Christenthum אמונת המשיהים

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Christenthum, Religion der Christen, ‏אמונת המשיהים‎ Die vielen geschichtlichen Berührungspunkte des Christenthums mit dem Judenthume, die gemeinsamen und wieder von einander abweichenden Lehren und Dogmen beiderseits, ihre Scheide- und Grenzlinien, die genetische Entwicklung derselben in den ersten Jahrhunderten nach den noch immer wenig gekannten Notizen des nachbiblischen Schriftthtums der Juden, dieses Alles zur Kenntnißnahme für ein größeres Publikum hat mich zur Abfassung dieses Artikels bewogen. I. Entstehung, Hervorgang, Bildung und Charakteristik. Das Christenthum, oder der Lehrinhalt des christlichen Glaubens, wie er sich im Laufe der Zeit entwickelt hat und in den verschiedenen Bekenntnissen seiner Anhänger hervortritt, hat jüdische und griechische Elemente aus der Zeit seiner Entstehung und seines ersten Wachsthums in sich aufgenommen. Judenthum und Hellenenthtum bleiben daher die Urquellen für das Verständniß und die richtige Beurtheiluug seines innern Wesens. Unsere Darstellung beschäftigt sich mit dem Hervorgange des Christenthums aus dem Judenthume, um den Einblick in die Entwicklung desselben nach dieser, nicht jedem Manne zugänglichen Seite zu erleichtern. Die unglücklichken politischen Volkskämpfe der Juden in Palastina im letzten Jahrhundert ihres zweiten Staatslebens gegen die Willkür und Tyrannei der Römer und der Herodäischen Fürsten, sowie das tragische Ende der letzten Makkabäer haben eine furchtbare Verstimmung in den Gemüthern zurückgelasen. Der Blick des Volkes wandte sich von dem Bestand der Dinge ab, man verzweifelte an einem glücklichen Dasein auf der Erde und sehnte sich nach einer Welt, die nichts von den irdischen Leiden hat. Von den drei Sekten, den Sadducäern, Pharisäern und Essäern, die damals das Volk beherrschten, waren Erstere allein, die immer wieder an die neuen staatlichen Verhältnisse anknüpften und mit ihnen sich befreundeten. Eine andere Welt als des Diesseits existirte für sie nicht. Anders dachten und lehrten die Pharisäer. Nicht die Welt des Diesseits, sondern die zukünftige ist Ziel und Zweck des Lebens. »Diese Welt, lehrten sie, gleicht einer Vorhalle zur künftigen Welt, vollende dich in der Vorhalle, damit du in den Pallast einziehest.« Aber welche zukünftige Welt? Ist doch der ganze Mosaismus mit allen seinen Gesetzen nur für das Diesseits. Die zukünftige Welt ist daher bei ihnen nächst dem Jenseit die Welt nach der Auferstehung, wo sich eine Erneuerung des Diesseits vollzogen haben wird. Dieses zweite Diesseits, ohne Sünde und Leiden, war nun die ganze Hoffnung der Pharisäer. Einen Schritt weiter ging der Essäismus (s. Essäer), der nicht die Erde, sondern nur den Himmel, das Jenseits allein, das Himmelreich als die Stätte wahrer Glückseligkeit bezeichnete. Hinweg aus den bevölkerten Städten, wo die Sünde herrscht, in die Wüsten und Einöden, um in stiller Abgeschiedenheit sich für das Himmelreich vorzubereiten! lautete sein Ruf. So trennten sich die Essäer von Jerusalem und dem Tempel, zogen sich in die Einsamkeit zurück, verwarfen das Opfer, entsagten der Ehe und bildeten keinen Hausstand u. a. m. Das mit der Veränderung dieser Anschauungen, der Abwendung von der Welt des Diesseits das Prinzip des Mosaismus, das auf das diesseitige Leben sein Gewicht legt, seine Gesetze mit ihren Verheißungen: »Damit du lange lebest auf der Erde;« »damit es dir gut gehe und deine Tage sich verlängern in dem Lande, welches der Ewige, dein Gott dir gegeben!« für diese Welt hat, durchbrochen war, und eine Umgestaltung der religiösen Praxis zur Folge haben könnte, daran dachte man wol im Kreise der Gesetzeslehrer. Sie entwickelten und bauten daher das Gesetz aus und wiesen auf die zukünftige Welt, als Stätte der eigentlichen Erfüllung der Gesetzesverheißungen, hin. »Damit es dir gut gehe« das bezieht sich auf diese Welt; »und du lange lebest« d. i. in der zukünftigen Welt,« war nun ihre Lehre, die eine Berücksichtigung der veränderten Zeitanschauungen enthält. Da trat das Christenthum auf und versprach für die veränderten Anschauungen eine neue Lehre. Es brach mit dem Bestehenden und rief: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« Seine Lehren sollen von der Welt des Schwertes und der Leiden auf das Jenseits, als Stätte eines glückseligen Daseins, hinlenken. Seine Dogmen, mehr für das Gemüth als für den Kopf, wollen nicht die Vernunfterkenntniß, sondern den Glauben. Sein Sittengesetz ist eine Verachtung des Diesseits, eine Verhöhnung des Bestehenden. »So man dich auf die eine Backe schlägt, reiche die andere hin;« »So dir der Oberrock genommen wird, gieb noch den untern Rock dazu;« »Aegert dich dein rechtes Auge, reiße es aus;« »Verkaufe, was du hast und reiche es den Armen« u.s.w. sind einige dessen Lehren. So erklärte das Christenthum den Krieg allen Institutionen für das Weltliche und lehrte: die Verwerfung des Reichthums, die Einführung einer allgemeinen Armuth, die Gleichheit Aller u.s.w. Es trat gegen die Sadducäer auf, die an der Gegenwart in jeder Gestalt ihre Befriedigung fanden; gegen die Pharisäer, die bei dem Erfülltsein von der Hoffnung auf ein Jenseits doch nicht von der religiösen Praxis, die sich auf das Diesseits bezog, ließen; gegen die Essäer, die zwar den Glauben an das Jenseits, die Verachtung des Weltlichen, die Entsagung irdischer Freuden, Verwerfung des Reichthums u. a. m. lehrten, aber dasselbe als ausschließliches Gut ihres Ordens geheim gehalten wissen wollten. Werfen wir einen prüfenden Blick auf den Bau dieses neuen Glaubens und fragen nach dessen Bausteinen, so bemerken wir darin außer den Kernlehren des alten Testaments von Gott als Vater, der Kindschaft des Menschen, dem »Reiche Gottes,« der Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe u. a. m. die Bestandttheile der Grundsätze von fast allen religiösen Parteien des Judenthtums dieser Zeit. Er hat: 1. von den Sadducäern die Verwerfung der Tradition, die er gleich diesen als eine Erfindung der Pharisäer hält; 2. von den Pharisäern die Lehren von der Nichtigkeit dieser Welt, das Dogma von der Vergeltung, dem Jenseits, der Auferstehung, dem Weltgericht, den Engeln u. a. m; 3. Von den Chassidäern (s. d. ‏A.) fast das ganze Sittengesetz, wie es mehr verlangt als das Gesetz fordert und in dem talmudischen Schriftthum als «Sitten der Chasstdäer,« ‏,מדות חסידים‎ vorkommt; 4. von den Essäern: die Weltverachtung, die Verwerfung des Reichthums, die Opferidee, die an die Stelle des Thieropfers die Selbstaufopferung des Menschen zur Sühne seiner Sünden setzt, die scharfe Betonung des Jenseits, die allegorische Auslegung der Schrift, das Dogma des heiligen Geistes u. a. m. 5. von dem jüdischen Alexandrinismus die Lehre vom Logos, das Dogma der Incarnation Gottes u. a. m. Wir sehen daher im Christenthume keinen ursprünglichen neuen Bau, dasselbe ist eine Zusammensetzung alter Lehren und Dogmen, entlehnt von verschiedenen, oft entgegengesetzten Seiten. Wie sehr in dieser Verschmelzung der Lehren und Dogmen fast sämmtlicher religiösen Parteien des Judenthums zu einem Ganzen das Streben nach einer Einigung anzuerkennen ist, so dürfen wir andererseits auch nicht die Nachtheile verschweigen, die sich als Folgen desselben bald herausstellten Die Aufführung des Bauwerkes ging nicht in gewünschter Entwicklung vor sich, man schwankte lange bei der Feststellung seiner Grundlehren hin und her, es war eine Unentschiedenheit, die nach Innen zu Spaltungen führte und nach Außen die Schwächen dieses neuen Glaubens verrieth. Man braucht nur die vier Evangelien zur Hand zu nehmen und hat die Beispiele darüber. Wir weisen auf die Stelle hin: über das Gesetz und dessen Auflösung, die Sendung des Christenthums bald nur für Israel, bald auch für die Heiden; die Göttlichkeit Jesu; die Trinität u. a. m. Doch wir sind schon an dem Thema des zweiten Theiles dieses Artikels und wollen wegen klarerer Darlegung des eben nur kurz Angedeuteten zu demselben übergehen. II. Lehren, Dogmen und ihr Verhältnis zum Judenthume. Das Christenthum hat sich in seiner oben gezeichneten Eigenthümlichkeit als Religion des Glaubens, mehr für das Gemüth als für den Verstand, mehr für das Jenseits als für das Diesseits aus dem Schooße des Judenthums als dessen Gegensatz entwickelt. Es sollte eine Reformation des Judenthums werden, angebliche Mißbräuche abstellen, Vieles vereinfachen, die großen Lehren desselben von Gott, Welt- und Menschenbestimmung in ihrer ursprünglichen Reinheit weit über Palästina hinaus nach allen Weltrichtungen verkünden, aber es ist sein Gegner geworden, hat Alles nach andern Anschauungen umgebildet, mit Fremdartigem versetzt und so verbreitet. Wie konnte es auch anders sein, waren ja seine Bausteine aus verschiedenen entgegengesetzten Seiten zusammengetragen, die gewiß bald wieder aus einander gefallen wären, hätte man diese Umschmelzung nicht vollbracht. Waren sich auch die ersten Apostel noch nicht dessen bewußt, und glaubten sie noch bei der treuen Hingabe für ihre Sache im Judenthume weiter verbleiben zu können, das Gesetz auch ferner üben zu dürfen, so war doch unter ihnen schon Paulus, der den Sinn seines Meisters tiefer faßte, die fernere Verbindlichkeit des Gesetzes aufhob und die Scheidung des Christenthums vom Judenthume vollzog. Unsere Aufgabe hier ist, einen Theil dieser Lehren und Dogmen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange mit dem Judenthume und ihrer Trennung von demselben darzustellen, und das eben Angedeutete nachzuweisen und die Grenzmarken deutlich hervortreten zu lassen. Wir berühren erst die Auseinandersetzung des Christenthums mit dem Judenthume. A. Das Gesetz und seine Auflösung. Ueber die Auflösung des Gesetzes im Christenthume haben die Evangelien die sich widersprechendsten Berichte. Aus Mtth. 9. 14. 15. geht hervor, daß Jesus die gebotenen Fasten nicht achtete; in Mrc. 2. 23. 24, Mtth. 12. 1—5; 10—12. erklärt er sich als den Herrn des Sabbats, an welchem er seine Jünger Aehren ausreißen läßt und selbst Kranke heilt. Gegen die Speisegesetze war sein Spruch: «Alles, was in den Mund kommt, verunreinigt nicht« und bei einer andern Gelegenheit sagt er, er sei nicht Willens einen neuen Flicken auf ein altes Gewand zu setzen,« er bricht also mit dem alten Gesetz. Diesem gegenüber stellen wir die Berichte von entgegengesetztem Sinne. Wem ist nicht der Ausspruch bekannt? »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch, wahrlich bis daß der Himmel und die Erde zergehen, wird nicht der kleinste Buchstabe vergehen, noch ein Titel am Gesetz, bis daß es Alles geschehe. Wer nur eins dieser kleinsten Gebote auflöst und also die Leute lehrt, wird der Kleinste im Himmelreich heißen, aber wer es thut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreiche.« So befiehlt er den geheilten Aussätzigen das Schuldopfer darzubringen. Seine Jünger setzen voraus, daß Jesus mit ihnen das Passahlamm genießen werde; sie werfen Petrus vor, er habe mit Heiden gegessen; sie besuchen regelmäßig den Sabbath und beobachten die Ceremonien, und bezeichnen die als falsche Zeugen, welche von Stephanus behaupten, er habe gesagt: Christus wolle die Sitten Mosis ändern. Paulus läßt sich am Schluß seines Nasirgelübdes sein Haar schneiden; er bringt in dem Tempel Opfer und läßt sich entsühnen. In dem Konzil der Apostel wird die Nichtverbindlichkeit des Gesetzes nur für die Heiden ausgesprochen. Später wird auch diesen die Beobachtung mehrerer Gesetze befohlen: des Nichtgenusses erstickten Blutes, des Fleisches vom heidnischen Opferkultus, des Götzendienstes, der Unzucht, des Mordes, des Diebstahls, des Ehebruchs, der falschen Zeugenaussage u. a. m. Wieder anderwärts sind die Stellen: »Alle Propheten und das Gesetz bis auf Johannes.« Man sieht, daß man lange schwankte, ehe die Auflösung des Gesetzes thatsächlich durchgesetzt wurde. Wenden wir uns von da zum Judenthume zurück, so wissen wir, daß schon die Propheten gegen die mechanische Gesetzesübung, die Werkheiligkeit derselben, ihre Stimme erhoben. Das Gesetz soll als Lehre mit seiner Wirkung nach Innen geübt werden. Die Vereinigung von Beiden, der äußern That mit der durch sie erzeugten Verinnerlichung, stellten sie als Zweck des Gesetzes auf. Eine Abweichung hiervon machte sich in der letzten Hälfte des zweiten jüdischen Staatslebens bei den Juden in Alexandrien und den griechisch gebildeten Juden überhaupt geltend, die das Gesetz allegorisch auslegten, in jeder Bestimmung die Hülle einer philosophischen Idee sahen, sich nur mit der Idee allein befaßten und die Ausübung des Gesetzes vernachlässigten. So klagt Philo, der Alexandriner über die Nichtvollziehung des Gesetzes bei seinen Landsleuten. Auch bei den Essäern, die ebenfalls der Allegorisirung der heiligen Schrift ergeben waren, schien eine Erschlaffung in der Beobachtung mancher Gesetze eingetreten zu sein. Sie brachten keine Opfer, besuchten weniger den Tempel, schlossen keine Ehen u. a. m. Neben ihnen waren es die jüdischen Mystiker, die auch die allegorische Schriftauslegung liebten und von der Auflösung des Gesetzes in der Zukunft, der zukünftigen Welt (s. d. A.) sprachen.‎ ‎Dagegen behält das von diesen äußern Einflüssen rein gebliebene Judenthum den biblischen Standpunkt fest und spricht sich entschieden für die weitere Verbindlichkeit des Gesetzes aus. Das Christenthum schloß sich also dem jüdischen Hellenismus und den aus diesen sich bildenden jüdischen Mystikern an und machte die Auflösung des Gesetzes zur offenen Thatsache. B. Die Tradition. Die Stellung des Christenthums zur Tradition bietet weiter keine weitere Schwierigkeiten. Offen bringen die Evangelien die Opposition gegen die Gesetzeslehrer und deren Anordnungen, die öffentlich übertreten werden. Sie verschreien ihre Satzungen als eine Ueberhäufung, die das Gesetz zerstören, ihre Frömmigkeit als ein Werk des Aeußern. Jesus selbst bricht die Schranken des Chaberbundes (s. d. A.), speist in Gemeinschaft mit Zöllnern und frägt nicht, ob Alles verzehntet sei. Seine Schüler speisen ohne sich früher die Hände zu waschen, er vertheidigt sie und erklärt die Tradition als etwas Ersonnenes. Auch damit brachte das Christenthum nichts Neues, es hatte darin an den Sadducäern und Hellenisten seine Vorläufer, welche die Tradition leugneten und die Anordnungen der Pharisäer bekämpften. Nicht desto weniger findet sich mancher Grundsatz der Tradition in den Lehren Jesu. C. Die Sittenlehre. Hier war es, wo das Christenthum mit der strengsten Consequenz an seiner Aufgabe arbeitete, mehr eine Religion des Gemüthes als des Verstandes, des Jenseits als des Diesseits zu werden. Die Bekämpfung des Judenthums in seinem Princip: »durch die Erde zum Himmel, durch das Diesseits zum Jenseits!« wie es das ganze Gesetz durchzieht und der Grund zu dessen Vollziehung ist, wird bis aufs Einzelne durchgeführt. Man hatte hier nicht, wie beim Gesetz gegen eingelebte Gebräuche zu kämpfen, auch beim frömmsten Pharisäer konnte die Weiterführung des Sittengesetzes durch Hinzufügung neuer Lehren und Anordnungen keinen Anstoß finden. Und doch war dasselbe nur eine Auflösung, eine Zerstörung des Gesetzes, was angeblich nur eine Erfüllung desselben sein sollte. ‏‎So hebt es das Ehescheidungsgesetz aus, indem es dasselbe als eine Concession an die Hartherzigkeit des Menschen erklärt und anstatt dessen das Gebot aufstellt: »Der Mensch soll nicht lösen, was durch Gott verbunden worde.« Die Gesetze der Wohlthätigkeit werden soweit ausgedehnt, daß sie zur Vernichtung des Besitzes führen müssen. »Verkaufe Alles, was du hast und vertheile es den Armen.« Gegen die Rechtsbestimmungen im Mosaismus und ihre weitere Entwicklung durch die Gesetzeslehrer sind die Lehren: »Ihr habt gehört, du sollst nicht morden« und wer einen Mord begeht, wird im Gericht schuldig erklärt. Aber ich sage euch, wer über seinen Bruder umsonst zürnt, wird schon im Gericht schuldig befunden u. s. w.;« »Schlägt man dich auf die eine Backe, gieb die andere hin;« « »Wer dir den Oberrock nimmt, dem reiche auch den untern Rock dazu.« So ist schon Ehebruch, wenn man eine Frau ansieht und nach ihr gelüstet. Gegen die biblische Lehre vom Bösen, »dasselbe nicht in den Gegenständen, sondern im menschlichen Herzen zu suchen« (s. Böses) sind die Aussprüche: »Aergert dich deine Hand, haue sie ab, ärgert dich dein Auge, reiße es aus u. s. w.« Als Grundgesetz aller dieser Lehren wird die Gottes- und Nächstenliebe aufgestellt, wobei uns die Hinweisung auf das Gesetz, daß dasselbe den Feind zu hassen gebiete, unverständlich bleibt, da das Gesetz durch mehrere Bestimmungen die Feindesliebe befiehlt und ausdrücklich lehrt: »Du sollst deinen Bruder nicht in deinem Herzen hassen, weise deinen Nebenmenschen zurecht und lade auf ihn kein Vergehen.«‎ Fragen wir nach den Quellen dieser Lehren, so sind es, wie wir schon oben angegeben, die vielen in den beiden Talmuden und Midraschim zerstreuten Moralsätze, die ähnliche Lehren u. Bestimmungen als »Sitten der Chassidäer,« ‏,מדות חסידים‎ »Wege der Frommen« zur Beachtung empfehlen. Die Sittenlehre der Chassidäer, der Genossenschaft der Frommen (siehe Chassidäer), die übrigens auch von den Essäern geübt wurde, ist unleugbar die Quelle der christlichen Sittenlehre. Von dieser kommt die Nächstenliebe als Grundgesetz vor; in dem apokryphischen Buche Tobi 4. 15. »Was dir selbst verhaßt ist, thue auch Andern nicht;« im Talmud als Ausspruch des Gesetzeslehrers Hillel (100 v.) mit dem Zusatz: »und das Uebrige ist seine Erklärung;« des Gesetzeslehrers R. Akiba: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist ein großer Hauptsatz in der Lehre, Thora.« Auch die Liebe gegen Gott betrachtet Letzterer als ein Grundgesetz, ganz so, wie es in Mtth. 22. 37—40. vorkommt. Ueber die andern Lehren im Talmud, die mit obigen Sittensprüchen auffallende Aehnlichkeit haben, verweisen wir auf die Artikel: Abba, Abbitte, Abhängigkeit, Almosen, Armuth, Arbeit, Arme, Barmherzigkeit, Beschämen, Bescheidenheit, Böses, Buße, Dankbarkeit, Demuth, Ehebruch, Ehre, Ehrgeiz, Eid, Eidesformel, Engel, Feindesliebe, Nächstenliebe, Lehre und Gesetz, Liebe gegen Gott, Welt der Zukunft u. a. m.« D. Glaubenslehren, Dogmen. a. Gott, Dreieinigkeit. Die Lehre von Gott ist eine der Dogmen, in Folge derselben das Christenthum aus dem Judenthume schied. Noch das Evangelium Marcus 12. 29. läßt Jesu das mosaische Bekenntniß des Glaubens an einen Gott mit den Worten aus ‏5‎ M. 6. 4. sprechen: »Höre Israel, der Ewige unser Gott ist der Ewige der Eine!« und zum Grundsatz seines neuen Glaubens machen. Aber schon Mtth. 28. 19. hat die Formel der Dreieinigkeit: »Vater, Sohn und heiliger Geist« anstatt des biblischen Einheitsglaubens. Am entschiedensten haben Paulus und Johannes die Trinität als den Gottesglauben des Christenthums hingestellt. Doch hat es auch darin seine Vorläufer an den Hellenisten in Palästina und dem jüdischen Alexandrinismus in Aegypten, die bald von der »Weisheit,« bald von dem »Logos« als selbstständigen Wesen, Theilen der Gottheit, sprechen. Philo, der Repräsentant der alexandrinischen jüdischen Philosophie, nennt ansdrücklich den Logos den Erstgebornen Sohn Gottes. Ebenso kennen die Cbassidäer, die Essäer, Mystiker, Kabbalisten den heiligen Geist als ein Wesen für sich, ob als Theil der Gottheit, ist ungewiß. Jedenfalls wird er als Offenbarer der Zukunft, ohne den keine Prophetie möglich ist, gehalten. Wie sehr sich das Judenthum gegen diesen Trinitätsglauben verwahrt und welche Opfer es willig für die Erhaltung seines Einheitsglaubens gebracht, hat die jüdische Geschichte mit blutigem Griffel verzeichnet. Ueber die andern Lehren und Dogmen: die Erbsünde, das Böse, die Freiheit, die Vorherbestimmung die Erlösung, die Gnade, den Tod, die Vergeltung, das Jenseits u. a. ‏m.‎ verweisen wir der Ausführlichkeit wegen auf die betreffenden Artikel im Einzelnen. Von diesen vier Theilen der christlichen Lehre ist es nur der dritte, des Sittengesetzes, in welchem das Christenthum seine Beziehungen zum Judenthume nicht ganz gebrochen hat. Man findet in den noch erhaltenen Lehren und Sprüchen des talmudischen Schrisfthums das Zeugniß seines jüdischen Ursprunges, seiner jüdischen Lehr-, Sinn- und Handlungsweise. Dagegen ist das Christenthum mit den Lehrsätzen der Dogmatik und theilweise auch der Anthropologie ganz aus dem Judenthume getreten. Dasselbe ging hier seinen eigenen Weg, es knüpfte an die Resultate des Judengriechenthums, des jüdischen Hellenismus und Alexandrinismus, die bekanntlich aus dem Streben nach einer Vereinigung des Griechenthums mit dem Judenthume hervorgingen, sowie an die des Mystizismus an, und entwickelte sich als ein Drittes, das die von Letztern angebahnte Vereinigung zu einer völligen Verschmetzung konsequent durchführte und so die Stätte seiner Geburt und Heimath, das Judenthum auf immer verließ. III. Geschichte. Nicht die Geschichte des Christenthums in der Entwicklung seiner Lehren und Dogmen, seiner innern Kämpfe und Spaltungen, seiner Ausbreitung nach Aussen — ist unsre Sache, da dies der christlichen Kirchengeschichte angehört. Wir haben hier nur denjenigen Theil seiner Geschichte vor, der von der Berührung des Christenihums mit dem Judenthume nach seinem Ausscheiden aus ihm, von dem Geschicke seiner in ihm gelassenen Reste, sowie derjenigen Lehren, aus denen es hervorgegangen und die an dasselbe noch immer erinnerten, handelt. Die Vorläufer des Christenthums haben wir bereits genannt, es waren die Essäer mit ihren Theosophien, ihren Vereinen, ihrer Trennung von Tempel und Opfer, ihrer Verachtung des Weltlichen, ihrem Hinblick aus das Jenseits und ihrer symbolisch mystischen Auffassung der Schrift, sowie der jüdische Hellenismus und Alexandrinismus mit seiner Gott-, Logos- und Menschenlehren. Ersterm hat das Christentum seine Geburt und Letzterm seine Erziehung zu‎ verdanke. Das Christenthum schied aus dem Judenthume, aber diese seine beiden geistig Verwandten, sowie ein Theil seiner ersten Anhänger verblieben in demselben. Das Judenthum barg somit in seinem Schooße, wenn wir uns einer bildlichen Benennung bedienen dürfen, den Vater, den Erzieher und einen Theil der ersten Kinder des Christenthums; es hatte somit noch dessen Boden und erstes Wachsthum in seiner Mitte, Grund zur Befürchtung einer Verchristlichung seines innern Wesens. Der Schutz vor derselben und die fernere Erhaltung seines Daseins geboten ihm mehrere Maßregeln. Die Bekämpfung des jüdischen Hellenismus war das Erste. Die Darstellung Gottes; ausschließlich in der Eigenschaft der Liebe und Gnade, war ein Lieblingsthema des jüdischen Alexandrinismus, wobei er gewöhnlich aus mehrere Gesetzesstellen im Pentateuch hinwies. Gegen dieselbe sind mehrere Aussprüche der Gesetzeslehrer des 1. und 2. Jahrh. n.: »Wer da betet: Gott! wie du dich der Mutter mit den Küchlein erbarmst, Mitleid hast für die Mutter und ihre Jungen, sie nicht an einem Tage zu schlachten (3 M. 22. 28.), erbarme dich unser!« soll darin unterbrochen werden; »Wer zur Uebersetzung der Gebote in 3 M. 22. 28 hinzufügt: »Mein Volk! sowie wir im Himmel barmherzig sind, sei auch du auf der Erde« thut Unrecht, denn er macht das Gesetz nur zum Werke der Barmherzigkeit;« »Wer da sagt, Gottes Barmherzigkeit ist ohne Ziel und Grenze, dessen Tage werden gekürzt. Gott ist voll Barmherzigkeit, aber nicht so, daß er nicht den Frevler zur Zeit bestrafe.« Um der Willkürdeutung des Gesetzes überhaupt ein Ende zu machen, sprach R. Jochanan b. S., ein Lehrer des 1. Jahrh. n. bei der Erklärung der Entsündigungsasche: »Wisset, der Todte Verunreinigt nicht, das Sprengwasser reinigt nicht, aber ein Befehl Gottes ist es, gegen welches wir nicht weiter nachsinnen dürfen.« Ebenso war die Lehre des R. Eleasar ben Asaria: »Der Mensch sage nicht, ich möchte nicht dieses und jenes Verbotene genießen, sondern spreche: »ich möchte es, aber mein Vater im Himmel hat das Verbot über mich verhängt, da man sich dadurch von der Sünde trennt, um die Arbeit für das Gottesreich auf sich zu nehmen.« Diesem reihen wir die Zurückweisungen der christlichen Angriffe auf das Judenthum an, die im alten Testament die Lehre von dem Dreieinigkeitsglauben, dem Messias als Gottessohn, der Auflösung des Gesetzes und Ersetzung desselben durch ein anderes nachzuweisen sich bemühten. Dieselben haben wir in einer Form von Disputationen und Gesprächen zwischen den Gesetzeslehrern und den Christen, meist Judenchristen, die wir in den Artikeln: »Einheit Gottes« und »Minim, Sektirer« zusammengestellt haben und hier nicht weiter wiederholen wollen. Hervorgethan haben sich in solchen geistigen Kämpfen: im 1. und 2. Jahrh. n. die Gesetzeslehrer: R. Gamliel, R. Josua ben Chananja, R. Akiba, R, Tarphon u. a. m. Jm 3. und 4. Jahrh. n. die Lehrer: R. Simlai, R. Josua ben Levi, R. Abbahu u. a. m. Gegen die Auflösung des Gesetzes durch den Messias, Christus, und die Ersetzung desselben durch das Evangelium war ihre Lehre: »Nicht Israel, nur die Völker bedürfen der Lehre des Messias, für Letztere ist sie;« ferner: »Sie, die Lehre, ist nicht im Himmel« (5 M. 30, 12.,) so sage nicht ein anderer Moses stand auf und brachte eine andere Thora (Lehre) vom Himmel, ich bezeuge es dir, daß nichts von derselben im Himmel geblieben ist.« Es folgte nun eine Reihe von Anordnungen zum Schutz des Judenthums gegenüber dem Christenthume. Im Gebete soll die dem Schema-Gebet (s. d. A.) sich anschließende Rezitirnung der Zehngebote wegbleiben, weil man christlicher Seite annahm, sie allein bilden das geoffenbarte Gesetz; ferner soll nach dem Schema-Gebete folgender Satz: »Gepriesen sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches« laut gesprochen werden, damit jeder Hintergedanke bei dem Bekenntnisse des Einheitsglaubens vermieden werde. Zur Ausscheidung der Judenchristen wurde dem Achzehngebet (s. Schimone Esre) ein Gebet für das Schwinden der Irrlehren hinzugefügt und angeordnet, nicht diejenigen zum Vortrag des Gebetes zuzulassem die nicht in farbigen Gewändern oder in Schuhen vorbeten wollen. Unterbrochen im Vortrage muß der werden, der im Achzehngebet die Formel: »ich danke dir« als zu zwei Gottheiten, wiederholt, ferner: »Alle Guten preisen dich!« ausrufen u. a. m.‎ Wie stark die gegenseitige Berührung des Christenthums mit dem Judenthume im 1. und 2. Jahrh. n. war, geht daraus hervor, daß der Patriarch R. Gamliei II. einen christlichen Philosopben aufsucht und ihm eine Stelle aus dem Evangelium Matthäi zitirt; R. Elieser Sohn Hyrkanos Erklärungen des Gesetzes von einem Judenchristen Jakobus (s. d. ‏A.)‎ annimmt und später in der Christenverfolgung unter Trajan in Gefahr kommt für einen Christen gehalten und auf Befehl des römischen Prokurators hingerichtet zu werden. Ein Anderer R. Jose ben Chalephta (s. d. A.) geht ihnen Trost zuzurufen; R. Josua den Chananja (s. d. A.) entschuldigt sich, ihre Vorträge versäumt zu haben und ein Mar Sohn Joseph bekennt sich zu ihnen (Sabbath 152.) Wieder Andere: Bendima, der Schwestersohn von R. Jsmael, Chananja, der Brudersohn R. Josuas und Juda ben Nekita lebten mit Judenchristen in mehr als freundlichem Verkehr. Der Schwestersohn des R. Josua Sohn Levis (im 2. Jahrh.) ließ sich von dem schon genannten Jakobus durch Einflüsterung einer Heilformel im Namen Jesu heilen. Die Frau des R. Mair bittet ihren Mann nicht den Judenchristen wegen der ihm zugefügten Kränkungen zu fluchen, sondern lieber für deren Bekehrung zu beten. Noch im 3. Jahrh. n. verkehrten gern mit dem Lehrer R. Abbahu Christen, mit denen er über Bibelstellen disputirte. Man stellte den Lehrsatz auf: »Mit der Linken verstoße sie, aber deine Rechte nehme sie wieder auf;« »Urtheile nicht früher bis du selbst in dieser Lage gewesen.« Besser war dieses Verhältniß noch bei den Juden in den babylonischen Ländern, wo die Christen keine solche herausfordernde Stellung einnahmen und es Judenchristen überhaupt gar nicht gab. Man beachtete daselbst obige Anordnungen gar nicht. Diesem allein hat man es zu verdanken, daß in dem spätern Schriftthume der Midraschliteratur und der aramäischen Bibelübersetzungen, der Targumim, die in Babylonien ihre Redaktion erhalten haben, die Stellen über Messiasthum heiligen Geist u. a. m., die an die christlichen Lehren erinnern und gewiß Reste des Essäismus und des jüdischen Mysticismus sind, erhalten wurden. Von nicht geringer Toleranz, die Nachahmung verdient, war auf der Seite der Juden die Abschaffung des Fasttages am Sonntage, weil die Christen denselben Tag als Fest begehen. Mehreres siehe: Evangelien, Jesu von Nazara, Minin, Griechenthum, Gnostizismus, Judenchristen, Essäer, Philo. Ueber die gegenseitige Polemik des Christenthums mit dem Judenthume in der talmudischen Zeit und im Mittelalter siehe: Polemik und Apologetik.