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Nassi | Talmud

Nassi

Posted 4 mos ago

Fürst, Synhedrialfürst, Patri­arch; Nassioth, Fürsten- oder Patri­archenwürde. In der Angabe der mit Namen bezeichneten Würde nebst den Rechten und Pflichten, die mit dersel­ben verbunden waren, haben wir die biblische Zeit von der nachbiblischen zu unterscheiden. In der biblischen Zeit führten diesen Namen: der König oder der Regent, die Häupter der Stämme und der Familien, als deren Vorsteher und Vorgesetzten, auch der Heeresfüh­rer. So gab es innerhalb der Volksgemeinde einen Fürsten, das Oberhaut des ganzen Volkes, als den König und den Regent; ferner Fürsten der Stämme, Fürsten der Vaterhäuser, die zusammen »die Fürsten Israels« oder »die Fürsten der Gemeinde« oder Berufene der Ge­meinde hießen und gewissermaßen ei­nen Senat bildeten und über wichtige Angelegenheiten berieten. Der König oder der Regent wurde als das Ober­haupt derselben betrachtet, dem diese mit ihrem Rat in der Regierung beistan­den. So bildeten sie in schweren Zeiten einen Ratskörper, überwachten die Tempelschätze und galten als die Volks­vertreter. In Kriegszeiten führten sie das Volk in den Krieg und befehligten das Heer. Sie erfreuten sich der höchsten Achtung und das Gesetz bestimmt von ihnen: »Und einen Fürsten unter dei­nem Volke sollst du nicht fluchen.. Eine andere Bewandtnis hat es mit die­sem Namen in der nachbiblischen Zeit während des zweiten jüdischen Staats-lebens in Palästina und nach demselben bis zur Hälfte des fünften Jahrhunderts n. Den Namen »Nassi«, Fürst, führt neben dem Regenten nur der Vorsit­zende des hohen Staatsrats, des unter der Syrerherrschaft gebildeten Synhed­rion. Diese Synhedrialfürsten oder Syn­hedrialpräsidenten beginnen im Jahre 180 v. mit Antigonos aus Socho und schließen mit dem Tode des Gamliel des Letzten im Jahre 425; sie nehmen also einen Zeitraum von 605 Jahren ein und waren, wenn wir sie einzeln nen­nen:

I. Antigonos aus Socho (180 v.); 2. Jose den Joeser (gegen 170 — 162. v.); 3. Josua den Perachja (130 v.); 4. Juda ben Tabai (80 v.); 5. Schemaja (60 — 35 v.); 6. die Bne Bathyra von 35 — 30); 7. Hillel I (30 v. bis 10 n.) ; 8. Simon I (10 — 30 n.); 9. Gamliel I (30 — 50); 10. Si­mon II (50 — 70 n.); 11. Gamaliel II von Jabne (80 — 116 n.); 12. Simon III ben Gamliel (140 — 163 n.); 13. R. Juda I. (163 — 193); 14. Gamliel III (193 — 220); 15. Juda II Nessia (220 — 270), Zeitgenosse von R. Jochanan und R. Simon ben Lakisch; 16. R. Gamliel IV (270 — 300); 17. Juda III (300— 330 n.), Zeitgenosse von R. Ami und R. Assi, R. Seira und R. Mani; 18. Hillel II (330 — 365 n.), bekannt durch seine Kalenderberechnung (s. Kalen­der); er hatte die Ehre, von dem Kaiser Julianus in dem Briefe an ihn »Bruder« angeredet zu werden; 19. Gamaliel V (365 — 385), derselbe wurde vom Kai­ser Theodosius dem Großen gegen den Konsular Hesichius, mit dem er in Streit lag, in Schutz genommen; 20. Juda IV (385 — 400), und 21. Gamliel der Letzte (400 — 415), den der Kaiser Theodosius II in einem Edist vom 17. Oktober 415 n. seiner Würde als Patri­arch enthoben hat, und im Jahre 416 in einem Dekret befohlen, dass die Pa­triarchengelder für den kaiserlichen Schatz eingezogen werden. Ob sämtli­che hier aufgezählten Synhedrialpräsi­denten von diesem mit der Präsidentur des Synhedrion verbundenen Nassi-Ti­tel Gebrauch machten und nach dem­ selben genannt wurden, ist unbekannt, wenigstens kommt in den Berichten über die sechs ersten Synhedrialpräsi­denten nichts davon vor. Hillel I ist der Erste, den das jüdische Schrifttum mit diesem Epitheton belegt, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die früheren den Titel »Nassi« führten, da derselbe mit der Synhedrialpräsidentur verbunden war, doch traten jene mit demselben weniger hervor, als die Hil­leliten, die sich von davidischer Ab­kunft hielten. Diese den Titel »Nassi« (Fürst) führenden Synhedrialpräsiden­ten standen beim Volke in höchstem Ansehen. Unzufrieden mit den letzten Hasmonäern, später gekränkt durch die Gewaltherrschaft Herodes I, ver­zweifelt über die verunglückten Frei­heitskriege gegen die römische Herr­schaft in Palästina wendete es diesen Synhedrialfürsten seine volle Liebe und Verehrung zu. Und sie waren dessen nicht unwürdig; in den von ihnen her­vorgerufenen Institutionen, wie wir dieselben weiter kennenlernen werden, offenbart sich das für das Volkswohl warm schlagende Herz. Man erzählt, dass das Volk, als es am Schlusse eines Versöhnungstages im Begriffe war, wie immer den Hohenpriester nach Hause zu begleiten, und die zwei Synhedrial­häupter Semaja und Abtaljon erblickte, sofort den Hohenpriester verließ und diese Lehrer begleitete. Als man das Volk darüber zu Rede stellte, lautete seine Antwort: »Möge es denen wohl gehen, die keine Ahroniden (Priester) sind und doch Friedenswerke eines Ahrons (des Priesters) vollziehen!« Aber nicht 61°8 innerhalb des israeliti-schen Volkes, sondern auch außerhalb desselben, auch bei den römischen Pro-kuratoren Palästinas, ja sogar bei den Kaisern Roms nach der Auflösung des jiidischen Staates erfreuten sie sich des höchsten Ansehens. Die römische Herrschaft in Palästina erkannte die Synhedrialfürsten in ihrer amtlichen Würde an. Man nannte sie zwar nicht Principes, was dem hebväischen »Fürs-ten«, • am entsprechendsten gewesen wäre, sondern »Patriarchae illustres., »erlauchte Patriarchen«, weil dies für die Anerkennung ihrer geistlichen, reli-giösen Wiirde besser passte, als das Principes, das auch die einer weltlichen Herrschaft miteinschliegt. Ein anderer Titel, den man ihnen beilegte, war: »Erectus fastigio dignitatum«, »Erha-ben auf der höchsten Stufe der War-den.« Der Kaiser Julian ging noch wei-ter und redete den Patriarchen Hillel II mit »Bruder«, in seinem Briefe an ihn an. Mit einer gewissen Genugtuung und innern Zufreidenheit sah in ihnen der jüdische Volksgeist die königlichen davidischen Abkömmlinge, an denen sich die göttliche Verheißung erfiillt: »Es wird nicht das Scepter von Juda weichen, und der Gesetzgeber nicht von seinen Füßen (Nachkommen), bis er kommt nach Silo, nach welchem die Völker sich sehnen.« Mit den Exilar-chen in Babylonien, die ebenfalls davi-discher Abkunft gehalten wurden und mit fürstlicher Macht sich in ihrer Herrschaft über die Juden behaupte-ten, werden sie als die siegreichen Kämpfer gegen die finstern Mächte der Nacht des Heidentums betrachtet, die in Jakobs Kampf gegen die Mächte der Nacht (1. M.) vorgebildet sind. Ihre Tätigkeit war, wie die des Synhedrion überhaupt, ein mehr religiöser als welt-lich politischer Akt. Sie waren die Leh-rer, Ausleger und Hiiter des Gesetzes; sie hatten die Anträge an das Synhed-rion zu stellen, die zur Verhandlung kommenden Gegenstände demselben vorzulegen, den Beschlüssen dieser Kör-perschaft die gesetzliche Kraft zu verlei-hen und sie der Offentlichkeit zu iiber-geben. Die Bestimmung der Neumonde und Feste, sowie die Einsetzung eines Schaltjahres konnte ohne sie oder ohne ihre Einwilligung nicht vorgenonunen werden. Sonst gingen auch von ihnen zeitweilige Gesetzesdispensationen und geweisse Gesetzesinstitutionen aus u. a. m. Die öffentliche Ehrenbezeugung, die dem Synhedrialfürsten zu Teil wurde, war, dass man vor ihm bei seinem Ein-tritt in die Synhedrialsitzung aufstand. Der Patriarch R. Simon II Sohn Gamliels II, setzte die Ordnung durch, das zur Kennzeichnung des Standesunter-schiedes zwischen dem Synhedrialfürs-ten und dem Abbethdin (dem Gerichts-präsidenten und Stellvertreter des Nassi) und dem Chacham (vortra-gendem Rat) das Aufstehen aller An-wesenden nur vor dem Synhedrialprä-sidenten geschehen soll, dagegen brauchten vor dem Abbethdin nur die Männer der ersten Reihe und vor dem Chacham die in abwechselnder Rei­henfolge sich zu erheben. Ebenso soll man vor dem Nassi auf der Straße oder an andern Orten aufstehen und sich nicht früher setzen, bis derselbe nicht mehr gesehen wird. Es dürfte nicht un­interessant sein, die Tätigkeit und die Verdienste dieser Synhedrialfürsten hier kurz zu skizzieren. Die ersten zwei: Antigonos aus Socha und Jose ben Joe-ser gehören der Zeit der Wühlereien der Hellenisten und der gegen sie sich erhebenden Chassidäer an, in den letz­ten Jahren der Syrerherrschaft und am Anfange der makkabäischen Erhebung. Beide Parteien standen sich feindlich gegenüber, und der Synhedrialfürst An­tigonos steht in der Mitte beider und versucht nach beiden Richtungen hin versöhnend zu wirken. Sein uns erhal­tener Lehrspruch, vielleicht die Devise für seine Amtstätigkeit, ist gegen beide Richtungen, will den feindlichen An­griffen beider die Spitze abbrechen. Der glaube an eine göttliche Vergel­tung, dieses Panier der Chassidäer, und die völlige Leugnung desselben bei den Hellenisten bilden die Unterlage dieses Lehrspruches, der beiden Aufklärung über ihr Treiben geben sollte. »Seid nicht, ruft er ihnen zu, wie die Knechte, die ihrem Herrn des Lohnes wegen die­nen, sonder gleichet denen, die ihrem Herrn dienen ohne die Absicht, Lohn zu empfangen; es sei über euch die Ehr­furcht vor dem Himmel (Gott)!« Antigonos zeichnet sich hier als Anhänger der Mittelpartei, der Gerechten oder Gesetzesgerechten, deren Vorbild der Hohepriester Simon der Gerechte ge­wesen, von dem bekanntlich er seine Lehren erhalten hat. Wie weit er in sei­ner Zeit mit dieser vermittelnden Rich­tung wirkte, ist uns unbekannt, aber er hat sicherlich schon damals den Grund­stein zu dem spätem Aufbau des Ju­dentums unter den Hasmonäern gelegt, der aus der Vereinigung dieser beiden extremen Richtungen, der Hellensiten und Chassiadäer, hervorging. Der zweite Synhedrialfürst, der auf ihn fol­gende Jose ben Joeser, wirkte in der schon weiter vorgerückten Zeit der Entartung und Verräterei der Hellensi­ten; seine Tätigkeit wendet sich daher gegen dieselben. Die Chassidäer waren zum großen Teil zu den Schaaren der Hasmonäer geeilt, um mit ihnen die durch die Syrer vernichtete Kultusfrei­heit und nationale Selbständigkeit wie­der zurückzuerobern, man konnte mit ihnen, trotz ihrer Extravaganzen, zu­frieden sein. Sein Wort an die Hellenisten war daher, wie wir dies aus seinem Lehrspruche ersehen, nicht fortan zu den Griechen, sondern zu den Lehrern des Judentums in die Schule zu gehen, das allein könne das Volkswohl be­gründen und dem Israeliten Heil brin­gen. Dieser Lehrspruch lautet: »Dein Haus werde ein Sammelhaus für die Chachamim, Weisen, Gesetzeslehrer, bestäube dich mit dem Staub ihrer Füße und trinke mit Durst ihre Worte.« Seine andere Tätigkeit nach dieser Richtung war die entgegengesetzte von den Hellenisten, die Trennung von den Heiden. Er traf die Anordnung, dass die Erde im Auslande und das Glasge-schirr als unrein gehalten werden. Wis. erkennen in ihm den Stocknationalen, der von keinem Ausgleich zur Hälfte mit den Hellenisten wissen wollte, son-dern auf ihre völlige Bekehrung zum altnationalen Judentum drang. Aber er richtete mit dieser Strenge nichts aus die Hellenisten, denen dadurch jeder Mittelweg abgeschnitten war, wurden durch solche Herausforderungen nur noch erbitterte, so dass dieser Synhed-rialfiirst in Folge seines Vorgehens ein Opfer ihrer Wut wurde. Der eigene Neffe, der Hohepriester Alkimos (Ja-kim), soll ihn verraten und dem Tode durch die Syrer überliefert haben. Nach der völligen Besiegung der Hellenisten und der Vernichtung der Syrerherr-schaft durch die siegreichen Hasmo-näer richtete sich die Tätigkeit der fol-genden zwei Synhedrialfürsten unter den Makkabäern, des Josua ben Para-chia und des Juda ben Tabai (130 — 60 v.), gegen die Partei der Sadducäer, die sich aus dem Reste der oben genannten Mittel-Partei, der Gerechten, Zaddi-kim, Gesetzesgerechten, die sich oft den Hasmonäern angeschlossen hatte, herausbildete. Unter dem König Jo-hann Hyrkan waren die Sadducäer schon zu einer mächtigen Partei heran-gewachsen, die den König fiir sich zu gewinnen verstanden und den Pharisä- ern, ihrer Gegenpartei, viel zu schaffen gaben. Sie verdrängten Letztere all-mählich aus dem Synhedrion und ver-standen sogar den Synhedrialfürsten Juda ben Tabbi zur Flucht nach Ägyp-ten zu zwingen, der erst unter der Re-gierung des Königs Alexander Janai (105 — 79) durch die Vermittlung des Simon ben Schetach zur Wiederüber-nahme der Präsidentur im Synhedrion zurückberufen wurde. Die Sadducäer waren zu Macht und Ansehen gelangt, und Josua b. Perachja in Gemeinschaft mit Simon ben Schetach begannen den Kampf gegen sie, ihre Institutionen und Gesetzesdeutungen. Das Vorgehen Josuas gegen sie, wie dasselbe sich in seiner Lehre ausspricht, war voll Milde und Klugheit. .Schaffe dir einen Leh-rer und erwirb dir einen Genossen und beurteile jeden Menschen nach der Seite der Unschuld.. Er warf ihnen nicht den Fehdehandschuh zu, sondern trachtete darnach, sie zu einer Vereini-gung und zum Aufgeben ihrer Partei-stellung zu bewegen. Erweiterung un-seres Wissens und die Nichtverdammung des Andersdenkenden und Andershan-delnden stellte er als die Bedingung und einziges Heilmittel hierzu auf. Strenger war er gegen die Hellenisten, die er in Ägypten kennen lernte. Einen seiner Schiiler, Namens Jesus (nicht Je-sus, der Stifter der christlichen Reli-gion, mit dem die Spätern ihn verwech-selten), der ihm nach Ägypten gefolgt und auf Abwege geraten war, wahr-scheinlich durch neuplatonische Lehren in Alexandrien, verstieß er ganz und gar. Er war gegen Alexandrien so sehr feindlich, dass er in einer Synhed­rialsitzung den Weizen, der von da ein­geführt wurde, als unrein erklärte, gleich Jose ben Joeser vor ihm es tat mit der Erde des Auslandes, gegen wel­ches die Mehrheit protestierte, daher diese Anordnung unterbleiben musste. Ebenso versöhnlich war die Wirksam­keit seines Nachfolgers, des Juda ben Tabai (80 n.). Auch er gehörte zu den nach Ägypten unter Alexander Janai Geflohenen und wurde von da, wie be­richtet wird, ebenfalls durch Simon ben Schetach zur Übernahme des Vor­sitzes im Synhedrion berufen. Sein Lehrspruch, in dem sich sein milder, versöhnlicher Charakter abspiegelte, war: »Mache dich nicht gleich einem Sachwalter im Gericht, (im Gerichte parteiisch die Tatsache den Richtern zur Beurteilung darzulegen); wenn die Parteien vor dir stehen, sollen beide dir gleich Frevlern erscheinen, und wenn sie (nach der gerichtlichen Aburteilung) von dir scheiden, halte sie beide gleich unschuldig, so sie den Rechtsausspruch anerkannt haben.« Er tadelte mit bitte­rer Entrüstung das schonungslose Ver­fahren seines Alterspräsidenten Simon ben Schetach, der als Demonstration gegen die Sadducäer (in ihren Rechts­gesetzen gegen überführte falsche Zeu­gen, nach denen dieselben nur alsdann der Todesstrafe verfallen, wenn an demjenigen, gegen welchen sie falsches Zeugnis ablegten, auch wirklich die Todesstrafe vollzogen war) einen über­führten falschen Zeugen töten ließ und wies ihm nach, dass nach dem Gesetze nur dann der Tod über falsche Zeugen verhängt werden dürfe, wenn beide Zeugen ihrer falschen Aussage über­führt worden. Ein anderer Zug seiner milden Gerichtsbarkeit war, er kam ge­rade dazu, wie ein Mörder seine Mord­tat beendet hatte; er verurteilte ihn nicht, sondern rief ihm zu: »ich darf dich nicht töten, weil das Gesetz zwei Zeugen fordert, und ich nur einer bin, aber Gott, du Kenner alles Geheimen, wirst ihn bestrafen! « Simon ben Sche­tach, aber nicht Juda den Tabai, war ein eifriger Gegner der Sadducäer; von ihm heißt es: »Er hat die Thora in ihre alte Würde wieder eingesetzt.« Mit dem Tode Juda ben Tabais war das verhängnisvolle Jahr 63 v. da, wo zur Schlichtung des Streites unter dem kö­niglichen Bruderpaar der Hasmonäer, Aristobul und Hyrkan II, die Römer ins Land gerufen wurden, mit deren Hilfe später Herodes I, den hasmonäi­schen Thron bestieg und König in Pa­lästina wurde. Die folgenden Synhedri­alfürsten waren: Schemaja und Abtalion, bei Josephus: Sameas und Pollion, ersterer als Präsident und letz­terer als Gerichtsvater, Abbethdin, Stellvertreter des Präsidenten (von 60 v bis 35). Beide sollen Proselyten, oder Nachkommen von Proselyten gewesen sein, also heidnischer Abkunft, was ihre Bedeutsamkeit bezeugt, da Prose­lyten sonst nicht in das Synhedrion aufgenommen werden durften. Unter ihnen geschah die Einsetzung Hyrkans II durch die Hilfe der Römer zum Kö­nig, den Herodes I vom Thorne ge­stürzt hatte und töten ließ und darauf sich des Thrones bemächtigte; beide haben also diesen schrecklichen Herr­scherwechsel und die mit demselben verbunden gewesenen fürchterlichen Mordszenen miterlebt. Mit gerechter Entrüstung wenden sie sich daher von dem politischen Leben ganz ab und su­chen mit doppeltem Eifer innerhalb des Volkes wohltuend zu wirken. Der Lehrspruch Semajas, der das Charak­teristische dieser Tätigkeit ausdrückt, lautete: »Liebe die Arbeit, hasse die Herrschaft und bekenne dich nicht zur Gewalt (der herodäischen Regierung). « Der Andere, Abtaljon, entfaltete eben­falls in diesem Sinne seine Tätigkeit, aber auf anderm Gebiete, er setzte sich die Reinerhalteung der jüdischen Reli­gion und ihrer Lehren vor Vermischung mit fremden, heidnischen Anschauun­gen zur Aufgabe, er war ein Feind des Sektirerwesens, wohl besonders des um diese Zeit an die Stelle des alten Hellenismus in Palästina sich bildende Alexandrinismus. Seine Lehre spricht dies deutlich aus: »Weise! Seid vorsich­tig in euren Worten (Lehren), vielleicht verschuldet ihr einst das Exil und kom­met an den Ort böser Wasser (wo Irr­lehren herrschen, wohl Alexandrien in Ägypten), es trinken von denselben die Schüler nach euch und kommen um; so wird der Name Gottes entweiht! « Das Volk lernte bald diese seine Wohltäter kennen und achtete sie höher als den Hohenpriester. Es wird darüber er­zählt: »Am Abend nach einem Versöh­nungsfeste, wo es Sitte war, den fungie­renden Hohenpriester nach Hause zu geleiten, erblickte das Volk, als es sich dem Geleitszuge des Hohenpriesters anschließen wollte, die beiden Synhed­rialhäupter Semaja und Abtaljon, da verließ es den Hohenpriester und gelei­tete diese seine Lehrer.« »Möge es die­sen wohl gehen, die keine Aaroniden sind, aber Werke der Aaroniden (der Priester) vollbringen! « war seine Ant­wort, als man es darüber später zu Rede gestellt hatte. Diese Abwendung der Synhedrialhäupter von den politi­schen Wirren hatte unter Andern das Gute, dass sie, fern von jeder bestechli­chen Verlockung durch die Regieren­den, unabhängiger dastanden, und desto mutiger für das Volk, wo es galt, dessen Recht zu wahren, eintreten konnten. Hierzu bot sich bald Gele­genheit. Herodes zog gegen jüdische Freibeuter und ließ auf diesem Zuge ihren Hauptanführer Ezekias mit vie­len andern hinrichten. Diese Tat hielt das Volk als eine ungerechte Anma­ßung und verklagte ihn deshalb beim Synhedrion. Dieser obere Gerichtshof forderte Herodes vor seine Schranken, und als die Synhedristen in ihrer Abur­teilung einige Scheu merken ließen, da war es Semaja, Sameas, der energisch ihnen ihre Feigheit vorwarf, den Hero­des prophetisch eine Zuchtrute Gottes nannte, der Israel wehe tun werde, wenn man zögern sollte, über ihn die gerechte Strafe zu verhängen. Dieses mutvolle Auftreten Semajas erregte die Bewunderung Aller und zwang sogar Herodes eine gewisse Achtung ab, der später beim Antritt seiner Regierung die andern missliebigen Synhedrialmit­glieder entfernte, aber den Semaja in seinem Amte ließ und ihn hoch schätzte. Nach dem Tode dieses wah­ren Volkstribuns Semaja wurden Aus­länder, die Bne Bethera oder Bathyra, »Söhne Bethera«, zu Synhedrialpräsi­denten erhoben (von 35 bis 30 v.). Die­selben standen kaum fünf Jahre an der Spitze des Synhedrion, waren entschie­dene Gegner einer neuen Art Gesetzes­forschung, der durch die bald darauf unter Hillel so sehr zur Geltung ge­kommenen exegetischen Herleitungs­regeln, middoth, ließen nur als Gesetz das gelten, das als Tradition sich aus­wies, und beharrten auf ihren Aus­spruch, dass freiwillige Festopfer nicht am Shabbathtage dargebracht werden dürfen. So kennzeichnetten sie sich als Männer der ältern Richtung, die an die sadducäische erinnert. Überhaupt scheint unter Herodes I eine Verschmel­zung der Sadducäer mit den damals zu Würde und Ansehen gelangten Bo­öthusäern vor sich gegangen zu sein. Die Boöthusäer waren eine Priesterfa­milie in Alexandrien, aus deren Mitte ein Simon zum Hohenpriester erhoben wurde, dessen Tochter Mariamne den König Herodes I nach der Hinrichtung seiner Frau, der Hasmonäerin Mari­amne, geheiratet hat. In Jerusalem zeichneten sich die Boöthusäer als treue Herodianer aus und bildeten in Verei­nigung mit den Sadducäern eine starke Partei, welche die Fortschritte der Pha­risäer einigermaßen hemmten. Wie die Sadducäer früher sich um Johann Hyr­kan und um dessen Sohn Alexander Jannai schaarten, so umgaben sie jetzt, vereinigt mit den Boöthusäern, mit de­nen sie von da ab auch oft verwechselt und eins gehalten wurden, den König Herodes I, der aus Dankbarkeit gegen sie von ihnen noch einige zu Hohen­priestern erhob. Auch die Bene Bethera, verdankten ihre Erhebung als Synhed­rialhäupter wohl nur ihrer bewiesenen Anhänglichkeit an das neue Herrscher­haus. Desto unliebsamer waren sie beim Volke und bei den Pharisäern, die sie als des Gesetzes unkundig ver­schrieen. Die Bene Bethera wirkten kaum fünf Jahre und wurden von dem berühmten Gesetzeslehrer Hillel I so sehr gedrängt, dass sie ihre Würde als Synhedrialhäupter an ihn abtraten. Hillel I wurde an ihrer Stelle das Syn­hedrialoberhaupt, der Synhedrialfürst (von 30 bis 10 v.). In Folge seiner davi­dischen Abkunft ist er der Erste, den das jüdische Schrifttum, wohl auch das durch die Gewaltherrschaft eines He-rodes bis zur Verzweiflung aufgesta­chelte Volk mit besonderer Vorliebe und Ostentation »Nassi«, Fürst, nannte. Er hatte es auch verdient, denn er zeigte sich bald in seiner großartigen unermüdlichen Tätigkeit als echter Volksmann, nicht bloß als Volkslehrer, sondern auch als wahrer Volkswohltä-ter. Indem wir über sein Leben und seine Wirksamkeit auf den ausführ-lichen Artikel »Hillel verweisen, be-riihren wir hier von seinen vielen Insti-tutionen nur vier. Das erste Jahr nach dem Regierungsantritt Herodes war bekanntlich ein Shabbathjahr. Das Volk war durch die vielen Gelderpres-sungen und Missernten ganz verarmt und musste zu den Geldmännern um Darlehen seine Zuflucht nehmen. Aber diese versagten sie ihnen in betracht des bevorstehenden Shabbathjahres, dessen gesetzliche Bestimmungen auch den Erlass der Schulden aussprechen. In dieser Not half Hillel aus, er fiihrte die Institution des Verwahrungsschei-nes, des Prosbuls, ein, die darin be-stand, dass der Gläubiger sich eine ge-richtliche Ermächtigung ausstellen liefg, seine Schuld zu jeder Zeit einkassieren zu dürfen. Dieselbe schiitzte vor Ver-jährung oder Annullierung durch das Shabbathjahr. Eine zweite Verordnung war, wohl auch aus obigen Gründen der eingetretenen Volksverarmung ei-nerseits und der Überhandnahme der Macht der Begüterten andrerseits, dass dem Verkäufer eines Hauses in den ummauerten Städten Riickkaufsrecht fiir den erhaltenen Verkaufspreis bis nach Ablauf des vollen Jahres nach ge-schehenem Verkauf zustehe, er am letz-ten Tage, wenn er den Besitzer zur Übergabe der Verkaufssumme nicht auffinden kann, beim Gerichte des Or-tes diese Riickkaufsumme nur zu depo-nieren brauche, um von seinem ver-kauften Hause wieder Besitz nehmen zu diirfen. Die Notwendigkeit dieser Maßregel wird dadurch motiviert, dass an solchen Tagen die neuen Besitzer, um dem Rückkäufer sein Recht zu an-nullieren, sich versteckt hielten. Dieser reiht sich eine dritte Verordnung an, die ebenfalls ganz den Stempel dieser Zeit trägt. Dieselbe bestimmt, dass je-des Darlehen von Naturalien nur nach dem Verkaufspreis derselben am Tage des geschehenen Darlehens, wenn auch dieselben später im Preise gestiegen sind, zuriickgegeben werden soll. Eine vierte Maßregel verordnet, dass der Ehekontrakt, die Kethuba, streng nach seinem Wortlaut zu nehmen sei, um eine Verletzung des Ehestandes zu kon-statieren. Aus Dankbarkeit gegen ihn wurde diese Synhedrialfürstenwürde nach dessen Tod auf seinen Sohn Si-mon I übertragen, von dem sie sich später auf dessen Nachkommen ver-erbte, so dass die Nassiwürde bei dem Hause Hillels bis zur Auflösung des Pa-triarchats im fünften Jahrhundert n. verblieb. Simon I vom Jahre 10 — 30 n., sowie dessen Sohn Gamliel I vom Jahre 30 — 50 n. haben im Geiste ihres gro-ßen Ahns fortgewirkt; sie wendeten sich von dem Politischen ab, kiimmer-ten sich weniger um den Dynastien-wechsel und die Herrscherpersönlich-keiten, sondern suchten als wahre Volksväter für das Volkswohl heilsam zu wirken. Jeder von ihnen setzte sich durch gute Institutionen ein würdiges Denkmal. Wir gehen nun zu deren nachfolger über. Derselbe war Simon II, oder wie er sonst genannt wird: Si­mon Sohn Gamliel I vom Jahre 50 — 70 n. Dieser dritte Nachfolger des großen Hillels wich schon von dem betretenen Wege seiner Vorgänger bedeutend ab. Die stürmischen Zeitverhältnisse zwan­gen ihn, auch das Politische in das Ge­biet seiner Tätigkeit mit hineinzuzie­hen. Die Wogen der Revolution gingen hoch, die Aufstände gegen die römi­sche Oberhoheit in Palästina häuften sich, die das Synhedrion allein als die rechtmäßige Obrigkeit betrachteten, deren Befehle als Gesetze respektiert wurden. Der Synhedrialfürst Simon II wurde dadurch das Regierungsober­haupt, er sollte nunmehr als Fürst, als der vom Volke erwartete Davidide re­gieren. Seine Aufgabe, die ihm gestellt wurde, war daher mehr eine prakti­sche, als theoretische; er sollte mehr handeln, als lehren. In dem von ihm uns erhaltenen Lehrspruch sehen wir, wie er diese seine Aufgabe begriffen und als Mann der Tat nunmehr zu wir­ken verstanden hat. Derselbe lautet: »Mein Leben lang brachte ich unter den Weisen zu; ich fand nichts Besseres für den Körper (für leibliches Wohl) als Schweigen; nicht die Forschung (Ge­setzesforschung) ist die Hauptsache, sondern das Werk!« Die Halacha hat in der Tat von ihm nur Institutionen, aber keine Gesetzesforschung verzeichnet. In solch bewegter Zeit zeigte er sich ganz seiner Aufgabe gewachsen, als ein Mann voll von Verstand und Einsicht, der von keiner Partei sich mitreißen ließ, sondern hoch über die­selben sich erhob und sie Alle für sich zu gewinnen und sie zu beherrschen verstand, soweit sich dies in solch be­wegten Jahren tun ließ. So suchte er, um möglich eine Einheit im Volke zu erzielen, die alte Spaltung zwischen den Sadducäern und Pharisäern da­durch gleichsam aufzuheben, dass er eine Anordnung durchsetzte, nach der man die Sadducäer gleich andern Israe­liten zu halten habe, wenn sie auch bei ihrer Nichtanerkennung der Tradition verharren. Wenn auch unter seinem Patriarchat die achtzehn Beschlüsse ge­gen jede Annäherung an das Heidentum zu Stande kamen, so mahnte er doch, keine Erschwerung zu verhän­gen, die das Volk nicht ertragen würde. Dieser weise Mann ging noch weiter und verstand in bedrängter Lage Er­leichterungen vom Gesetze einzufüh­ren. Von seinen Maßnahmen in dem Unabhängigkeitskampfe gegen Rom ist uns der Bericht von Josephus, in seiner Lebensbeschreibung § 38 wichtig. Er erzählt, dass seine Feinde ihn vom Oberbefehle in Galiläa zu entfernen suchten und deshalb Gesandte zu Si­mon den G. schickten, er möchte in Jerusalem das Gemeinwesen bewegen, Josephus den Oberbefehl zu nehmen und denselben ihnen zu übertragen. Der Synhedrialfürst hörte sie an, aber auch ihre Gegner, die Freunde des Jose­phus. So verstand er es, sich über die Parteien zu erheben. Er bekämpfte die Zeloten, aber war auch ein entschiede­ner Gegner der Lauen und Halben und suchte mit unerschütterlicher Energie den ausgebrochenen Kampf mit allen Mitteln zu unterstützen. Simon b. G. starb in der Zeit dieses Kampfes, unge­wiss, ob eines natürlichen oder eines gewaltsamen Todes durch die Rrömer, wie dies von Vielen angegeben wird. Nach ihm trat eine Zwischenzeit von zehn Jahren ein (von 70 — 80), wo das Synhedrion sich in Jabne, Jamnia unter dem Vorsitz des Gesetzes- und Volks­lehrers R. Jochanan b. Sakai konstitu­ierte. Auch von der segensvollen Tätig­keit dieses Mannes hätten wir viele Institutionen und Gesetzesanordnun­gen zu verzeichnen, aber wir verweisen über dieselben, um nicht zu wiederho­len, auf den Aritkel: »Jochanan Sohn Sakai«. Im Jahre 8o n., nach dem Tode dieses bedeutenden Synhedrialpräsi­denten, erhielt wieder ein Sprosse des alten Hauses Hillels den Vorsitz im Synhedrion. R. Gamliel II, der Sohn des Simon b. G. I, wurde Synhedrial­früst (von 8o — 116). Seine Tätigkeit fällt in die Zeit nach der Auflösung des jüdischen Staates, der Zerstörung des Tempels und dem Aufhören des Opfer­kultus. Es war ein großes Feld für seine Tätigkeit, Alles sollte durch ihn wieder geordnet, gehoben und möglichst her­gestellt werden. Von seinen vielen und weitgreifenden Werken nennen wir das wichtigste, das Schaffen einer Einheit im Volke und unter seinen Lehrern. Er eröffnete den Kampf gegen das Sekten­wesen, das die Kraft des Volkes so sehr zersplitterte; ging energisch gegen jede Meinungsverschiedenheit in den Anga­ben der Gesetze (halachische Traditio­nen). vor und wollte so eine Einheit in Lehre und Leben schaffen. Es war ein gewaltiges Werk, das er unternommen, dessen Durchführung ihn zwang, von der milden und versöhnenden Wir­kungsweise seiner Ahnen abzugehen und an deren Stelle eine energische, durchgreifende, alles Unbeugsame nie­derschmetternde Tatkraft zu setzen. Welche Kämpfe und Verfolgungen ihm dieselbe zugezogen und wie weit sein Werk von Erfolg gekränkt war, haben wir in dem Artikel: »Gamaliel II« dar­getan. Wir nennen hier von seinen Maßnahmen die Bestimmung, dass zu den Vorträgen und Gesetzesverhand­lungen nur diejenigen in das Lehrhaus eingelassen wurden, deren aufrichtiger und rechtlicher Charakter bekannt war. Die Halben und Unlautern sollten dem Lehrhause fern bleiben, eine Maß­regel, die viele Gegner hervorrief, da der Kreis der Zuhörer sich gar sehr ge­lichtet hatte. Als Zweites bezeichnen wir die Aufnahme von Halachoth, über welche im Synhedrion nach der Majo­rität entschieden wurde, so dass die Minorität ihre Halachoths aufgeben und sich denen der Majorität unter­ordnen sollte. Eine Maaßregel, die wie­der zum Ausschluss und Verbannung der renitenten führte. Das Dritte war die Herstellung einer Gebetsordnung, die nach dem Aufhören des Opferkul­tus der Mittelpunkt des religiösen Le­bens wurde. Auch hier verwickelte ihn eine Verhandlung über das Abendgebet in einen Streit mit R. Josua, der ein un­glückliches Ende hatte, er führte, als R. Gamliel immer heftiger gegen ihn wurde, zu dessen Absetzung; R. Gam­liel II wurde seiner Würde als Synhed­rialfürst enthoben. Sein viel jüngerer Zeitgenosse, R. Eleasar ben Asaria, er­hielt sie. Da erwachte in ihm die alte Tugend seines Ahnenhauses, die Milde und Versöhnung; er versöhnte sich mit seinen Gegnern und wurde in seine alte Würde wieder eingesetzt; doch behielt er den einmal zum Nassi erhobenen Elasar b. A. bei, und teilte mit ihm seine Tätigkeit. Wieder trat nach sei­nem Tode eine Zwischenzeit ein, die des barkochbaischen Aufstandes und der Jahre der hadrianischen Verfol­gungsedikte. Erst im Jahre 140 konnte das Synhedrion wieder (in Uscha) zu­sammentreten, wo man den Sohn Gamliels II den Simon III oder den Si­mon b. G. II zum Synhedrialfürsten er­hob.