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Bußmahnungen | Talmud

Bußmahnungen

Posted 2 mos ago

Bußmahnungen, Bußreden. Mah­nungen zur Buße durchziehen die ganze Bibel, sie bilden den Kern ihrer sittli­chen Ideen und Lehren. Fast jede Straf­androhung in Folge der Sünde schließt mit Bußmahnungen, an welche die Heilsverkündigungen, die Verheißun­gen der Wiedererhebung des Sünders, geknüpft werden. Eine der schönsten Bußreden dieser Art haben wir in 5. M. 30, die sich der Strafverkündigung des Exils auf Abfall und Götzendienst eng anschließt. Wir bringen von derselben: »Wenn über dich alle diese Worte des Segens und Fluches kommen — und du zum Ewigen, deinem Gotte zurück­kehrst, wieder hörst auf seine Stimme mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. Der Ewige dein Gott nimmt sich deiner Gefangenschaft an, er erbarmt sich deiner, sammelt dich wieder von allen Völkern, wohin dich der Ewige dein Gott zerstreut hat.« Solche Bußmahnungen werden im Ge­setz jedem Israeliten zur Pflicht ge­macht. Über den Grund dieser Pflicht hat Ezechiel 3. 15  die bedeutungs­vollen Worte: »So wir es verabsäumen und indessen der Sünder in seiner Schuld stirbt, ohne dass er vor den Fol­gen seines Wandels gewarnt wurde, sein Blut wird von uns gefordert, aber wenn wir unsere Bußmahnung an ihn gerichtet, und der Frevler dennoch in seinem Frevel beharrt und in ihm stirbt, so haben wir doch unser Leben geret­tet.« Wie wichtig solche Mahnungen waren, ersehen wir aus dem Schluss des Bußpsalms: »Ich werde Abtrünni­gen deine Wege lehren und die Sünder kehren zu dir zurück.« Der Talmud hat mehrere Bußreden, die man bei ver­schiedenen Anlässen, besonders bei dem wegen Regenmangels veranstalte­ten öffentlichen Gottesdienste zu hal­ten pflegte. So lautet die eine: »Meine Brüder! Es heißt nicht von den zu Ninive in Buße zu Gott Zurückkehren­den: >Gott sah ihren Sack und ihr Fas­ten<, sondern: >Gott sah ihre Taten, sie wichen von ihren bösen Wegen ab<, und wie dort, so mahnt auch der Pro­phet: »Zerreißt euer Herz und nicht eure Kleider und kehret zum Ewigen zurück usw.« Eine andere schließt: »Meine Brüder! Erbarmt euch einan­der, übet unter euch Werke der Barm­herzigkeit, damit Gott sich auch unser erbarme.« R. Chanina, ein Amora des 3. Jahrh. zu Sephoris, lud auf Wunsch seiner Gemeinde den R. Josua ben Levi aus Lydda, der im Rufe großer Fröm­migkeit stand, zu einem solchen Got­tesdienste ein. Beide vereinigten sich zum Gebet um Regen und als derselbe nicht eintraf, sprach ersterer: »Wisset, meine Brüder, nicht R. Josua b. L. bringt den Leuten im Süden den Regen, nicht Chanina hält ihn in Sephoris zu­rück, sondern jene sind weichen Her­zens, sie hören die Worte der Lehre und demütigen sich, aber die Bewoh­ner Sephoris sind hartherzig und wer­den durch die Mahnungen der Lehre nicht demütig.« Diesen reihen wir die in der Mischna erwähnte Mahnrede des Hohenpriesters an die des Ehe­bruchs verdächtige und zum Trinken des Fluchwassers verurteilte Frau. »Höre, was die Weisen sagen und die Väter nicht verschweigen. Juda be­kannte seine Sünde, er schämte sich nicht und erlangte dadurch das jensei­tige Leben; Reuben sündigte, er be­kannte seine Schuld und rettete sein Leben im Diesseits und Jenseits usw. Meine Tochter! Vieles hat der Wein, vieles die Luft, vieles die Jugend verur­sacht, vieles bewirken schlechte Nach­barn, so lege reuevoll das Bekenntnis deiner Sünde ab wegen des göttlichen großen Namens usw.« Eine Tiefe edlen Gefühls bekunden die Bußmahnungen R. Mairs an seinen vom Judentum ab­gefallenen Lehrer Acher. Auch Allego­rien und Gleichnisse werden geschickt in solchen Bußreden verwendet, von denen hier einige folgen. Vier Eingänge führen zum Bösen (der Sünde), und je­der wird von sieben Engeln bewacht, von denen vier vor und drei hinter der Türe Wache halten. Erstere sind Engel der Barmherzigkeit und letztere der Grausamkeit. Wenn der Mensch sich dem ersten Eingang naht, treten an ihn die ersten vier Engel der Barmherzig­keit: »Freund! Was willst du hier in diesem Feuer, bei solchem Ungeheuer, bei einer Glut brennender Kohlen, gehe zurück und tue Buße.« Geht er den­noch weiter, so rufen sie ihm nach: »An ihnen kein Leben!« Durchschreitet er den Eingang, hört er die drei grausa­men Engel mahnen: »Du bist den ers­ten Eingang zum Bösen durch, wozu noch den zweiten zu durchziehen!« Das hören die Engel der Barmherzig­keit vor dem zweiten Eingang und ei­len dem Sünder mit den Worten entge­gen: »Warum dieses Abweichen von den Wegen Gottes, wo man dich flie­hen und dir zurufen wird: unrein! un­rein! 0 kehre zurück und tue Buße.« Geht er weiter, rufen auch diese ihm nach: »An ihnen kein Leben!« Kaum hat er den zweiten Eingang durch­schritten, hört er wieder den Mahnruf von den Engeln hinter der Türe: »Schon durchzogest du zwei Eingänge, genug! Wozu noch über den dritten?« Dieses hören die anderen Engel vor dem drit­ten Eingang und rufen warnend: »Wes­halb willst du aus dem Buche des Le­bens ausgelöscht werden, kehre um und tue Buße!« Zieht er weiter, so wird ihm wieder nachgerufen: »Wehe ihm! Wehe seinem Kopfe!« Hat er den Durchgang des dritten Einganges ge­wagt, stößt er bald wieder auf die an­deren Engel, die ihn erinnern: »Drei Eingänge des Bösen überschrittest du, wozu der Versuch des Vierten?« Bald kommen auch die Engel vor dem vier­ten Eingange: »Noch nimmt Gott die Bußfertigen an, noch verzeiht er die Sünde, kehrt um ihr Abtrünnigen!« Hört er und tut Buße, so hat er das Gute gewählt, wo nicht, sprechen die Engels der Grausamkeit: »Er hat auf das Gute nicht gehört, es verlasse ihn der Lebensgeist, denn also heißt es: Es zieht von ihm sein Geist und er kehrt zur Erde zurück!« Die verschiedenen Bußzeiten und deren Beachtung schär­fen sie durch folgendes Gleichnis ein. Es begaben sich eines Tages mehrere Männer auf ein Schiff, um nach einer Stadt jenseits des Ozeans zu gelangen, aber es erging ihnen höchst sonderbar. Sie wurden von ungünstigem Wind hin und her getrieben, dass sie die Stätte ihres Reiseziels nicht erreichen konn­ten. Endlich hatten sie guten Fahrwind, aber das Schiff kam an eine Insel, die in reizender Lage aus dem Meere hervor­ragte und die Schiffsleute zu einem län­geren Aufenthalt herbei lockte. Es gab da Früchte und andere Kostbarkeiten in Menge, Quellen und Ströme, die den Boden fruchtbar machten. Beim Lan­den machten sich unter den Seereisen­den fünf Richtungen geltend. Einige wollten das Schiff aus Furcht, dasselbe würde bei günstigem Winde plötzlich absegeln, gar nicht verlassen. »Sollen wir wegen eines kurzen Vergnügens unser ganzes Leben aufs Spiel setzen!« sprachen sie. Andere verließen das Schiff, aber sie kehrten nach kurzer Zeit und wenigem Genuss wieder zu­rück. Die Dritten betraten die Insel auf längere Dauer, ergaben sich den ihnen sich darbietenden Freuden, aber sie achteten noch auf das erste Signal der Abfahrt und eilten zur rechten Zeit in das Schiff. Die Sitze waren teilweise schon besetzt, und sie mussten sich mit den Unbequemen begnügen. Die Vier­ten endlich streiften auf der Insel unbe­sorgt umher, sie hörten das Abfahrtssi­gnal, aber sie sprachen: »Noch ist der Mastbaum nicht aufgerichtet, die Segel nicht aufgespannt, die Matrosen wer­den erst die Mahlzeit halten usw. So entfernten sie sich weit weg, gaben sich ganz dem Frohleben hin. Indessen lich­tete das Schiff die Anker und setze sich in Bewegung. Erst dann merkten sie, dass es ernst mit der Abfahrt war, sie stürzten sich in das Meer und erreich­ten unter Lebensgefahr das Schiff. Sie waren glücklich und nahmen mit je­dem Platz fürlieb. Die Fünften endlich ließen das Schiff absegeln und blieben vergnügt bei Speise und Trank auf der Insel. Aber ihre Freude war kurz. Der Sommer eilte bald dahin, der Herbst schwand und der Winter rückte heran. Ohne Frucht und Laub standen die Bäume mit ihren dürren Ästen da, und die Menschen waren obdachlos. Zu Frost und Kälte trat noch die Furcht vor den wilden Tieren hinzu, die aus dem laublosen Gehölz auf sie herstürz­ten und manchen als Beute mitschlepp­ten. Groß war jetzt ihre Reue, es war zu spät und einer nach dem anderen fiel den wilden Tieren als Beute zu. So ergeht es dem Menschen auf der Erde, schließt dieses Gleichnis. Seine Ankunft hier gleicht dem Besteigen eines Schif­fes, um nach der Stätte seiner Bestim­mung zu gelangen. Aber nicht alle sind ihres Lebenszieles eingedenk, und gleich den fünf Richtungen unter den Leuten auf dem Schiffe erscheinen die Menschen in fünf Parteien. Die From­men, die nie auf Abwege gerieten, von der Sünde nie verlockt wurden, glei­chen den Ersten, die das Schiff nie ver­ließen. Die Zweiten sind die, welche von dem Rausch sinnlicher Genüsse fortgerissen wurden, aber noch in der Jugend sich von denselben abwendeten und den Weg der Besserung betraten. Unter den Dritten verstehen wir die, die den sündhaften Wandel nicht früher verlassen, bis das Alter sie daran mahnt. Ihre Lebenssonne, die sich zum Untergehen neigt, ist das Signal, das sie an die Vorbereitung zur baldigen Ab­fahrt erinnert. Zu den Vierten gehören diejenigen, die erst auf dem Sterbe-bette, wenn sie mit dem Tode ringen, Buße tun. Für diese ist das Leben mit seinen Herrlichkeiten untergegangen, das Schiff hat seine Anker gelichtet und bewegt sich zur Abfahrt. Die Buße hilft noch, aber nicht mehr in dem Grade wie bei den Vorerwähnten. Die Fünf­ten, das sind die, welche ihr ganzes Le­ben mit dem Aufsuchen irdischer Ge­nüsse, mit der Befriedigung sinnlicher Gelüste beschäftigt waren, die an Um­kehr und Besserung nicht dachten, bis sie in das Verderben gesunken und nichts als Furcht und Schrecken geern­tet haben. Über die anderen Bußmah­nungen in kürzerer Form, als die Leh­ren und Sprüche, welche Unglücksfälle, Leiden als die göttlichen Mahnstim­men zur Buße halten.