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Mensch | Talmud

Mensch

Posted 2 mos ago

I. Gestalt, Wesen und Symbol. Die heilige Schrift hat in den ersten Kapi­teln ihres ersten Buches die Berichte von des Menschen Schöpfung, seinem Wesen und seiner Aufgabe; es ist die höchste Würdigung, die ihm werden kann. Die Schöpfungsgeschichte schließt mit dem Menschen ab; sie ist seinetwegen da, wird in Bezug auf ihn erzählt und dargestellt; er bildet ihren End- und Zielpunkt. Wir haben in ih­ren zwei Erzählungen von der Schöp­fung des Menschern zugleich auch die Schilderung seiner Gestalt und seines Wesens. Nach der ersten Erzählung in 1. M. 1. 26. 28. hat des Menschen Ge­stalt und Wesen Gottähnlichkeit, eine Zeichnung, die ihn über die Tierwelt erhebt, ihn gleichsam zum Herrscher derselben macht. Worin diese Gottähn­lichkeit oder Ebenbildlichkeit Gottes bestehe, darüber stellen die Exegeten verschiedene Meinungen auf. Nach denselben sollen es bald des Menschen geistige Fähigkeiten, bald seine leibli­che Gestalt in ätherischer Verklärung bei Gott, oder die Herrschaft des Men­schen über die Tiere, auch nur sein Geist, seine freie Persönlichkeit u. a. m. sein. Vergleichen wir hierzu die zweite Erzählung von des Menschen Schöp­fung in 1. M. 2. 7: »Der Ewige, Gott, Elohim, bildete den Menschen aus Staub von der Erde und blies in seine Nase den Lebensodem, da ward der Mensch ein lebendiges Wesen«, so scheint es, als wenn wir in derselben eine Ergänzung des ersten Berichts ha­ben. Der Geist in Verbindung mit dem Leib macht den ganzen Menschen, seine Hoheit und Würde, seine Got­tähnlichkeit aus. So wird der Mensch als ein Dualismus, ein aus Geist und Leib zusammengesetztes Wesen ge­dacht. In der Verbindung und dem Zu­sammenwirken beider Teile ist der ganze, gottähnliche Mensch; aber in der Trennung derselben seine Vernich­tung, der Tod. Im Geiste ist der Sitz der Intelligenz, und der Leib mit seinen verschiedenen Organen ist es, wo der Geist mit seiner Intelligenz mehr oder weniger zum Vorschein tritt, sich wirk­sam offenbart. Von diesen leiblichen Organen kommen in dem biblisch-tal­mudischen Schrifttum vor: das Gehirn als Zentralorgan des Nervensystems, das Herz, die Nieren u. a. m. Von den anderen Teilen und Gliedern des menschlichen Körpers kennt man die Luft- und Speiseröhren; die Kehle und den Kehldeckel; die Lunge mit ihren Teilen oder Lungenlappen; die Luft­röhren in derselben; die Speiseröhre oder den Schlund; den Magen, die Ein­geweide, die Leber, die Galle, die Milze, die Nieren, die Wasserblase, die Andern, die Pulsader, die Sprengader; die zwei großen Halsadern, die Blutadern, die Nerven mit ihrem Knotenpunkt u. a. m. Die äußeren Teile und Glieder sind: der Kopf, die Hirnschale, Schä­del, die Stirn, die Schläfen, das Gesicht, die Gesichtsgestalt, das Auge, die Au­genwimpern, der Augapfel, die Pupille, das Dunkel im Auge, die Augenbrauen, die Nase, die Nasenlöcher, die Scheide­wand in der Nase, der Mund, die Lip­pen, die Kinnbacken, die Zähne, die Zunge, der Gaumen, die Ohren, die Haut, das Haar, der Hals, das Genick, die Wirbelsäule, auch Rückensäule, der Markstrang, die Brust, die Arme, Hände, die Finger, die Nägel, die Rip­pen, der Bauch, die Genitalien, die Füße, die Knie u. a. m. Von den Säften und Exsekrationen kommen vor: das Blut; die Galle; die Milch; das Fett; der Speichel; der Geifer; der Rotz; die Trä­nen; die Ohrenflüssigkeit u. a. m. Über die Tätigkeit der menschlichen Organe im Allgemeinen bringen wir die Stelle in Psalm 115. 5: »Sie (die Götzenbil­der) haben einen Mund und reden nicht; Augen und sehen nicht; Ohren und hören nicht; Nase und riechen nicht; Hände und tasten nicht; Füße und gehen nicht, und sie sprechen nicht mit ihrer Kehle. « Hieran reihen wir die Aussprüche Jesaja 6. Io: »Verstockt ist das Herz dieses Volkes, seine Ohren sind taub und seine Augen geblendet, dass es nicht mit seinen Augen sehe und mit seinen Ohren höre und mit sei­nem Herzen verstehe! « Ferner: »Sie er­kennen nicht und verstehen nicht, denn verschmiert sind ihre Augen, um zu se­hen, ihr Herz, um zu betrachten. « Wir haben schon in diesen Angaben die geistige Tätigkeit von der bloß leibli­chen zu unterscheiden. Aus dem Tal­mud gehören hierher die Aussprüche: »Die Nieren raten, das Herz versteht oder empfindet, die Zunge legt (das Wort) zurecht und der Mund spricht es aus; der Schlund bringt die Speisen he­rein, aus der Luftröhre tönt die Stimme, die Lunge schöpft oder saugt die Flüs­sigkeiten auf, in der Leber ist der Sitz des Zornes, die Galle lindert ihn durch ihren Tropfen, den sie der Leber zu­führt, die Milz erregt das Lachen, der Magen zerreibt die Speisen, auch bringt er (gefüllt) den Schlaf, die Nase macht (durch ihr Niesen) den Menschen mun­ter.« Deutlicher ist diese Angabe in ei­ner anderen Stelle: »Zehn Gegenstände sind zum Dienste des Menschen: der Schlund bringt die Speise, die Luftröhre die Stimme, die Leber den Zorn, die Lungen die Feuchtigkeit, der Magen zermalmt, die Milz bringt das Lachen, der Magen (gefüllt) den Schlaf, die Galle den Eifer und den Neid (nicht so früher), die Nieren die Gedanken, das Herz beschließt, aber die Seele ist über diese alle erhaben.« Wir lesen ferner: »Von allem, was du (Gott) am Men­schen geschaffen, ist nicht eins zweck­los: die Augen sind zu sehen, die Ohren zu hören, die Nase zu riechen, der Mund zu reden, die Hände zu arbeiten, die Füße zu gehen, die Brüste ein Kind zu säugen usw.« Eine andere Stelle hat darüber: »Die Wächter, die Beschützer des Hauses (des menschlichen Kör­pers), das sind die Flanken und Rippen; die tapferen Männer sind die Schenkel; die Schleusen oder Fenster, die Augen; die Türen zur Straße, die Röhren zum Auswurf der Exkremente; die Mühle, das ist der Magen usw. « Weiter wird der Speichelquell in der Kehle mit der Bestimmung bezeichnet, die Speisen zu bewässern. Im Ganzen heißt es von der menschlichen Gestalt: »Der Mensch hat vier Schöpfungen von oben (den Himmelswesen) und vier von unten (den Tieren). Vier von oben: sein Gang ist aufrecht, er hat Sprache, besitzt Ver­nunft und Sehkraft. Vier von unten: er isst und trinkt, vermehrt sich, wirft aus und ist sterblich.« So wird der Mensch als Mittel- und Vereinigungspunkt der Träger des Oberen, der Himmelswe­sen, und des Unteren, der Tiergestal­ten, betrachtet. »Die Oberen (die Him­melswesen)«, lehrte R. Acha, »sind in Gottähnlichkeit geschaffen, aber sie vermehren sich nicht; die Unteren (die Tiere) vermehren sich, aber sie haben keine Gottebenbildlichkeit. Da schuf Gott den Menschen nach der Gottähn­lichkeit der Oberen und mit der Befä­higung, sich fortzupflanzen, von den Unteren.« Auch der Zweck derselben, wie der Mensch durch sie das sittliche Leben oder den sittlichen Tod erhalte, wird in dieser Vereinigung gefunden. »Gott sprach«, heißt es, »erschaffe ich den Menschen von den Oberen allein, werde er immer leben und nie sterben, von den Unteren, könnte er nur ster­ben, aber nie zum (ewigen) Leben ge­langen. Ich erschaffe ihn daher von den Oberen und den Unteren, so dass er sterbe, wenn er sündigt, lebe, wenn er nicht sündigt.« Als besonders merk­würdig werden die Merkmale hervorgehoben, durch welche die Menschen trotz ihrer Ähnlichkeit doch verschie­den erscheinen. R. Mair (im 2. Jahrh. n.) hat darüber die Lehre: »Durch drei Gegenstände unterscheidet sich der Mensch von dem andren, durch die Stimme, die Gesichtsfarbe und die Ge­sinnung. « In dem Ausspruch eines an­deren wird hierzu noch die Anmut oder die Lieblichkeit als ein Viertes gerech­net. Die Verschiedenheit wird als eine der Wundertaten Gottes gerühmt, wo­durch sich sein Werk von dem des Menschen unterscheidet. »Der Mensch bildet in einer Form viele Bilder, sie alle haben eine Gestalt, aber Gott bildet die Menschen nach der einen Form des Ur­menschen, und der eine ist dem ande­ren nicht gleich.« Einen viel weiteren Spielraum gewährte die Aufstellung ei­ner Symbolik des menschlichen Kör­pers und seiner einzelnen Teile. Wie Philo als Symbol des Leibes in seiner den Geist herabziehenden, ihm feindli­chen Äußerung das Land Ägypten auf­stellt, so heißt es im Talmud: »Den Leib Adams schuf Gott aus Babel (d. h. er repräsentiert Babel), den Kopf, als Sitz der Intelligenz, von Palästina, und die anderen Glieder von den übrigen Ländern.« Schon in diesem kleinen Ausspruch haben wir die Aufstellung des Menschen als Bild der Welt im Kleinen, Mikrokosmos, ein Thema, welches bei den Agadisten sehr beliebt war und in den späteren Midraschim oft wiederholt wird. »Alles«, heißt es, »was Gott in der Welt schuf, bildete er am Menschen. Der Himmel, das ist der Kopf des Menschen; die Sonne und der Mond, das sind dessen Augen; die Sterne, das sind die Haare usw.. Eine andere Stelle hat darüber: »Gott bil­dete den Menschen nach der Gestalt der Welt. Die Waldungen, das sind die Haare; die Späher, das sind die Ohren; die Sonne, das ist des Menschen Auge; die Ströme, das sind die Tränen; süßes Wasser, das ist der Speichel im Munde; der König der Welt, das ist der Kopf; die Räte,' das sind die Nieren; die Mühle, das ist der Magen; die Bäume, das ist das Knochengerüst« u. a. m. In einer dritten Stelle wird nachgewiesen, dass die Bibel die menschlichen Be­zeichnungen: Kopf oder Haupt, Augen, Ohren, Mund, Hände, Hüften, Nabel, Blöße, Füße, Essen, Trinken, Ausschei­den — auch für die Erde hat. Interessant ist die Aufstellung der im Altertum ge­kannten zwölf Planeten als Bilder der verschiedenen Lebensstufen des Men­schen. So ist der Widder das Bild des Kindesalters; der Stier des Jugendal­ters; die Zwillinge des Alters, wo neben dem guten der böse Trieb im Menschen sich regt; der Krebs der ersten Zeit in diesem Kampfe des erwachten Dualis­mus usw. Ein anderer Agadist hat für eine Siebenteilung des menschlichen Lebens folgende Bilder. »Es gleicht der Mensch den Tag nach seiner Geburt ei­nem Könige, alles drängt sich heran, ihn zu küssen und zu lieben; zu zwei Jahren einem Schweine, da er auf der Erde kriecht und im Schmutz spielt; einem Böcklein im darauf folgenden Kindesalter, wo er freudig hilft und springt; einem Füllen, wenn er acht­zehn Jahre geworden und als Jüngling auf den Straßen sich zeigt; einem Esel zum Lastentragen im ersten Teil des Mannesalters, wenn Frau und Kinder ihn umgeben und er für sie Nahrung herbeischaffen soll; im zweiten Teil desselben (in der sechsten Welt oder Lebensstufe) einem Hunde, der frech entreißt und heimbringt; im späten Al­ter endlich (im Greisenalter) einem Af­fen, da seine Gestalt gekrümmt ist, er nach allem frägt, isst und trinkt gleich einem Kinde.«

II. Seine Würde, Aufgabe und Be­stimmung. Auch des Menschen Würde, Aufgabe und Bestimmung ist in den oben zitierten zwei Berichten über die Schöpfung des Menschen deutlich aus­gesprochen. Der Mensch ist nach dem ersten Bericht in 1. M. 1. 26 nach Got­tes Ebenbildlichkeit geschaffen, er al­lein unter den Geschöpfen ist Träger der Gottähnlichkeit. Sie macht des Menschen Hoheit und Würde aus, an welche sich zugleich seine Aufgabe und seine Bestimmung knüpfen. Es heißt daselbst: »Und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, das Geflü­gel des Himmels, das Vieh, über die ganze Erde, über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht.« »Und Gott (Elo-him) segnete sie und sprach zu ihnen: seid fruchtbar und vermehret euch, fül­let die Erde und bezwingt sie, herrschet über die Fische des Meeres, das Geflü­ gel des Himmels, alles Getier, das auf der Erde kriecht.« Die Aufgabe und Bestimmung des Menschen ist die Be­herrschung der Tierwelt und die Kulti­vierung der Welt. Letzteres ist in dem Ausdrucke: »und bezwinget sie« aus­gesprochen. Der zweite Bericht 1. M. 2. 7 lässt zwar den Menschen aus Staub gleich den anderen Geschöpfen er­schaffen, aber es wird in ihn ein göttli­cher Lebensodem, eine Seele, einge­haucht; er wird durch sie gottähnlich. Zum Unterschiede von dieser Men­schenschöpfung heißt es daselbst von der Schöpfung der Tiere, dass sie auch von der Erde gebildet wurden, aber ohne Einhauchung des göttlichen Le­bensgeistes. Die Hoheit und Würde des Menschen ist demnach, dass er einen Gottesodem in sich trägt, Vernunft und Freiheit besitzt. Auch hier wird an diese Vorzüge des Menschen dessen Aufgabe und Bestimmung geknüpft. Der Seufzer des Berichterstatters: »Und der Mensch war nicht da, den Boden zu bearbeiten! « in Verbindung mit der darauf folgenden Angabe: »Der Ewige, Gott, nahm den Menschen und führte ihn in den Garten Eden, ihn zu bear­beiten und ihn zu hüten«, sowie die Erzählung von der Namenerteilung des Menschen an die Tiere geben die Auf­gabe des Menschen in Folge seiner geistigen Vorzüge an, die Verbreitung von Kultur auf der Ede. Der Mensch mit seinen geistigen Anlagen ist von Gott in die Mitte der ihn umgebenden Geschöpfe gesetzt, um sie vernunftgemäß zu beherrschen und zu genießen. Der Psalmist besingt diese Hoheit und Bestimmung des Menschen in Psalm 8: »Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, der Erdensohn, dass du dich seiner annimmst. Du setzt ihn den En­geln wenig nach; mit Hoheit und Würde kröntest du ihn. Du machtest ihn zum Herrscher über deiner Hände Werke, alles legtest du zu seinen Füßen. Schafe und Rinder, auch das Wild des Feldes. Die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres; er bahnt sich Wege durch das Meer. Herr, unser Gott, wie verherrlicht wird dein Name auf der ganzen Erde!« Neben dieser einen Auf­gabe des Menschen für die Welt wird auch von seiner zweiten gesprochen, von der Arbeit an seiner religiös-sittli­chen Bildung, der Verwirklichung der ihm verliehenen Gottähnlichkeit an sich selbst. Auch diese finden wir in den Erzählungen von dem Sündenfall, seiner Austreibung aus dem Garten Eden, der Sündflut, der Ausartung des Menschengeschlechts und der allmäh­lich erwachten Erkenntnis Gottes und der religiös-sittlichen Besserung des Menschen ausgesprochen. Des Psalmis­ten Ruf darüber lautetet »Der Mensch in seiner Würde und unverständig, er gleicht dem Vieh und geht unter!« So mahnen die Sprüche Salomos: »Heil dem Menschen, der Weisheit gefunden, dem Erdensohn, der Vernunft verbrei­tet«; »Heil dem Menschen, der auf mich hört, an meinen (Weisheit-)Pfor­ten tagtäglich zu wachen, zu hüten die Pfosten meiner Eingänge. Denn wer mich findet, findet Leben; er erhält Wohlgefallen von dem Ewigen.« Das Buch Koheleth schließt mit den Wor­ten: »Das Ende der Sache, das Ganze lasset uns vernehmen: Gott fürchte und seine Gebote beobachte, denn das ist der ganze Mensch! « Deutlicher als hier sind ähnliche Mahnungen in den Leh­ren des Talmuds. Von R. Akiba, dem Lehrer im ersten Jahrhundert n., ist der Ausspruch: »Geliebt ist der Mensch, dass er im Gottesebenbilde geschaffen wurde; eine vorzügliche Liebe war es, dass ihm bekannt geworden, er sei im Ebenbilde Gottes geschaffen«, denn es heißt: »Im Ebenbilde Gottes hat er den Menschen gemacht (1. M. 9. 6.).« Es ist unzweifelhaft, dass in dem zweiten Teil dieses Satzes, von dem Bewusst-werden des Gottesebenbildes, auf die Lebensführung nach demselben hinge­zielt wird. Was dieser Lehrer andeutet, das spricht sein Zeitgenosse Ben Asai deutlich aus: »Der Abschnitt von der Geschichte des Menschen (1. M. 5. 1 ) ist das große Grundgesetz in der Thora.« Hierher gehört die Lehre eines Dritten, des R. Jakob: »Und herrschet über die Fische des Meeres (1. M. 1. 28); nur der, welcher nach Gottes Eben-bilde lebt, herrsche, aber wer nicht in demselben ist, werde beherrscht«; oder: »Es komme der im Gottesebenbilde und herrsche über die, welche keine Gottähnlichkeit haben.« Am deutlichs­ten wiederholt sich diese Mahnung in dem Lehrsatz eines Vierten, R. Chanina: »Ist der Mensch tugendhaft, herrscht er, wo nicht, sinkt er.« Nicht uninteressant ist eine hierher gehö­rende Lehre darüber, in der vom Men­schen unter dem schon oben erwähn­ten Bilde des Mikrokosmos gesprochen wird: »Es gab eine kleine Stadt, in der nur wenige Männer waren. Gegen die­selbe zog einst ein großer König, der sie umringte und große Wälle um sie aufwarf. Doch befand sich in derselben ein dürftiger, weiser Mann, der die Stadt mit seiner Weisheit rettete; aber kein Mensch dachte dieses Armen.« »Eine kleine Stadt«, heißt es in Bezug darauf, das ist der menschliche Körper; »die Männer darin waren wenig«, das sind dessen Glieder; »der König, der sie belagerte«, das ist der böse Trieb im Menschen; »der große Wälle um sie aufwarf«, das ist die Sünde; »ein armer weiser Mann«, das ist der gute Trieb; »er rettete die Stadt durch seine Weis­heit«, das sind Buße und gute Werke; »mehr als die zehn Herrscher«, das sind die zwei Augen, die zwei Ohren, die zwei Hände, die zwei Füße, der Kopf und der Mund.

III. Geschichte und Entwicklung. Die Geschichte des Menschen wird in dem biblischen und nachbiblischen Schrifttum mehr in Bezug auf seine sittliche, als auf seine ethnische Ent­wicklung gegeben. Das heidnische Al­tertum hat die Sage von einem golde­nen Zeitalter für die erste Epoche der Welt- und Menschenentwicklung. Alles war erst in höchster Vollendung; später jedoch verlor sich dieselbe; die Welt und die Menschen wurden immer schlechter, bis sie den Stand der Gegen­wart erreicht hat. Es war eine Entwick­lung von oben nach unten, vom Besse­ren zum Schlechteren. So werden vier Hauptepochen in dieser abwärts ge­henden Geschichte, vier Zeitalter un­terschieden: das goldene, silberne, eherne und eiserne Zeitalter. Gegenüber dieser Annahme ist die Vorstellung von der allmählichen Entwicklung von un­ten nach oben, von dem Schlechteren zum Besseren, es ist die der Naturwis­senschaft und der mit ihr im engsten Zusammenhang stehenden Philosophie. Die Bibel bringt in dem zweiten Kapi­tel ihres ersten Buches die Erzählung vom Paradies als der ersten Aufent­haltsstätte des ersten Menschen, von wo er durch den Sündenfall ausgetrie­ben und zur Arbeit und Qual verdammt wurde. Neben dieser Angabe, welche der obigen Sage vom goldenen Zeital­ter gleicht, hat auch die zweite Vorstel­lung daselbst ihre volle Vertretung. Der Mensch war vom Anfange nicht im Zustande einer religiös-sittlichen Voll­endung; dieselbe wurde allmählich er­rungen. Diese letztere Ansicht ist in dem biblischen Schrifttum die vorwie­gende, während erstere weiter nicht in Betracht kommt. Allmählich werden die Menschen der Gotteserkenntnis und mit ihr der Tugend näher gebracht. Die Erwählung Abrahams und nach ihm von dessen Nachkommen, das Volk Israel, Moses und die Propheten hatten die Bestimmung, dieses große Werk zu vollbringen. Das goldene Zeit­alter, das im heidnischen Altertum an den Anfang der Welt gesetzt wird, wird hier als Schlussstein der religiös-sittli­chen Entwicklung verkündet. Die Pro­pheten Mich 4 und Jesaja 11 entwerfen das Bild hierzu, welches als Zukunfts­ideal für die Menschheit aufgestellt wird. Wir haben darüber ausführlich in den anderen Artikeln gesprochen und erwähnen hier nur noch, dass in den Erzählungen vom Paradies, dem Sündenfall, der Austreibung aus dem Garten Eden und der späteren Zeich­nung der vielen Verirrungen durch Götzendienst usw. bis zur endlichen Einlenkung zur Wahrheit und Gottes­erkenntnis uns das Bild der Erziehung, Bildung und Entwicklung des Men­schen in seinen verschiedenen Lebens­epochen: des Elternhauses, des Austrit­tes aus demselben, des Eintrittes in die Welt, der verschiedenen Fehltritte, der endlichen besseren Erkenntnis und Besserung vorgeführt wird.