei, über die gegen den Vergeltungs­glauben hervortretenden Erscheinun­gen im Leben den Ausspruch des erste­ren: »Wenn es also den Übertretern des Gesetzes ergeht, wie erst denen, die den Willen Gottes vollziehen!« Ähnliche Zurückweisungen der Angriffe auf die Vergeltungslehre wiederholen sich noch unter der Regierung Johann Hyr­kanos. Der Lehrer Nithai aus Arbela (110 v.) stellte die Lehre auf: «Entferne dich vom bösen Nachbar, geselle dich nicht zum Frevler und setze dich nicht hinweg über das Strafgericht.. Noch der Lehrer Hillel I. macht den Vergel­tungsglauben zum Thema eines Spru­ches. Er sah einen Hirnschädel auf dem Wasser schwimmen und sprach: »So wie du ertränkt hast, wurdest du er­tränkt und zuletzt werden die, welche dich ertränkt haben, wieder ertränkt! « Neben dieser diesseitigen Vergeltung wird in seiner Schule auch von einer Vergeltung nach dem Tode gelehrt. Eine andere Wendung tritt in diese Darstellung der Vergeltung bei den Lehrern nach der Auflösung des jüdi­schen Staates und der Zerstörung des Tempels ein. Aus dem ersten Jahrhun­dert nennen wir die Lehrer, die über dieses Thema sprechen: R. Josua ben Chananja, R. Akiba, R. Tarphon, Ben Asai, R. Elasar aus Modeln u. a. m. Wieder hat das Nationalunglück, die Zerstörung des Tempels und die Auflö­sung des Staates durch die Römer den Glauben an die Existenz einer gött­lichen Vergeltung erschüttert. Der Tal­mud selbst erzählt, dass der bedeutende Lehrer Elias Ben Abuja (s. Acher) in Folge der von den Juden erlittenen Ver­folgungen an dem Vergeltungsglauben ganz irre geworden und darauf vom Judentum abgefallen war. Die meisten Lehrer dieser Zeit sprachen daher am liebsten nur von der jenseitigen Vergel­tung. So lehrte R. Akiba: »Alles ist dem Menschen als Pfand gegeben und ein Netz ist über alle Lebenden ausgebrei­tet, der Laden ist geöffnet, der Kauf­mann leiht, das Buch ist aufgeschlagen, die Hand verzeichnet, wer borgen will, borget, aber die Kassierer fordern täg­lich ein, nehmen Zahlung vom Men­schen mit oder gegen seinen Willen — ; Alles ist für das Mahl (die Vergeltung) bestimmt.« Deutlich wiederholt sich diese Lehre in einem Ausspruch des R. Tarphon: »Nicht dir liegt es ob, die Ar­beit zu vollenden, aber auch nicht, dich ihr zu entziehen. Hast du viel Thora gelernt, erhältst du großen Lohn. Und der Herr deiner Arbeit ist beglaubt, dir den Lohn deines Werkes zu bezahlen. Wisse, die Erteilung des Lohnes für die Gerechten ist in der künftigen Welt. « Doch wurde auch die diesseitige Ver­geltung von R. Akiba bei Gelegenheit besprochen, wo er geschickt manche Lehre zur Lösung obiger Frage mit­teilte. So zog er mit seinen Kollegen einmal vor dem Tempelberg vorüber, als aus dessen Ruinen ein Schakal her­vorsprang. Diese Erscheinung rührte die anderen zu Tränen, aber Akiba rief ihnen tröstend zu: »Wenn die Verhei­ßung des Bösen also in Erfüllung ge­gangen, wird die des Guten sicherlich nicht ausbleiben! Ein anders Mal wurde er mit seinen Kollegen auf einer Reise nach Rom von dem Geräusch dieser Stadt überrascht; sie erinnerten sich Jerusalems und weinten. Aber Akiba lachte und sprach: »Wenn es also den Frevlern ergeht, wie erst den Frommen!. Weiter forderte er zur ge­rechten Anerkennung der göttlichen Vergeltung auf. »Die Heiden«, lehrte er, »fluchen ihren Göttern, so Strafe sie trifft, aber der Israelit preist im Glück und Unglück seinen Gott und ruft: Ge­priesen sei der Richter der Wahrheit!. Ein anderer Lehrer, R. Eleasar aus Mo-dein, lehrte: »Das Maß des Guten ist mehr als das der Strafe.« Ein vierter Lehrer, Ben Asai, hatte zum Spruch: »Der Lohn eines Gebotes ist das Gebot; die Strafe der Sünde ist die Sünde«, und wollte, dass man von jeder Vergeltung völlig absehe. Eine andere Seite in der Vergeltungslehre dieser Zeit bildet die Beseitigung der von heidnischer Seite aus dem Nationalunglück der Juden ge­zogenen Schlüsse auf eine ewige Ver­werfung und Verdammung des jü­dischen Volkes. R. Josua ben Channaju, heißt es, war einst bei dem Kaiser Had­rian, wo ihm ein Sektierer unter Hin­weisung auf die Macht Roms zurief: »Hier der Beweis eurer Verstoßung durch Gott!« »Doch nicht«, entgegnete er, »denn da zeigt es sich, wie Gott schützend seine Hand über uns hält und uns vor Vernichtung bewahrt. « Im zweiten Jahrhundert kommt zu obigen drei Richtungen der Vergeltungslehre eine vierte, die Besprechung der im Ge­setz auf die Vollziehung der Gebote an­gegebene Vergeltung hinzu. Die Lehrer, die in dieser Zeit über die Vergeltung sprechen, sind: R. Simon ben Jochai, R. Simon ben Chalephta, R. Jakob, R. Je­huda, der Fürst, R. Chija, R. Jose, R. Jonathan, R. Juda, R. Mair. R. Simon ben Jochai behauptet, dass der Lohn der Gesetzesübung bei allen Geboten, ob klein oder groß, gleich sei. Die Thora, lehrte er, hat bei zwei Gesetzen, bei dem wichtigsten, von der Elternver­ehrung, und bei dem geringsten, von der Freilassung der Vogelmutter, glei­chen Lohn, »langes Leben und Wohler­gehen« angegeben, ein Beweis, dass de­ren Lohn gleich sei. Auf einer anderen Stelle fügt er dieser Lehre hinzu: »Wie der Lohn dieser Gebote gleich ist, so auch die Strafe bei Übertretung dersel­ben.« Andere behaupten, dass man den Lohn der Gesetze außer bei den zwei genannten gar nicht kenne. So lehrte R. Juda der Fürst: »Beachte das geringe Gebot gleich dem wichtigen, denn du kennst nicht den Lohn der Gebote.« Deutlicher spricht R. Chia: »Gott of­fenbarte nicht den Lohn jedes Gebotes, denn würde er denselben bei jedem Ge­bote offenbart haben, man würde diese vollziehen und die andern vernachlässi­gen. « Nur im Allgemeinen wird als Norm der göttlichen Vergeltung die Be­zeichnung: »Maß gegen Maß« aufge­stellt. So lehrt die Mischna: »Mit dem Maß, wie der Mensch misst, wird ihm gemessen«, als Beispiel hierzu wird un­ter andern gesagt: »Simson ging seinen Augen nach (bei seiner Verheiratung mit den Philisterinnen), daher wurden ihm die Augen ausgestochen; Absalom stolzierte mit dem Haar, darum blieb er mit demselben am Baum hängen u. a. m.« Diese Lehre hatte die Lehrer R. Juda I., R. Jonathan u. a. m. zu ihren Trägern. Doch ließen sich auch Gegen­stimmen vernehmen. So protestierte R. Juda gegen diese Bezeichnung der gött­lichen Vergeltung und stellte die schon oben von R. Elasar aus Modein er­wähnte Meinung als Gegenlehre auf: »Das Maß des Guten, des Lohnes, ist bei Gott größer als das Maß des Bösen, der Strafe.« Auch die andern oben schon bezeichneten Seiten der Vergel­tungslehre erhalten hier manch Berei­cherung. So wird von R. Jakob, einem Enkel des Elisa b. Abuja (Acher) in Be­zug auf die jenseitige Vergeltung ge­lehrt: »Diese Welt gleicht dem Vorhofe, das Jenseits dem Palaste, mache dich im Vorhofe fertig, damit du in den Palast einziehest.« Wie man in dem Glauben an eine jenseitige Vergeltung den Schlüs­sel zur Lösung des Widerspruchs zwi­schen der Lohnverheißung und der Er­scheinung des Frevlerglückes zu suchen habe, findet er schon in dem Gesetz selbst angedeutet. Die Lohnverheißung auf die Vollziehung der Elternverehrung oder der Freilassung der Vogelmutter: »damit du lange lebest und es dir wohl gehe«, wird dahin erklärt, dass der erste Teil davon: »damit du lange lebest« sich auf das Leben im Diesseits, dage­gen der Schluss: »es dir wohl gehe« auf das in der zukünftigen Welt beziehe. »Denn«, fügte er als Grund seiner Deu­tung hinzu, »so jemand bei Freilassung der Vogelmutter von einem Baum, den er zur Vollziehung dieses Gesetzes be­stiegen, plötzlich herunter fiele und tot liegen bliebe, wo wäre da bei demsel­ben die Erfüllung obiger Lohnverhei­ßung, wenn sich nicht ein Teil derselben nach dem Tode im Jenseits verwirkli­chen sollte.« Rab Joseph, ein Lehrer des vierten Jahrhunderts, heißt es da­rauf, bemerkt dazu, hätte sein Großva­ter Elisa ben Abuja (Acher) die Deutung dieser Verheißung so gekannt, er wäre sicherlich kein Sünder geworden. Doch waren mit dieser Verweisung der Ver­geltung auf das Jenseits die anderen Lehrer nicht einverstanden, sie stellten daher andere Lehren zur Lösung dieses Widerspruchs auf. R. Janai erklärte: »In unserer Hand liegt weder das Wohl der Frevler, noch die Leiden der Ge­rechten«, d. h. man müsse Gottes weise Regierung darin anerkennen und vor ihm sich beugen. Ein anderer Lehrer dieser Zeit, R. Jose, teilt eine noch an­dere Lehre zur Lösung obigen Wider­spruchs mit: »Der Gerechte, dem es schlecht geht, ist sicherlich der Sohn ei­nes Frevlers, dagegen ist der Frevler, dem es schlecht geht, der Sohn eines Gerechten«, eine Annahme, die mit der Lehre von der Übertragung der Vergel­tung von den Eltern auf die Kinder (siehe oben) im Zusammenhang steht, aber von den anderen Lehrern abge­lehnt und dahin berichtigt wird, dass der Gerechte, dem es schlecht geht, kein vollkommener Gerechter sei, sowie der Frevler, dem es gut geht, kein ganzer Frevler sein könne. Hierher gehört wohl auch eine andere Lehre von R. Simon ben Jochai, welche lautet: »War der Mensch sein ganzes Leben ein Gerech­ter, aber zuletzt ein Frevler, er verliert den Lohn seiner früheren Tugenden und erhält als Sünder die Vergeltung. « Es ist dieselbe Lehre, wie wir sie oben aus dem Prophetenbuche Ezechiel zi­tiert haben. Neu ist endlich eine Lehre von R. Jonathan, dass die Frommen wegen der Sünden der Frevler leiden. »Jede Strafe, von der die Welt heimge­sucht wird, ist der Frevler wegen; die Gerechten werden von derselben erst betroffen. « Auch die Lehrer des dritten Jahrhunderts: R. Jochanan, R. Elasar, R. Levi, Bar Kappara, R. Jizchak, R. Josua ben Levi, R. Samuel bar Nach-mani u. a. m. verstehen noch neue Sei­ten in der Vergeltungslehre aufzufinden. R. Elasar tut den bedeutsamen Aus­spruch: »Seit der Zeit, da Gott die Worte gesprochen: >Siehe, ich lege dir heute vor den Segen und den Fluch<, kommt vom Höchsten (Gott) ' weder das Gute, noch das Böse; das Böse trifft die, welche das Böse tun, und das Gute haben die, welche Gutes üben.« Wir haben hier die Lehre, welche, wie oben im Teil I. bemerkt wurde, die freie menschliche Handlung als Grund der den Menschen treffenden Vergeltung annimmt, was eine Bekämpfung der Lehre vom Fatum oder der auf dem Parsismus beruhenden Annahme von zwei die Welt beherrschenden Mächten, die des Guten und die des Bösen, ist. In einem andren Bilde sprechen noch zwei andere Lehrer, Bar Kappara und R. Jo­sua ben Levi, denselben Gedanken aus. Bar Kappara lehrte: »Des Menschen Seele und die Thora, beide werden >Licht< genannt.« So sprach Gott zum Menschen: »Mein Licht, die Thora, ist in deiner Hand, aber dein Licht, die Seele, habe ich in meiner Hand, be­wahrst du mein Licht, die Thora, hüte ich das deinige; aber löschest du mein Licht aus, es erlischt das deinige.« Zur Lösung des Widerspruchs zwischen Lehre und Leben (s. oben) nimmt R. Jo­sua b. L. ebenfalls die jenseitige Vergel­tung an, wo alles seine Ausgleichung erhalte. Seine Lehre darüber war: »Beo­bachte das Gebot und die Gesetze, die ich dir heute befehle, sie auszuüben« (5. M. 6, 11), heute, heißt es, d. i. im Diesseits zu vollziehen, um morgen im Jenseits, den Lohn zu empfangen. Nur die Frevler erhalten im Diesseits den Lohn ihrer etwaigen guten Werke, um sie im Jenseits von demselben ganz auszuschließen« — lautete seine zweite, da­mit in Verbindung stehende Lehre, die er mit den Schriftworten belegte: »Er bezahlt seinen Feinden sofort, um sie zu vernichten; er zögerte nicht, seinem Hasser bald zu vergelten (5. M. 7. 10.).« Deutlicher spricht er sich in einer dritten Lehre aus: »Alle Gebote, die Is­rael im Diesseits vollzieht, werden im Jenseits von ihm Zeugnis ablegen.« Doch waren diese mystischen Lehren auch in dieser Zeit noch nichtdie allein maßgebenden. Es gab vielmehr auch da Lehrer, die gleich der Bibel nur von ei­ner diesseitigen Vergeltung sprachen. Von R. Jochanan ist der schöne Spruch: »Gott hält den Lohn keines Geschöpfes zurück, auch nicht den einer heilsamen Unterhaltung.« R. Oschaia lehrte: »Es heißt am Ende der Schöpfungstage: >Er ruhte von seinem Werke, d. h. Gott ruhte von seiner Weltschöpfung aus, aber nicht von seiner Weltregierung, um Vergeltung auszuteilen.« In Bezug auf den Widerspruch (s. oben) wird die Lösung, wie sie in Psalm 92 gegeben wird, noch festgehalten. »Wie die Palme in weite Ferne ihren Schatten wirft, so ist des Gerechten Lohn in Ferne.« Auch die Vergeltungsweise ist da noch nüch­tern dargestellt, sie gestaltet sich nach der Größe der Entsagung, welche die Tat erheischt. Weiter erklärt ein Lehrer, R. Jose bar Chanina, dass die mosai­sche Lehre: »Er (Gott) ahndet die Sünde der Väter an den Kindern« durch den Propheten Ezechiel in Kapitel 18 aufge­hoben wurde. Von da ab begnügte man sich mit der Wiederholung früherer Lehren. Wir haben daher von den Leh­rern des vierten Jahrhunderts nur eine geringe Nachlese zu verzeichnen. »Gott hat in der Schrift nicht den Lohn bei je­dem Gebote angegeben, damit man das Gottesgesetz mit ganzem Herzen, oder wie ein anderer Lehrer sich ausdrückt, in Rechtschaffenheit, (nicht des Lohnes wegen) vollziehe«, war die Lehre des Abba bar Kahana. Überhaupt lehrten sie: »Es gibt keinen Lohn im Diesseits«; »Der Lohn Israels ist nur im Jenseits« (Aussprüche des Rab Chelbo). Von Rabba und Abaji sind die Lehren: »Gott straft nicht früher; bis das Maß voll geworden«; »Das Maß des Guten ist mehr als das des Bösen.« »Gott straft nur allmählich, damit man die Strafe ertragen könne.« Zur Lösung des Wi­derspruchs in der Vergeltungslehre (s. oben) stellt R. Idi die Behauptung auf, dass man Fromme von Frommen sowie Frevler von Frevlern zu unterscheiden habe. Der wahrhaft Fromme, dem es gut geht, das ist der Fromme gegen Gott und die Menschen, und der wirkliche Frevler, dem es schlecht geht, das ist, der böse gegen Gott und böse gegen die Menschen ist; allen anderen, in der Mitte zwischen diesen beiden, geht es bald schlecht, bald gut.« Rab Nachman hat darüber den Spruch: »Heil den Ge­rechten, denen es im Diesseits ergeht, als wären sie Frevler, sie erhalten unver­kürzt ihren Lohn im Jenseits.«