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Bathkol | Talmud

Bathkol

Posted 2 mos ago

Bathkol, chaldäisch: Tochterstimme, griechisch: Himmelsstimme.

I. Name, Arten, Bedeutung und Gebrauch. Der Name »Bathkol« be­deutet in seiner wörtlichen Überset­zung: Tochterstimme, »eine Stimme der Stimme«, die zweite Stimme, die in Folge einer ersten vernommen wird, Echo, und bezeichnet die Gottesstimme in sekundärer Gestalt, wie sie als Wi­derhall ihrer selbst an den Menschen heran dringt und sich der Welt ver­kündet. In dem griechisch-jüdischen Schrifttum wird sie kurzweg »Him­melsstimme« genannt. Man verstand darunter die Manifestation des göttli­chen Urteils über Personen und Taten der Gegenwart und Vergangenheit, als deren höhere Beurteilung sowie die Of­fenbarung einer höheren Absicht und eines höheren Willens über Gegen­stände der Zukunft als des Zieles der Weltregierung und Weltleitung Gottes gegenüber der Denk- und Handlungs­weise des Menschen. Es war dies die Prophetie, nicht wie sie den Propheten zuteil geworden, unmittelbar, sondern die, welche sich nach ihrem Erlöschen nur noch als ihr Echo, zweite Stimme, mittelbar durch verschiedene Ereig­nisse vernehmen ließ. Zufällig gehörte Erzählungen, zitierte Bibelsprüche u. a. m. waren dem Ratlosen Gegenstände, durch die er den Gotteswillen zu hören glaubte, die Andeutung und Hinweisungen über Zukunft und Ver­gangenheit enthalten sollten. Ebenso hielt man ein öffentlich allgemein ver­breitetes Gerücht, welches plötzlich und schnell um sich griff, für ein Bath­kol, Prophetenstimme, Weissagungs­echo. Neben diesen zwei Arten wird von einer Dritten gesprochen, welche in lautbar gewordenen Stimmen be­stand, die höhere Urteile, Würdi­gungen, Lob und Tadel über Personen, Taten, Meinungen und Verdienste der Männer aus der Gegenwart und Ver­gangenheit verkündeten. Diese dritte Art wird als die höchste betrachtet, in der man am deutlichsten die Himmels­stimme sprechen hörte. So vernahm man ein Bathkol über die Würdigkeit der Gesetzeslehrer Hillel, Jochanan ben Sakai, Samuel hakaton u. a. m.; die Hochhaltung der Männer, die als Mär­tyrer ihr Leben geendet: R. Akiba u. a. m.; das Lob über Chaninas Ge­nügsamkeit, die Billigung mancher Ge­setzesübertretungen zu Gunsten einer höheren Sache, den Tadel wegen der Zerstörung des Tempels, über die Taten biblischer Personen, die Verherrlichung Israels in Folge seiner Bereitwilligkeit zum Empfange des Gesetzes auf Sinai, dass die Gesetzesbestimmung Hillels, R. Eliesars u. a. m. Gültigkeit haben. Es waren dies Trostesstimmen als Mani­festation des Gottesurteils über erlit­tene Unbillen und Verfolgungen, gegen welche sie einen Protest, eine Berufung und Hinweisung auf die höhere Er­kenntnis, auf Gott, enthielten. Ob ein solches »Bathkol« wirklich eine Got­tesstimme war? Ist eine Frage außer­halb unseres Gebietes. Man erkannte in dem Bathkol die Manifestation eines höheren Urteils als Korrektiv des schwachen Menschlichen. Auch die strenge Halacha vermochte sich dem­selben nicht ganz zu entziehen und nur einige ihrer Lehrer hatten den Mut, sie unbeachtet zu lassen. Gehen wir einen Schritt weiter und fragen, was sich die Talmudlehrer unter »Bathkol« gedacht haben, so scheint es, dass sie selbst in ihren Ansichten darüber nicht einig waren. Mehrere hielten das Bathkol gleich dem »heiligen Geist«, mit dem sie es oft verwechselten. Andere drück­ten das Bathkol so sehr herab, dass sie es mit den Ahnungszeichen in eine Ka­tegorie stellten und sich recht ernstlich um Bibelstellen umsahen, welche das Hinhören auf das Bathkol erlauben, als wenn die Erlaubnis desselben nicht so klar wäre. Die Dritten endlich, die die Mittelrichtung angeben, bezeichne­ten das »Bathkol« als den dritten und niedrigsten Grad der Prophetie, die nach dem Erlöschen der Prophetie durch den heiligen Geist gefolgt war. Ebenso sind die Angaben des Ortes, woher das Bathkol erscholl, verschie­den. Sie nennen: den Himmel, das Al­lerheiligste im Tempel, die Stadt Jabne als Sitz des Synhedrions u. s. w. Im Ganzen wird im Talmud vom »Bath­kol« nach drei Arten gesprochen. Dieselben sind: i. das Bathkol als wirk­licher Widerhall, Echo, eines Rufes zwischen Bergen in der gewöhnlichen Bedeutung dieses Ausdruckes; z. das Bathkol als geglaubter Widerhall der Gottesstimme, Prophetie, die sich un­mittelbar durch verschiedene Gegen­stände kundgibt und Andeutungen, Auskunft über zweifelhafte Fälle ver­kündet; 3. endlich Bathkol als Wider­hall, Gottesstimme, in den plötzlich verbreiteten Gerüchten, vernomme­nen Stimmen, die Urteile über Perso­nen und Taten enthielten. Diese letzte Art wird als die höchste und heiligste gehalten.

II. Geschichte und Würdigung. Wir bemerken schon hier, dass wir bei der Darstellung dieses Teiles in den talmu­dischen Berichten über die Kenntnis­nahme, den Gebrauch und die Würdi­gung des Bathkols genau unterscheiden die, welche die Personen selbst von demselben sprechen lassen, von denen, welche nur spätere Angaben von der Kenntnis desselben bei diesem oder je­nem Gesetzeslehrer enthalten. Letzere betrachten wir als die indirekten, nur mittelbaren Berichterstatter, denen nicht solche Zuverlässigkeit als den ersteren zugestanden werden kann. Nach solchen indirekten traditionellen Angaben war das Bathkol von ver­schiedenen Persönlichkeiten während des zweiten Tempels, von Simon, dem Gerechten, Jochanan, dem Hohen­priester, Hillel I., Jonathan ben Usiel u. a.m. gekannt. Aber schon über die Männer am Schlusse dieser Periode be­ginnen die direkten Aussagen. R. Jochanan ben Sakai gedenkt in seinen agadischen Vorträgen des Bathkols zur nachdrucksvollen Hervorhebung sei­ner Mahnungen. Eine Stelle lässt ihn selbst seinem Kollegen R. Jose Hako­hen erzählen, dass er im Traume eine Verheißung durch das Bathkol ver­nommen. Von den Gesetzeslehrern der nächsten Generation bis nach dem un­glücklichen Aufstand unter Barkochba (12,5 n.) waren R. Gamliel, R. Akiba, R. Chanina ben Teradjon u. a. m., de­ren Verdienste und Hingebung als Volkslehrer, die sich bis zum Märtyrer­tode steigerten, durch das Bathkol an­erkannt und gewürdigt werden. Das »Bathkol« war hier eine Himmels­stimme, durch die man eine Belobung oder einen Tadel von Gott selbst zu vernehmen glaubte; also in seiner höchsten Bedeutung. Das Urteil, wel­ches es aussprach, erhob sich über die gewöhnliche Denk- und Handlungs­weise des Menschen und sprach oft seine Billigung aus über Übertretungen des Gesetzes in höherer Absicht. Das »Bathkol« stand somit nicht unter dem Gesetze, sondern erhob sich über das­selbe und was es aussprach, war auch gegen ausdrückliche Bestimmungen, wurde für heilig und verpflichtend an­erkannt. Gegen diese Hochhaltung des Bathkols erhoben sich jedoch bald sehr bedeutende Stimmen der Gesetzesleh­rer. R. Elieser hatte mit R. Josua einen heftigen Disput über eine fragliche Gesetzesbestimmung und sie konnten zu keinem übereinstimmenden Endresul­tate kommen. Da ertönte ein Bathkol: »Die Halacha richte sich nach R. Elie­ser.« Sofort erhob sich R. Josua und sprach seinen Protest dagegen: »Die Thora ist nicht im Himmel! « Wir ach­ten nicht auf das Bathkol, da das Ge­setz ausdrücklich anordnet, die Ent­scheidung in zweifelhaften Sachen richtet sich nach Stimmenmehrheit. Eine Generation später ging einen Schritt weiter und warf die Frage auf, ob nicht das Achten auf das Bathkol überhaupt gleich der Wahrsagerei ver­boten sei. Erst R. Elasar (im z. Jahrh.) beruft sich auf einen Vers in Jesaja 3o. 2. 1: »Und deine Ohren hören das Wort hinter dir: das ist der Weg, auf ihm wandelt! « und glaubt darin die Andeu­tung der Erlaubnis des Gebrauchs des Bathkols gefunden zu haben. Auch R. Jochanan und R. Simon ben Lakisch zitieren diesen Vers und halten das Hinhören auf das Bathkol für erlaubt; sie sahen sich also zur Rechtfertigung ihrer Handlungsweise genötigt, Stellen aus der Bibel zu zitieren. R. Jochanan will trotzdem diesen Gebrauch be­schränkt haben, in dem er vorgibt, dass das Bathkol nur unter drei Bedingun­gen seine Geltung habe: es sei i. eine Mannesstimme in der Stimme; z. eine Frauenstimme in der Wüste und 3. es spreche entweder: »ja, ja!« oder: »nein, nein!« Von den anderen Gesetzesleh­rern dieser und späterer Zeit haben wir die Anwendung des Bathkols in ihren Lehrvorträgen, besonders wenn sie sich tadelnd über die Synhedrialbeschlüsse ihrer Vorgänger äußern wollen. R. Chanania und R. Josua ben Levi (im 3. Jahrh.) lassen das Bathkol über das Verdammungsurteil durch das Synhed­rion, den Ausschluss mehrerer israeliti­scher und judäischer Könige von dem Anteil in der zukünftigen Welt betref­fend, mahnend seine Stimme erheben: »Sollte er (Gott) nach deinem Sinne vergelten, weil du verwirfst, wählest du und nicht ich! Und was weißt du sonst noch zu reden!« Rab und Rab Juda nach ihm sprachen, dass dieses Verdammungssynhedrium auch den König Salomo des Anteils in der zu­künftigen Welt verlustig erklären wollte, aber ein Bathkol habe es davon abgehalten.