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Rabbi Mair - Scharfsinniger, geistreicher Gesetzes- und Volkslehrer der Juden Palästinas | Talmud

Rabbi Mair - Scharfsinniger, geistreicher Gesetzes- und Volkslehrer der Juden Palästinas

Posted 4 mos ago

R. Mair. Scharfsinniger, geistreicher Gesetzes- und Volkslehrer der Juden Palästinas im 2. Jahrh. n., ein Mann von umfassendem Wissen und tiefer Bildung.

I. Geburt, Namen, Bildung, Kennt­nisse, Gewerbe, Unterhalt, Sitten und Charakter. Von diesem bedeutenden Gelehrten sind uns weder die Eltern, noch der Geburtsort bekannt. Die Agada lässt ihn von der Proselytenfami­lie des Kaisers Nero abstammen. Nicht einmal seinen Namen können wir be­stimmt angeben, da ihn die talmu­dischen Quellen bald »Measa« oder »Moisa«, bald »Nehorai«, bald »Mair« nennen. Spätere sind geneigt, letzte zwei Namen, deren Bedeutung »Leuch­tender« ist, für einen zu halten, so dass »Nehorai« der chaldäische und »Mair« der hebräische Name desselben war. Mehr wissen wir von seinem Bildungs­gange und seinen Kenntnissen. Er hatte die berühmten Männer R. Akiba und R. Ismael zu seinen Lehrern, in deren Schulen er sich ausbildete, sodass er zu den ausgezeichneten Jüngern derselben gehörte. »Erst hörte er die Lehrvor­träge R. Akibas, aber bald fühlte er sich für deren Verständnis zu schwach und begab sich in das Lehrhaus des R. Ismael.« Hier erlangte er seine voll­ständige Ausbildung zum Gesetzesjün­ ger, so dass er sich auch für die tieferen Vorträge R. Akibas genug vorbereitet hielt. Man sah in darauf auch bald bei den Lehrvorträgen desselben, von dem er sich die dialektische Gewandtheit aneignete. Er war in derselben so ge­waltig, dass er in den halachischen Dis­kussionen jedes Gesetz in Frage zu stel­len und dessen noch so festen Boden zu erschüttern vermochte. Seine Zeitge­nossen bekannten später, dass sie ihm in seiner scharfen Dialektik weder zu folgen, noch seinen tiefen Gedanken­reichtum zu ergründen vermögen; es war dies der einzige Grund, weshalb seine Halachoth nicht Gesetzeskraft erhielten. In der Agada sehen wir ihn auf der Höhe eines Volkslehrers, die nur wenige erreicht hatten. Sein pro­fanes Wissen, besonders seine Kenntnis des Griechischen, verwendete er zur Erklärung der Schrift. In seinen Volks­belehrungen verstand er vorzüglich von dem Gleichnis und der Fabel Ge­brauch zu machen, eine Eigenheit, die ihn zum Fabeldichter machte. Er soll dreihundert Fabeln gedichtet haben, von denen sich nur wenige erhalten ha­ben. Die Kenntnis der Bibel war bei ihm so groß, dass er auf seinen Reisen in Kleinasien in der Stadt Sardes am Purimfest bei Ermangelung eines heb­räischen Exemplars des Estherbuches dasselbe aus dem Gedächtnis fehlerfrei vortrug. Früh erkannte R. Akiba den Wert seines Jüngers, er verlieh ihm in noch jungem Alter die Weihe zum Ge­setzeslehrer. Eine abermalige Weihe als Gesetzeslehrer erteilte ihm der Marty­rer R. Juda ben Baba; er gehörte zu den Jüngern, die dieser Lehrer unter der Gefahr seines Lebens nach dem barko­chbaischen Aufstande gegen die hadri­anischen Verfolgungsedikte, die darauf die Todesstrafe verhängten, zu Ge­setzeslehrern weihte. Zu seinem Ge­werbe, das ihm den Unterhalt sicherte, wählte er die Anfertigung von Bibelab­schriften, er war Schreiber, librarius, Abschreiber von vorzüglicher Geschick­lichkeit, so dass seine Arbeiten gesucht und gern gekauft wurden. Er ge­brauchte nach der Anweisung seines Lehrers R. Akiba das Chalkantum, Schusterschwärze, Kupfervitriol, bei der Anfertigung der Tinte, wodurch die Schrift viel schwärzer und dauer­hafter wurde. Er verdiente wöchent­lich drei Schekel, von denen er zwei zum Unterhalt seiner Familie und ei­nen zur Unterstützung von Gelehrten bestimmte. So war er mit seinem Ge­werbe, das ihm die Unabhängigkeit und die Selbstständigkeit sicherte, so glücklich, dass er in seinen Volksvor­trägen auch seinen Zeitgenossen die Erlernung eines leichten, reinen Ge­werbes mit Nachdruck empfahl. Das Ideal, welches ihm vorschwebte und seinem Leben eine bestimmte Richtung gab, erkennen wir in seinem Lehrspruch, den er wieder und wieder vor­brachte. Derselbe lautete: »Lerne mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele meine (Gottes) Wege ken­nen, wache an den Pforten meiner Lehre; bewahre meine Lehre in deinem Herzen, habe stets meine Ehrfurcht vor deinen Augen. Hüte deinen Mund vor jeder Sünde, reinige und heilige dich von jeder Schuld und jedem Vergehen und ich werde an allen Orten bei dir sein.«

II. Zeit, Stellung, Wohnort, Lehrtä­tigkeit, Reisen, Umgang mit Nichtjuden, Weisen und jüdischen Sektierern, Dispu­tationen mit ihnen, Halacha und Agada. Die Zeit seiner Lehrtätigkeit war die des nachbarkochbaischen Aufstandes, nach dem Tode Hadrians, als durch den Re­gierungsantritt der Antoninen eine mil­dere Praxis von Rom aus in der Be­handlung der unterjochten Völker sich geltend machte, so dass auch gegen die Juden die harten hadrianischen Verfol­gungsedikte teilweise nicht mehr zur Ausführung kamen. Alles lag danieder, in voller Erschlaffung und Erschöp­fung. Städte und Dörfer waren entvöl­kert und öde geworden, die Äcker blie­ben unbebaut. Da ermannten sich die Häupter des Volkes, die Gesetzes- und Volkslehrer, die in Folge des unglückli­chen Ausganges des barkochbaischen Aufstandes im Auslande eine Zu­fluchtsstätte gesucht hatten, aber nun wieder zurückgekehrt waren, und san­nen nach Mitteln zur Wiederaufhilfe. In Uscha, einer Stadt in Galiläa, traten sie zusammen und konstituierten sich zum Synhedrion. Bei der bald darauf erfolgten Einsetzung des R. Simon ben Gamliel II. zum Patriarchen und Syn­hedrialspräsidenten bekleidete R. Mair die Würde eines Chacham (Weiser), vortragenden Rates. Er war einer der Ersten, der mehrere Gesetzesvorschläge zur Hebung des Volkswohles, bekannt unter dem Namen »Institutionen von Uscha«, zur Beratung brachte und sie durchsetzte. Seinen Wohnsitz nahm er erst im Süden Palästinas, weshalb man ihn zu den Gelehrten des Südens: R. Juda, R. Josua u. a. m. zählte. Später treffen wir ihn in verschiedenen Ort­schaften, in denen er abwechselnd wohnte. So lehrte er in Bethsean, Ar-diska, Tiberias und auf seinen Reisen in Kappadocien, Sardes in Kleinasien, hebr. Assia und in Chamta. Seine Haupttätigkeit war das Lehramt, worin er Vorzügliches geleistet hat. Die »Ha-lacha« und die »Agada«, diese zwei Hauptfächer des jüdischen Wissens, ka­men durch ihn zur neuen Lebensentfal­tung. Seine Verstandestiefe und Herzen­sinnigkeit hauchten ihnen Geist und Leben ein. Die Erstarrung und die durch die Verfolgungen scheinbar eingetretene Erschlaffung waren aus ihnen gewi­chen; alles regte sich wieder und war in einen lebendigen Fluss gebracht.

a) Die Halacha. In der Behandlung derselben blieb er nicht bei der Lehr­weise seiner Vorgänger, sondern ging über sie weit hinaus. Die Halacha er­hielt durch ihn ihre vierte Geschichtse­ poche (s. Halacha). Die zwei exege­tischen Richtungen (s. Exegese) in dem Weiterausbau der Halacha, wie sie in den Lehrhäusern und in den Gesetzes-Vorträgen seiner zwei Lehrer R. Akiba und R. Ismael ihre Vertretung hatten, genügten ihm nicht mehr. Das Aufsu­chen von Belegstellen und Anknüp­fungspunkten in der Schrift mit den damit verbundenen Wortdeutungen und Konjektionen für die halachischen Bestimmungen, die Lehrweise der Aki­baischen Schule und die Aufstellung von Schlussformeln und Folgerungsre­geln zur Resultierung neuer Gesetze, wie sie dem R. Ismael und seiner Schule eigen war, erkannte er in ihrer vollen Schwäche und wies in der weitern kon­sequenten Anwendung dieser Methode ihre Unhaltbarkeit nach. Man könnte durch Anwendung solcher Regeln ebenso zur Gesetzesauflösung, als zur Gesetzesbefestigung gelangen. »Seine Kollegen vermochten ihn nicht zu ver­stehen; er erklärte das Unreine für >rein< und belegte seinen Ausspruch mit Gründen; er hielt das Reine als >unrein< und brachte auch dafür Beweise.« Ge­radezu bespöttelte er die Herleitungs­regel aus zwei aneinander stehenden Abschnitten: «Gibt es doch viele Ab­schnitte in der Schrift, die nahe anein­ander gestellt sind, und die doch dem Inhalte nach sich gar fern stehen.. Ebenso erklärte er sich gegen die Her­leitung einer Halacha mit Hinweisung auf die Partikel את. Er führte nun ne­ben der Schrift und der Tradition als Drittes die Dialektik in ihrem edleren Gebrauch ein, durch sie sollte die Halt­barkeit oder Unhaltbarkeit eines her­geleiteten Gesetzes erprobt werden. Der Verstand, die Verstandesgesetze, die reinen Vernunftschlüsse wurden durch ihn zum Prüfstein für das Rich­tige oder Falsche einer resultierten Ha-lacha, woran man die Schwäche oder Stärke einer Folgerung zu erkennen habe. Er selbst zeigte darin eine solche Gewandtheit, dass noch Spätere von ihm berichten: »Wer R. Mair im Lehr­hause gesehen (seine Vorträge ange­hört), dem kam es vor, als wenn er in seinen Diskussionen Berge ausgerissen und sie aneinander zermalmt hätte.. Man sprach: »Nicht umsonst heißt er: >Mair<, >Leuchtender<, er erleuchtete die Weisen in der Halacha.; ferner: . »Der Stab des R. Mair lehrte den Men­schen Erkenntnis! « Schon sein Lehrer R. Akiba gebrauchte in seinen Geset­zesstudien den Vernunftgrund, die ver­nunftgemäße Gesetzeserklärung, aber durch ihn wurde sie zu ihrer vollen Be­deutsamkeit erhoben. So suchte er nach dem Vernunftgrund des Gesetzes, lei­tete daraus andere Bestimmungen her usw. Die Herleitungsregeln wendete er nur selten und höchst vorsichtig an, aber er suchte auch für die Halacha in dem schriftlichen Gesetz eine Vorzeich­nung aufzufinden, oder leitete die Ha-lacha aus dem einfachen Wortsinn des schriftlichen Gesetzes her. Sonst trug er sie einfach als Aussprüche seiner Leh­rer vor oder bezog sie auf Ereignisse und Tatsachen aus dem Leben seiner Vorgänger. Eine neue und wichtige Ha­lachatätigkeit waren seine der Zeit nach notwendig gewordenen Geset­zeserschwerungen als Anordnungen, Besorgnisse, Vorbeugungsfälle, Straf­verhängnisse, Gesetzesverhängnisse. Die völlig zerrütteten Zustände nach dem verunglückten barkochbaischen Aufstand und die darauf gefolgten ha­drianischen Verfolgungsedikte, welche die Tätigkeit der Gesetzeslehrer zur Wiederherstellung geordneter Zu­stände nicht nur hemmten, sondern ganz und gar störten, haben die Praxis des jüdischen Gesetzes in Verwirrung gebracht und erforderten zu deren Wiedereinführung solche Gewaltmaß­regeln. Wir nennen von denselben seine Anordnungen: »Wer da verändert die von den Weisen bestimmten Normen und Formeln in Ehescheidungssachen, bewirkt, dass das Kind aus solcher Ehe als ein unehelich Gezeugtes betrachtet wird.. »Wenn man eine Erstgeburt vom Vieh schlachtet und nachher erst dessen Leibesfehler dem Weisen zur Besichtigung zeigt, ist der Genuss des­sen Fleisches verboten.« »Ein Schuld­schein, wo die Zinsen verzeichnet sind, hat keine Gültigkeit.« »Wer von den Feldenden bei der Ernte einen Teil ab­geschnitten und denselben anderem abgeschnittenen Getreide zugeworfen, den bestrafe man, dass er alles auslie­fern muss.« »Wer gegen das Gesetz et­was verabredet, sollte es auch Geldsa­chen betreffen, dessen Verabredung ist ungültig.« Ausdrücklich lehrte er: »Die Weisen schufen ihren Worten mehr Nachdruck als den Worten der Thora. « Von solchen Anordnungen erhielten nur wenige Gesetzeskraft. Was sein Vortragswesen der Halachoth betrifft, so bemerken wir bei ihm schon das me­thodische Verfahren, das Zusammen­fassen mehrerer Halachoth nach gewis­sen Grundregeln, um dem Gedächtnisse die Bewahrung derselben zu erleichtern. Solche Grundregeln wurden später bei der Mischnasammlung beachtet. R. Mair machte demnach gewissermaßen den Anfang zur Mischna-Halacha-Zu­sammenstellung. Die Kunstausdrücke für solche Grundregeln in der Halacha waren: »Das ist die Regel«, »Überall«, »Jedwedes!«, »Immer«, usw. Mehreres über sein Verdienst und das Verhältnis seiner Halachoths zur späteren Misch­nasammlung verweisen wir auf den Artikel »Mischna«.

b) Agada. In diesem Wissenszweig gehörte R. Mair zu den bedeutendsten Männern. Seine Leistungen auf diesem Gebiete waren vorzüglich und origi­nell. In seinen Vorträgen machten die erbauende Exegese (Agada) und das Gleichnis (die Fabel und das Sprich­wort), das Maschal, zwei Drittel der­selben aus. Für ihre Verbreitung be­gnügte er sich nicht mit dem Vortrag, sondern fing sie aufzuzeichnen an, um so ihre Lehren der Nachwelt aufzube­wahren, ein Verfahren, das nicht von allen gebilligt wurde und später viele Gegner hervorrief. Nach den darüber uns erhaltenen Nachrichten waren es zwei Formen, wie R. Mair die Agada schriftlich verzeichnete: 1. als Rand­glossen zu dem Text der heiligen Schrift und 2. in größeren Schriften, Midra-schim. So treffen wir von der ersten Art die Angaben: »In dem Thoraexem­plar des R. Mair., auch: »In dem Bu­che des R. Mair«, fand man verzeich­net. « Von der zweiten Form kennen noch spätere einen Midrasch über den Dekalog unter dem Namen: »Anochi de R. Mair., das vielfach zitiert wird. Auch eine Fabelsammlung von 300 Fa­beln wurde ihm zugeschrieben, aus welcher der Lehrer R. Jochanan im 3. Jahrh. n. Fabeln zitiert. Nicht unbe­trächtlich sind seine Gleichnisse, ver­gleichende Anspielungen und Redewei­sen, seine Lehren, Sprüche und Sentenzen. Von seinen Normen in der Agada wird besonders hervorgehoben, dass die Deutung der Namen sein Fach war, und von den exegetischen Regeln er sich der von »al thikri«, »Lies nicht in der Schrift so, sondern so« (s. Exe­gese) oft bediente. Spezielle Lehren von ihm haben sich erhalten über:

I. Gott, Menschen, Leiden und Vorsehung. Dieselben sind: »Stets mö­gen deine Worte vor Gott wenig sein«, »Immer spreche man: Alles, was Gott uns zufügt, fügt er zu unserm Guten zu«, Mahnungen, bei Leiden und Un­glücksfällen gegen Gott nicht zu kla­gen. Trostreich ruft er seinen in Folge des verunglückten barkochbaischen Aufstandes hart geprüften Zeitgenossen zu: »Die Leiden des Menschen sind Leiden Gottes!« »Wie man des Guten wegen Gott zu preisen habe, so auch beim Eintreffen des Bösen«; »Des Menschen Ende ist der Tod, des Viehes geschlachtet zu werden, aber Heil dem, der in der Gotteslehre groß geworden und seinem Schöpfer Freude gemacht! « Zwei religiöse Richtungen suchte er in diesen und anderen ähnlichen Lehren zu bekämpfen, die eine, welche zwei Gottheiten, die des Guten und des Bö­sen lehrte und die andere mit ihrer Be­hauptung, dass Leiden Zeichen der Verwerfung des Menschen von Gott seien.

2. Israel, Gesetz, Sünder, Buße, Hei­den, Samaritaner, Judenchristen, Am haarez. Gegen die Annahme von Seiten des Christentums, Israel habe in Folge seiner Sünden seine Gotteskindschaft eingebüßt, es sei nicht mehr das Volk Gottes, war seine Lehre: »Kinder seid ihr des Ewigen eures Gottes« (5. M. 14. 1), in allen Zeiten, auch im Abfalle, bleiben wir Kinder Gottes.« An einer anderen Stelle heißt es von ihm: »Wie ein Vater seinem abgeirrten Kinde zu­ruft: »Kehret um und suchet euren Va­ter auf«, ein Kind, sollte es auch von Sünden noch so sehr befleckt sein, kann immer in Reue seinen Vater wie­der aufsuchen, so ließ Gott durch die Propheten Israel zurufen: »Kehre, Is­rael, zu dem Ewigen, deinem Gott zu­rück! « Das mosaische Gesetz, das auch dem Verbrecher die Menschenwürde, das Ebenbild Gottes, zuerkennt und den Gehängten vor Sonnenuntergang herabzunehmen befiehlt mit dem Schlusse: »Denn eine Geringschätzung Gottes ist ein Gehängter«, erklärt er durch folgendes Gleichnis: »Zwei Zwillingsbrüder, die sich gar ähnlich sahen, wohnten in einer Stadt, von de­nen der eine zum König eingesetzt wurde, aber der andere den Räubern sich anschloss und infolgedessen auf Befehl des Königs gehängt wurde. Wer den Räuber hängen sah, rief wegen sei­ner auffallenden Ähnlichkeit mit dem Könige: >Der König hängt!< Der König erfuhr dies und ließ ihn sofort herab-nehmen.« Gegen Heiden stellte er die ihn ehrende Lehre auf: »Auch der Heide, wenn er sich mit der Thora (mosaische Lehre und Gesetz) beschäf­tigt, ist dem Hohenpriester gleich zu achten«, denn es heißt: »Die (die Lehre u. das Gesetz) der Mensch ausübt, um in ihnen zu leben« (3. M. 18. 5., »der Mensch« wird hier genannt, aber nicht Israelit, Levit oder Priester, daher kön­nen es auch Heiden sein, die sich mit der Thora beschäftigen, um zum Leben zu gelangen. Eine zweite Anordnung von ihm war, dass der Heide, der vor drei Israeliten (Chaberim, Genossen) auf sich genommen, dem Götzen­dienste zu entsagen (keine Götzen zu verehren, ein wahrer Proselyt am Tore in allen seinen Rechten geworden. So verkehrte er oft mit heidnischen Wei­sen und ließ sich mit ihnen in Religi­onsgespräche ein. Nicht so versöhnlich war er gegen jüdische Sekten, als z. B. gegen die Samaritaner u.a. Er schloss sich den Männern an, die auf völlige Trennung und Ausschließung dersel­ben aus dem Judentum drangen. So verbot der den Genuss des Weines von den Samaritern, und stellte den Grund­satz auf: »Wer gegen ein Gesetz ver­dächtig geworden, ist es auch gegen alle Anordnungen desselben.« Über­haupt war für ihn nicht bloß die Majo­rität, sondern auch die Minorität, also auch seltene Fälle entscheidend, auf die er in seinen Gesetzesentscheidungen Rücksicht nahm. Noch härter war von ihm der Grundsatz: »Wenn sie auch reuevoll zurückkehren, nehme man sie nie wieder auf! « Freilich steht diese Strenge mit seinen Lehren von der Buße und mit seinem eigenen Leben in Wi­derspruch. Er lehrte: »Groß ist die Buße, denn wegen der Buße eines Men­schen wird der ganzen Gesellschaft vergeben, denn es heißt: >Ich heile sie von ihrer Abtrünnigkeit, ich leibe sie freiwillig, denn mein Zorn ist von ihm gewichen (Hosea 14.)(, es steht nicht von ihnen, sondern von ihm, auch von einem Einzigen.« Aus seinem Leben wissen wir, dass er mit dem Abtrünni­gen Acher gern Umgang pflegte, von ihm Lehren annahm und ihn als Lehrer verehrte, wie er sich recht freisinnig ausdrückte: »Ich genieße den Kern und werfe die Schale weg! « Doch erfuhr bald dieses eifrige Vorgehen gegen die Sektierer von vielen Seiten recht harten Tadel, ein ehrender Beweis für das Ju­dentum, das nicht durch Hass und Verdammung die abweichenden Richtun­gen verfolgt wissen will. Die Halacha hat solchen Gesetzesbestimmungen keine Gesetzeskraft verliehen. Die Mischna nimmt von seinem obigen Grundsatz des Verdachtes keine Notiz und stellt Gegenbestimmungen auf. Gegen seinen frommen Eifer, durch Fluchen sich der Sektierer zu entledi­gen, trat seine eigenen Frau, die ge­lehrte und edle Beruria auf, die ihn ei­nes Besseren belehrte. »Es heißt ja nicht«, rief sie ihm entgegen, »es sollen die Sünder«, sondern: »Es sollen die Sünden schwinden (Ps. 104)! Wir tun besser, wenn wir für deren Bekehrung beten!« Ebenso erzählt die Agada, dass seine Gewohnheit, sich über die Sün­der lustig zu machen, ihn in die Gefahr einer schändlichen Sünde brachte, hätte ihn nicht ein plötzliches Zwische­nereignis von derselben gerettet. Gegen das Judenchristentum war seine An­ordnung, im Gebete nicht zwischen dem Schema, dem Bekenntnis der Got­teseinheit, und dem darauf folgenden Abschnitt: »Du sollst den Ewigen dei­nen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen (5. M. 6. 5 — 10)« zu unterbre­chen, sondern beide Stücke in Verbin­dung zu lesen. Seine ganze Härte traf das dem rabbinischen Gesetz wider­strebende Landvolk, das unter dem Namen »Am Haarez«, »Landvolk«, bei den Rabbinern übel berüchtigt war. Seine Lehren und Bestimmungen gegen dasselbe waren: »Wer seine Tochter an einen Am-Haarez verheiratet, hat gleichsam seine Tochter gefesselt und einem Löwen vorgeworfen.« »Wer ei­nen Am-Haarez schlafend im Hause gelassen und ihn darauf wachend an­getroffen, dessen Haus ist als durch ihn verunreinigt zu halten. Der Sklave, die Tochter, die Frau des Am-Haarez, so­bald sie sich an einen Chaber verheira­ten, sollen sich zuvor zu den Pflichten des Chabers bekennen. « Nichtsdesto­weniger war er gegen den Am-Haarez freundlich und zuvorkommend. Er grüßte ihn und stand, wenn derselbe ein Greis war, vor ihm auf. Ebenso ver­ehrte er den Gesetzeslehrer Elisa ben Abuha (s. Acher) auch nach dessen Ab­fall vom Judentum.

3. Religion und Frömmigkeit. Es sind uns darüber nur zwei Sätze von ihm aufbewahrt. Der eine: »Wer in Pa­lästina wohnt, hebräisch spricht, Spei­sen nach den Gesetzen der Reinheit genießt, ist zuversichtlich ein Sohn des Jenseits.. Der andere lautet: »Wie man Gott wegen des Guten dankt, so preise man ihn beim Eintreffen des Bösen.«

4. Gesetz und Gesetzesstudium. Bei der Erklärung des Gesetzes forschte er nach dem Grunde desselben, er suchte es auch durch symbolische Auffassung verständlich zu machen und schärfte dessen Wichtigkeit ein. So gab er den Grund des Gesetzes, das bei einem ge­stohlenen Rinde die fünffache Rücker­stattung bestimmt, darin an, weil bei dem Rind die Störung von seiner Ar­beit mit in Betracht kommt, was bei dem Lamm wegfällt. Den Grund der Bestimmung der purpurblauen Farbe, Techeleth, für die Schaufäden, gab er in Folgendem an: »Das Techeleth ist der Spiegelfarbe des Meeres gleich, diese der Himmelfarbe und diese wie­der dem Gottesthron, der gleich dem hellen Saphir gezeichnet wird.. So soll nach ihm das Blaue bei den Schaufän­den an den Gottesthron, das Walten Gottes in der Welt, symbolisch erin­nern. Weiter schärfte er die Wichtigkeit des Gebotes der Schaufäden dadurch ein: »Es heißt nicht: und ihr sollet sie, (die Schaufäden) sehen, sondern und ihr sollet ihn, אותו, (Gott) sehen« (4. M. 15. 39, d.h. wer das Gebot der Schaufäden vollzieht, hat gleichsam Gott bei sich aufgenommen. « Ein war­mes Wort hat er für das Thorastudium als einziges Mittel, das den Genius des jüdischen Volkes in den Jahren der Verfolgung vor Vernichtung schützen sollte. So war seine Mahnung an den Lehrer: »Wer Thora lernt und sie nicht lehrt, von dem heißt es: Denn das Wort des Ewigen hat er verschmäht.. Ande­rerseits führte er den Eltern die Pflicht vor, die Lehre (Thora) auf ihre Kinder zu verpflanzen. »Beim Empfang des Gesetzes am Sinai forderte Gott Israel zur Bürgschaftsleistung für das Gesetz auf und nahm keine andere als die ih­rer Kinder an.« »Die Kinder sollen für ihre Eltern bürgen, dass das Gesetz ge­halten werden wird.« (Midr. r. zum Hohld. 1.) Auch für die Unterrichts­weise hatte er manche schöne Lehre: »Immer wähle man im Unterrichten den kürzeren Weg.. An den Schiller richtete er das Wort: »Wenn du viel Thora (Lehre) von einem Lehrer ge­lernt hast, sprich nicht: es ist genug! sondern suche auch andere Lehrer auf!. (Aboth de R. Nathan Absch. 3). Ferner: »Wem gebührt der Name >Leh­rer?< Demjenigen, der Weisheit (die Kenntnis, selbst zu beurteilen, aber nicht dem, der Bibel und Mischna lehrt.« (Baba mezia 33) »Wer einen Gegenstand von seinem Studium ver­gisst, dem rechnet es die Schrift an, als wenn er sein Leben verwirkt hätte«, denn also heißt es: »Nur nimm dich in Acht und bewahre sehr deine Seele, dass du nicht die Gegenstände verges­sest, die deine Augen gesehen. Solltest du glauben, dass dies auch für den Fall gilt, wo es für das Gedächtnis zu schwer geworden«, darum heißt es ja: »dass sie nicht aus deinem Herzen wei­chen alle Tage deines Lebens«, d.h. »die Schuld trifft dich nur, wenn du die Lehre absichtlich aus dem Herzen ent­fernt hast.« In Bezug auf die Zeit zum Studium hatte er den Spruch: »Verrin­gere dein Geschäft und gib dich dem Studium der Thora hin; sei bescheiden gegen jedermann; unterbrichst du ein­mal dein Thorastudium, wirst du bald mehrere Störungen haben, aber mühest du dich mit der Thora ab, hast du gro­ßen Lohn zu erwarten.. Beherzigens­wert sind seine Worte über den Erfolg und den Lohn des Studiums. »Wer sich mit der Thora in reiner Absicht be­schäftigt, gelangt zu mehreren Gegenständen; man nennt ihn: >Freund<, >Liebling<, er liebt Gott und die Men­schen; er erfreut Gott und die Men­schen; sie, (die Thora) bekleidet ihn mit Demut und Gottesfurcht, sie bildet ihn zum Gerechten, Frommen, Recht­schaffenen und Treuen; sie entfernt ihn von der Sünde und nähert ihn der Tu­gend; man genießt von ihm Rat, Bei­stand, Einsicht und Macht«, denn also heißt es: »Mein ist Rat und Beistand, ich bin die Vernunft, mir ist die Macht.« (Spr. Sal. 8. 14) »Sie verleiht ihm Reich und Herrschaft, die Erfor­schung des Rechts und die Offenba­rung der Geheimnisse in der Lehre; er wird gleich einem sprudelnden Quell und wie ein nie endender Strom; er ist bescheiden, langmütig, verzeiht Belei­digung, sie erhebt und erhöht ihn über alle Werke..

5. Gelübde, Träume, Reichtum, Schamhaftigkeit, Almosen und Wohl­tätigkeit. Über das Gelübdewesen, das in den ersten zwei Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels sehr um sich gegriffen, hatte er die Mahnung: »Es wäre besser, gar kein Gelübde zu tun!. Sein Spruch über Träume war: »Träume können den Menschen weder erheben, noch erniedrigen! « Den Wert des Reichtums bezeichnete er in dem Satze: »Wer ist reich? Der, welcher sich mit seinem Reichtum freut. « Von der Schamhaftigkeit: »Wer sich schämt, wird nicht sobald zur Sünde verleitet.« Über Wohltätigkeit erinnerte er sich ei­nes Disputs, den sein Lehrer R. Akiba mit dem römischen Statthalter Tinius Rufus hatte und stellte die in demsel­ben ausgesprochene Lehre als Mah­nung zur Wohltätigkeit auf. Tinius Ru­fes erzählt er, unterhielt sich mit R. Akiba über die von den Israeliten so gern geübten Werke der Wohltätigkeit. Er fragt: »Wenn euer Gott die Armen liebt, warum ernährt er sie nicht?. Akiba antwortete: »Damit wir Liebes­werke üben und dadurch von der Hölle gerettet werden.« Darauf entgegnet je­ner: »Das bringt euch erst recht in die Hölle! Wenn ein König über einen Sklaven zürnt und ihn ins Gefängnis wirft, wo demselben weder Speise noch Trank gereicht werden soll, würde das kein Verbrechen sein, ihn dennoch zu speisen?« Und von Israel heißt es: »Denn wir sind (die Israeliten) Knechte! « »Doch nicht!«, erwiderte der Rabbi, »höre ein anderes Gleich­nis. Wenn ein König im Zorne seinen Sohn in Gewahrsam bringen lässt mit dem Befehle, ihm keinen Lebensunter­halt zu verabreichen, würde er nicht denjenigen später mit Geschenken überhäufen, der von Mitleid gerührt, dennoch dem Königssohne Speise und Trank gereicht und ihn vom Hunger­tode gerettet hat.« Und die Israeliten sind Kinder Gottes, denn es heißt: »Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes!« (5. M. 14) Man sieht, dass in diesem Gespräch das Judentum mit seiner Lehre: »Leiden sind keine Zei­chen der Verwerfung durch Gott, son­dern Mahnmittel zu unserer Besserung«, dem Heidentum mit seinem Glauben an das Fatum gegenüberge­stellt ist.

6. Demut, Umgang und Reisen. Die Demut empfahl er in dem kurzen Spruch: »Sei demütig vor jedem Men­schen. « Ein anderer Lehrsatz von ihm war: »Schaue nicht auf den Krug, son­dern auf das, was er enthält, denn es gibt manch neuen Krug voll alten Wei­nes, dagegen einen alten, der nicht ein­mal neuen Wein hat.« Wir haben in diesem Spruche die Mahnung, von je­dem Manne, auch von der Jugend Lehre anzunehmen. Als Muster der Demut führt die Agada ihn selbst in folgender Erzählung vor. Eine Frau be­suchte fleißig das Lehrhaus des R. Mair und hörte aufmerksam seinen Vorträ­gen zu. Als sie einmal deshalb spät nach Hause kam, drohte ihr der Mann, sie zu verstoßen, wenn sie nicht den Lehrer, dessen Vorträge sie gehört hatte, siebenmal anspucken werde. R. Mair wurde davon unterrichtet und ließ nicht von der Frau ab, bis sie ihn angespuckt hatte. Über den Umgang mit Menschen hören wir ihn sprechen: »Zogst du in die Stadt, wandle in ihren Sitten, denn auch die Engel, die zu Ab­raham kamen, änderten nichts von der Sitte und aßen mit.. Auf Reisen, mahnte er, soll man sich nicht allein, auch nicht zu zweit, sondern zu dritt begeben, weil ersteres Gefahr, Zweites Zank, aber Drittes nur den Frieden zur Folge haben könne. Begegnete er auf dem Wege einem allein, sprach er: »Friede dir Mann zum Tode!« In Ver­bindung mit noch einem: »Friede dir, Mann zum Zanke!«, und endlich mit zwei: »Friede dir, Herr des Friedens!« Weiter empfahl er, nicht des Nachts, sondern am Tage zu reisen und noch bei Tageshelle ins Gasthaus einzukeh­ren. Er selbst erzählte, dass er auf sei­nen Reisen des Nachts in ein Gasthaus eingekehrt war, dessen Wirt die Gäste beim Einbruch statt auf den rechten Weg zu geleiten, zu Räuberhöhlen führte. Er selbst entkam nur dadurch, dass er das zudringliche Anerbieten des Wirtes ablehnte, indem er ihm sagte, er erwarte morgen seinen Bru­der Kitob (es sei gut!). Des Morgens fragte der Wirt nach dem Eintreffen seines Bruders. »Der Bruder, den ich erwartete«, antwortete er ihm, »das ist der helle Tag, den die Schrift >Kitob<, >denn es ist gut<, nennt, >Gott sah ihn, er war gut.<«

7. Leben, Tod und Vergeltung. Über die Bestimmung des menschli­chen Lebens lautete sein Spruch: »So der Mensch geboren wird, sind dessen Fäuste geballt, als wenn er sagen wollte: >Die ganze Welt gehört mir!<, aber so er stirbt, sehen wir dieselben offen und ausgestreckt, als wenn sie uns zuriefen: >Sehet, nichts nehmen wir mit!. Doch erschien ihm der Tod als etwas Heilvolles für den Menschen. »Siehe, es war sehr gut«, das ist der Tod! In Bezug auf die Vergeltung nach dem Tode war seine Lehre, dass zum Mahle sowohl die Frommen, als auch die Sünder zugelassen werden, beide werden da sitzen, jene zu genießen, aber diese zu hungern und zu darben, denn also heißt es: »Siehe, meine Die­ner werden essen, aber ihr werdet hun­gern; meine Diener werden trinken, aber ihr werdet dursten; meine Diener werden frohen Herzens aufjauchzen, aber ihr werdet im Herzensschmerz aufschreien« (Jesaja 65); d. h., dass die Strafe für den Sünder in der Vergel­tungszeit nach dem Tode in dem Schmerze bestehen werde, nicht des Lohnes der Frommen teilhaftig wer­den zu können. R. Mair lehrte daher noch nichts von den Strafen der Hölle usw.

8. Archäologisches, Palästina. Gott, oder wie es an einer anderen Stelle heißt: »Drei Eigenschaften bezeichnen den Israeliten: Barmherzigkeit, Beschei­denheit und Wohltätigkeit.. Es dürfte nicht uninteressant erscheinen, hier noch andere ähnliche Aussprüche nach ihrer Zeit und ihrer Geschichte kennen zu lernen. Es gab einen Volks- und Ge­setzeslehrer. Von ihm haben wir die Angabe über die Anfänge und die Dauer der Jahreszeiten in Palästina. Dieselbe lautete: »Von der Mitte des Monats Tischri (Oktober, der Monat Marcheschwan (November) bis in die Hälfte von Kislev (Dezember) ist die Staatzeit (Herbst); von dem 15. Kislev, der Monat Tebet (Januar) bis zur Mitte Schabat (Februar) der Winter; von der Mitte Schabat, der Monat Adar (März) bis die Hälfte des Monats Nissan (April) kühle Jahreszeit (Frühling); von der Mitte Nissan, der Monat Jjar (Mai) und die Hälfte des Monats Sivan (Juni) die Erntezeit; von der Mitte Sivan, der Monat Tamus (Juli) und die Hälfte des Monats Ab (August) Sommer; endlich von der Mitte Ab, der Monat Elul (September) bis zur Hälfte Tischri (Ok­tober, Zeit der Hitze oder der Dürre. Er weicht daher von der gewöhnlichern astronomischen Annahme von vier Jahreszeiten ab und nimmt in Betracht des Klimas in Palästina sechs Jahres­zeiten an. Von der Fruchtbarkeit des Bodens Palästinas berichtet er, dass noch zu seiner Zeit ein Acker von ei­nem Bethsaah (Flächenmaß) den Er­trag von 70 lieferte. In Bezug auf die Grenzen Palästinas rechnete er bei Ehe­scheidungssachen Akko als noch zu Palästina gehörig.

III. Weitere Geschichte, Zerwürf­nisse, Reisen, Neumondsbestimmung. Aus seiner weiteren Geschichte haben wir von seinen Zerwürfnissen mit dem Patriarchen R. Simon Sohn Gamliel II. zu berichten. Als Grund dieser Zer­würfnisse wird ein Etikettenstreit an­gegeben, doch mag derselbe ein ande­rer, viel älterer gewesen sein. Nach altem Herkommen war es Sitte, dass das Volk bei öffentlichen Synhedrialsit­zungen beim Eintritt des Patriarchen, Nassi, und der anderen ihm folgenden Würdenträger, als des Abbethdin und des Chacham aufstand, bis ihm sich zu setzten zugewinkt wurde. Bei der Ab­wesenheit dieser zwei letzten Würden­ träger des R. Mair und R. Nathan, setzte der Patriarch in einer Synhedri­alsitzung eine neue Ordnung dieser Eh­renbezeugung durch, nach welcher beim Eintritt des Nassi alle Anwesen­den aufstehen sollten, aber bei dem des Abbethdin (Stellvertreter des Nassi) nur die der ersten Reihen und endlich bei dem des Chacham in abwechseln­der Reihenfolge. Es sollte dadurch die Würde der drei ersten Synhedrialhäup­ter in ihrem graduellen Unterschiede streng gezeichnet werden. In Folge die­ser neuen Ordnung verschworen sich R. Mair mit R. Nathan gegen den Pa­triarchen und beschlossen unter sich, seine Absetzung zu bewirken. Durch schwere, verwickelte Gesetzesentschei­dungen nahmen sie sich vor, ihn in Ver­legenheit zu setzen und seine Unwis­senheit vor dem Volke aufzudecken. Die Tage des R. Gamliel schienen ge­zählt zu sein. Aber zum Glück wurde die Verschwörung dem Patriarchen R. Simon Sohn Gamliels II. entdeckt, so dass derselbe in der nächsten Sitzung gut vorbereitet erschien. Er beantwor­tete zum Erstaunen der Verschworenen die an ihn gerichteten Fragen und drang auf deren Entfernung aus dem Synhed­rion. Beide schieden aus demselben. Aber nur auf kurze Zeit, denn noch ver­standen sie durch schwierige Gesetzes-fragen, die sie auf Zettel schrieben und den Synhedrialmitgliedern zusandten, den Patriarchen verlegen zu machen und ihre Zurückberufung und Wieder­einsetzung zu erzwingen. Dasselbe gelang ihnen vollständig, denn so oft der Patriarch bei solchen Fragen ratlos war, rief das Synhedrialmitglied R. Jose: »Die Thora ist draußen und wir hier! «, womit er auf die zwei aus­geschiedenen Synhedrialhäupter an­spielte. Der Patriarch gestattete darauf ihre Wiedereinsetzung, aber beschloss, dass deren Gesetzesentscheidungen nicht in ihrem Namen genannt werden. R. Nathan tat dem Patriarchen Ab­bitte, dagegen konnte sich R. Mair hierzu nicht entschließen. Diese Un­beugsamkeit hatte später zur Folge, dass er bei einer anderen Streitsache mit dem Banne bedroht wurde. Gegen diese Drohung erhob er sich und er­klärte: »Ich werde mich nicht dem Banne fügen, bis ihr mir darleget, wann, worauf und unter welchen Be­dingungen man den Bann verhängen darf.« Diese gegenseitige Spannung ließ bei dem Sohne des Patriarchen, bei R. Juda I., etwas nach, aber auch die­ser, wenn er auch bei Zitierung dessen Gesetzesentscheidungen seinen Namen »Mair« hinzufügte, konnte sich noch nicht zur Angabe seines Ehrentitels »Rabbi« entschließen. Seine Gesetzes­entscheidungen wurden entweder nur unter dem Namen »Mair« oder »An­dere« verzeichnet. Erst in späterer Zeit wurde dem Namen »Mair« sein wohl­verdienter Titel »Rabbi« auch in der Mischna vorgesetzt. Ob wir mit diesem seinem Streite seine Reise ins Ausland, nach Kleinasien, in Verbindung brin­gen sollen, ist ungewiss. Doch ist sein Aufenthalt im Auslande außer allem Zweifel. In Sardes, der Hauptstadt von Lydien, wo viele Juden wohnten, voll­zog er den Akt der Einsetzung eines Schaltjahres. Auch in Kappadocien hielt er Vorträge; ebenso war er in Ba­bylonien u. a. O.

IV. Familie. Von seinem Familienle­ben wissen wir, dass er die Tochter des Märtyrers R. Chanina Sohn Teradjon hatte, sie hieß Beruria und war wegen ihrer Gelehrsamkeit und Herzensbil­dung weithin gekannt und beliebt. In Folge der hadrianischen Verfolgungse­dikte erlitt sein Schwiegervater, der sich denselben nicht fügen wollte, den Märtyrertod, und dessen Tochter, seine Schwägerin, wurde der Schande preis­gegeben. Diese Schmach beugte ihn tief, er hatte keine Ruhe mehr und machte sich zu deren Befreiung auf. Man erzählt, dass er sich als römischer Ritter verkleidete, die Aufseher bestach und die Gefangene glücklich befreite. Die römischen Behörden, die davon Anzeige erhielten, ließen auf ihn fahn­den, und fast wäre er in ihre Hände gefallen, hätte er sich nicht durch den Genuss von den den Juden verbotenen Speisen unkenntlich gemacht. Aus sei­ner Ehe erhielt er zwei Söhne, die in ihrem Jugendalter an einem Shabbath in einen Brunnen fielen und starben. Diesen Unfall hätte der ohnedies sehr geprüfte Mann kaum ertragen, hätte ihn nicht seine edle Frau, die feinfüh­lende Beruria in schonender Weise dar­auf vorbereitet. Am Shabbathausgang kehrte der Mann aus dem Lehrhause, nichts Böses ahnend, nach Hause und suchte beim Segensspruche seine zwei Söhne. Da trat die Gattin zu ihm und fragte: »Meister, ein Kleinod gab mir jemand zur Aufbewahrung, soll ich es ihm zurückgeben? »Richtest du, lie­bes Weib, darüber erst eine Frage, und hast es noch nicht getan!« »Es ist ge­schehen, mein Lieber! « antwortete sie, und führte ihren Mann an ein Bett, wo die Leichname seiner zwei Söhne dala­gen. Beide weinten, aber bald ermannte sich R. Mair und sprach ruhig die Worte: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gepriesen! «

V. Tod, Würdigung, Schüler, Lehrer, Lehrweise. R. Mair starb in Sardes und befahl, dass man seinen Sarg an den Rand des Meeres setze, damit derselbe wenigstens mittels des Meeres mit Pa­lästina in Verbindung gebracht werde. Wir erkennen in diesem seinem letzten Wunsch seine heiße Liebe für Palästina, sein Vaterland, in dessen Erde zu ruhen ihm nicht gegönnt gewesen. Spöttisch machten sich darüber die jüdischen Be­wohner von Sardes lustig und riefen den Palästinensern zu: »Da ist euer Messias! « Seine wohlverdiente Würdi­gung machte sich immer geltender. »Da R. Mair starb, hörten die Gleichnis-und Fabeldichter auf.« R. Jose, sein Zeitgenosse, rühmte von ihm in Sepho­ris: »Ein großer Mann, ein heiliger Mann war er! « Man zitierte gern seine Lehren in der Halacha und Agada. Von seinen Schülern war es besonders Sym­machos, der die halachische Disputier-methode seines Lehrers sich aneignete. Doch war dieselbe in Palästina nicht beliebt, man sprach sich tadelnd über dieselbe aus: »Die Schüler des R. Mair wollen nicht die Wahrheit, sondern su­chen nur zu disputieren und zu strei­ten! « Dagegen waren die Gelehrten in Babylonien für dieselbe empfänglicher, wo sie im vierten Jahrhundert n. in der Lehrweise des Gesetzeslehrers »Abaji« ihre volle Blüte erreicht hatte.